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Was meint nun Lukács, wenn er von der Seele spricht?
Mit Seele bezeichnet er das ‚authentische Sein’ des Menschen, von dem es auch ein Gegenteil, das ‚inauthentische Sein’, gibt, das mit ‚bloßer Existenz’ oder ‚gewöhnlichem Leben’ charakterisiert werden könnte.

Eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist ‚Die Seele und die Formen’ des ungarischen Philosophen Georg Lukács, der als einer der bedeutendsten Erneuerer der marxistischen Philosophie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt, und das ich auf eine für philosophische Werke untypische Art berührende, weil Lukács das Buch nach dem Suizid seiner Geliebten schrieb und diesen auch indirekt darin thematisiert.
‚Die Seele und die Formen’, Lukács’ erste Buchveröffentlichung, ist eine Sammlung von zehn Essays u.a. über Sören Kierkegaard, Novalis, Theodor Storm und Stefan George, durch die sich wie ein roter Faden Lukács’ Auffassung der Begriffe ‚Seele’ und ‚Form’ zieht.
Was meint nun Lukács, wenn er von der Seele spricht?
Mit Seele bezeichnet er das ‚authentische Sein’ des Menschen, von dem es auch ein Gegenteil, das ‚inauthentische Sein’, gibt, das mit ‚bloßer Existenz’ oder ‚gewöhnlichem Leben’ charakterisiert werden könnte. Die Seele ist authentisches Sein im doppelten Sinn: Einerseits ist sie die Substanz der menschlichen Welt, ein schaffendes und formendes Prinzip jeder gesellschaftlichen bzw. kulturellen Einrichtung, andererseits ist sie der Kern, durch den jede Persönlichkeit Einzigartigkeit erlangt. Nur solches Leben, schreibt Lukács, ist authentisch, das durch das Erleben der ‚Selbstheit’ der Seele, sprich im Erleben der Seele selbst, erreicht wird. Ein Beispiel für das Erleben der ‚Selbstheit’ der Seele ist die Grenzerfahrung Tod: Das Maximum des Lebens sei nur im Tod erreichbar, schreibt Lukács.
Die Seele, so Lukács weiter, bedürfe zu ihrer Strukturierung der Form, denn auf der untersten Stufe befinden sich seiner Meinung nach das ‚Leben in seiner Unwesentlichkeit mit seiner chaotischen Erlebnishaftigkeit und der damit verbundene dekonzentrierte Mensch’. Darauf nun baue sich eine Ebene auf, die das Unwesentliche wesentlich mache, das Dekonzentrierte konzentriere und das Chaotische entchaotisiere – die Form. Der Begriff ‚Form’ bezieht sich demnach nicht nur auf Kunstwerke, sondern auch auf das Leben, die Handlungen des Einzelnen: Die Form erfüllt so allgemein die Funktion der Sinngebung, da sie eine Reaktionsweise der Seele auf das Leben darstellt. Sie wird wiederum vom Schicksal bestimmt, da das Schicksal als die der Form übergeordnete Instanz der Seele ihre Bestimmung gibt. Die Form ist nach Lukács’ Auffassung eine Art ‚Richterin des Lebens’, indem sie sich im Leben als ‚Geste’ äußert: „Die Geste ist das Paradox; der Punkt, in dem Wirklichkeit und Möglichkeit sich schneiden, Endliches und Unbegrenztes, Leben und Form; die Geste ist der Sprung, mit dem die Seele aus dem einen in das andere gelangt, um die ewige Gewissheit der Formen zu erreichen.“ Das heißt, aus dem unwesentlichen Leben kann durch die Form wesentliches Leben, aus dem Chaos der Gehalt – wir könnten dazu auch Sinn, Bedeutung im Leben sagen -hervorgehen.

Anna Kim, geb. 1977 in Daejeon (Südkorea), lebt in Wien. Autorin von ‚Die Bildspur’ (2004) und ‚Die gefrorene Zeit’ (2008). Nähere Informationen: www.annakim.at

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