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An einem Herbsttag, die Bäume zeigten sich in den schönsten Farben… Möchten Sie, dass dieses Märchen wahr wird?  

An einem Herbsttag, die Bäume zeigten sich in den schönsten Farben, trat Tom H. aus dem Bild heraus, in dem er sich seit Jahren eingerichtet hatte. Es war eine impulsive Handlung, zu der er sonst eher nicht neigte, war er doch ein kühl denkender Mann, lange genug im höheren Management tätig, um auch die damit verbundenen finanziellen Vorteile nicht geringzuschätzen. Was ihn dazu bewogen hatte, herauszutreten, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Das immer größere Unbehagen, welches seit langem in ihm nistete, hatte er bisher erfolgreich zu verdrängen versucht. Und kaum getan, bereute er noch in derselben Minute seinen spontanen Schritt. Zu allem Unglück fiel er zusätzlich aus dem Rahmen. Er konnte sich gerade noch rechtzeitig festhalten. Da schaukelte er nun, an einem Arm baumelnd, die Finger krampfhaft um den Rahmen geklammert, über dem Nichts! Hinter ihm befand sich das Bild seines Lebens. Die teure Eigentumswohnung, von einer Innenarchitektin aufwendig in kühlen, zu ihm passenden Farben ausgestattet. Der schnelle rote Sportwagen, mit dem er sich immer noch jung fühlte, trotz seiner 58 Jahre. Die Dachterrasse war von einem begabten Gartenbauarchitekten in einen strengen Zen-Garten verwandelt worden. Hier hatte er immer Ruhe finden können. Zugegebenermaßen war ihm das in der letzten Zeit auch dort nur noch mithilfe eines Drinks gelungen. „Wieso hänge ich jetzt hier?“, fragte er sich und spürte gleichzeitig entsetzt, wie der Ärmel des teuren Maßanzuges riss, seine Finger sich lösten und er in das Nichts fiel. Als er zu sich kam, glaubte Tom zu träumen. Er befand sich im blauen Wasser der Karibik. Bunte Fische flitzen um ihn herum, so wie er es in seinem zehntägigen Sommerurlaub vor nicht allzu langer Zeit erlebt hatte. Mit kräftigen Zügen durchpflügte er die kristallklaren Fluten. Das sollte ihm erst einmal einer nachmachen! So glücklich abzustürzen! Allmählich begann es zu dämmern. Wie schnell der Abend angebrochen war! Und was war mit dem Wasser geschehen? Es wirkte plötzlich trüb und stank! Fische sah er keine mehr, dafür trieben jetzt Unmengen an Plastiktüten und ekelerregendem Unrat vorbei. Als ein Fischkadaver sein Gesicht berührte, schrie er auf. Panisch blickte er zum Ufer. Doch auch dort gab es nichts anderes als Müll und abgestorbene Bäume reckten die kahlen Äste in den grau verhangenen Himmel. Kein Mensch war zu sehen. Industrieruinen mit abweisenden schwarzen Fensterhöhlen prägten die Landschaft. Trotz der einbrechenden Dunkelheit konnte Tom H. in der Ferne ein Atomkraftwerk ausmachen, jedoch nicht, ob es in Betrieb war. Entsetzen packte ihn. Sein Herz begann zu rasen. Er bekam keine Luft mehr und drohte in den verschmutzten Fluten zu versinken. Mit jagendem Puls und schwer atmend erwachte Tom aus seinem Traum, stürzte aus dem Bett, riss das Schlafzimmerfenster auf und ließ die frische Morgenluft in seine Lungen strömen. Nur langsam beruhigte sich sein Atem. Er betrachtete die vor dem Haus stehenden Bäume und die blühenden Büsche auf dem gepflegten Rasen plötzlich mit anderen Augen, freute sich über ihre Farben und Formen. Vor dem Fenster gingen Menschen geschäftig vorüber. Sie würdigten ihre Umgebung kaum eines Blickes, telefonierten oder starrten dumpf zu Boden. Bis vor kurzem war Tom einer von ihnen gewesen, doch nun war klar: Seit er aus dem Rahmen gefallen war, gelang das nicht mehr. Nie wieder würde ihm das passieren. Er wusste nun und konnte nicht mehr vergessen. Und da manche Märchen wahr werden, sah Tom seinen Weg deutlich vor sich. Er würde all seine Kräfte einsetzen, um dazu beizutragen, eine lebendige Umwelt zu erhalten. Wir sollten uns ihm anschließen und nicht darauf warten, bis wir eines Tages aus dem Rahmen fallen. Es könnte unser Ende bedeuten!

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