Blog

Wer wünscht sich nicht ab und an ein klein wenig Magie in dunklen Momenten? Ein neuer mitreißender Blog von Claudia Bülow.

Versunken, vergessen, schon längst vorbei? Ohne nennenswerten Abschied, einfach in Auflösung begriffen? Ein Ende kommt immer, nur weiß man nie, wann und wie es eintreten wird – leise heranschleichend oder mit lautem Getöse? Doch das ändert nichts an dem Ausgang der Geschichte. Wenn alles in die Ewigkeit fällt, löst es sich auf …
Es ist ihr, als sei sie in einen tiefen Brunnen gefallen, auf dessen Rand sie noch vor kurzem so glücklich tanzte. Abgerutscht, hinuntergestürzt, die Prinzessin spielte mit einem goldenen Ball, ganz in ihr Spiel versunken. Im hellen Licht der Freude und des Glücks. Wie rannte sie übermütig über die Wiese, spürte das weiche Gras zwischen ihren Zehen, atmete tief die nach Rosen duftende laue Luft ein. In der Nacht konnte sie vor Sehnsucht nicht schlafen und ihr Herz schlug viel zu schnell. Ihre Wangen waren rosig, aber schmal, denn sie lebte nur von Luft und Liebe. Das Leben breitete sich in seiner ganzen Herrlichkeit vor ihr aus.
Nun war sie im dunklen Schacht gefangen. Meterhohe Wände umgaben sie. Sie fror und fürchtete sich. Wie hatte sie nur hierher geraten können, in dieses einsame, schwarze Loch? Sie glaubte, nie wieder herausfinden zu können, und weinte bitterlich.
Die Zeit verging. Niemand kam, um sie zu retten. Vor allem der Einzige, von ihr Ersehnte nicht. Er tanzte längst auf einer anderen Wiese, im hellen Licht, Blumen bekränzt. Wie durch einen Zauber alles, was früher war, vergessend.

Aber er hatte ihr ein letztes Geschenk gemacht, ein Buch. Sie hielt es in ihren Händen. Doch da es dunkel um sie herum war, konnte sie nicht darin lesen, und es erschien ihr nutzlos. Oft haderte sie damit, es angenommen zu haben. Ein anderes Mal weinte sie Tränen der Rührung. So ging das eine Weile. Und sie saß immer noch in ihrem Gefängnis, wusste nun aber, dass sie alleine herausfinden müsste, wollte sie nicht für alle Zeiten dortbleiben.
Aus Mangel an anderen Möglichkeiten stieg sie in einem eher trotzigen Moment auf das Buch, um die sie umgebenden Wände abzutasten. Weit oben sah sie das Tageslicht schimmern. Große Sehnsucht ergriff sie, wieder aus der Dunkelheit und dem Meer der Tränen aufzutauchen. Sie stieg vom Buch herunter und um sich zu beschäftigen, begann sie mühsam im spärlichen Licht Buchstabe für Buchstabe zu entziffern. Was sie las, gefiel ihr und sie strengte ihre Augen an, um weiterzulesen. Immer wieder stieg sie auf das Buch, um dem Tageslicht etwas näher zu sein. Eines Tages bemerkte sie zu ihrem großen Erstaunen, dass das Buch immer höher hinaufreichte. Wie durch Zauberhand trug es sie nach jeder gelesenen Geschichte ein Stück weiter nach oben. Das spornte sie an weiterzumachen, bis sie eines Tages den Brunnenrand erreichte und sich mit eigener Kraft herausziehen konnte. Erst zögernd, dann voller Freude schaute sie in das helle Licht. Sie griff schnell nach dem Buch, das ihr lieb geworden war, damit es nicht in den Abgrund zurückglitt. Längst hatte es wieder seine ursprüngliche Größe angenommen. Voller Dankbarkeit erkannte sie, welch wertvolles Geschenk sie erhalten hatte. Sie las in dem Buch und fand noch viele andere spannende Geschichten.
Vor goldenen Bällen und dunklen Brunnen aber nahm sie sich fortan in Acht.

Kommentar schreiben