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Lesen zu können ist wie selbstverständlich in unserem Alltag verankert. Manchmal gerät allerdings in Vergessenheit, dass es nicht immer leicht zu erlernen ist!

Ich bin klein, kenne noch keine Buchstaben, sitze mit laut klopfendem Herzen an unserem Küchentisch. Meine Beine baumeln in der Luft, der Stuhl ist für mich viel zu hoch. Die Ellbogen habe ich fest auf die Tischplatte gestützt, dadurch kann ich mir besser die Ohren zuhalten. Ich habe Angst und kann kaum atmen. In meiner Brust scheint ein kleiner flatternder Vogel verborgen zu sein, der heftig und unregelmäßig von innen dagegenstößt. Ich wiege mich leicht hin und her, um ihn zu beruhigen. Am liebsten würde ich leise singen. Aber ich muss still sein. Fest presse ich meine Lippen zusammen, damit mir kein Laut entfährt. Mit gesenktem Kopf starre ich auf die Tischdecke. Die aufgedruckten bunten Figuren, die ich sonst gerne betrachte, wirken heute seltsam blass und verschwommen. Ich fühle mich wie in Nebel eingehüllt und höre meine ältere Schwester, die sich im Badezimmer eingeschlossen hat, laut weinen. Vater hämmert immer wieder wütend gegen die Tür und befiehlt ihr herauszukommen.
Ich habe das Gefühl, immer kleiner zu werden. So klein, bis ich in ein Mauseloch hineinpasse. Niemand würde mich dort finden, so still und klein, wie ich dann bin. Aber ... Vater würde mich suchen kommen und böse werden, wenn ich nicht herauskäme. Mich vielleicht schlagen, wie kurz zuvor meine Schwester, weil sie die Sätze in ihrem Lesebuch nur stockend hatte lesen können. Da steigt plötzlich aus meinem tiefsten Inneren wie ein Rettungsanker die erlösende Antwort auf: Ich will ganz schnell lesen lernen, viel besser als meine Schwester. Dann kann mir das niemals passieren. Der Gedanke tröstet mich und ich spüre, wie sich der kleine Vogel in meiner Brust langsam beruhigt.
Wie gut, dass ich damals nicht geahnt habe, dass es Zeit brauchen würde, um lesen zu lernen, und dass es auch nicht einfach ist. Aber ich übte fleißig und später wurde das Lesen zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen. Vielleicht hat es mir auch hin und wieder das Mauseloch ersetzt, in das wir gelegentlich hineinkriechen möchten.

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