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Martin Balluch, der österreichische Astronom und Philosoph zählt zu den bekanntesten österreichischen Tierrechtaktivisten und stellt hier sein spirituelles Lieblingsbuch 'A wolf called Romeo' von Nick Jans vor.

Eines Tages stand er plötzlich da. Ein Wolf. Ein riesiger Wolf, gut 70 Kilo schwer. Als die Labradorhündin des Autors auf ihn zulief, dachte er schon, es wäre um sie geschehen. Doch weit gefehlt. Der schwarze Wolf war sanft wie ein Lämmchen, spielte mit der wesentlich kleineren Hundedame und schloss eine innige Freundschaft. So beginnt ein sechsjähriges Zusammenleben einiger Haushunde und Menschen mit einem wilden Wolf.
Fast jeden Morgen lag er draußen im Schnee des zugefrorenen Sees und wartete auf seine Hundefreundin. Romeo wurde er deswegen genannt, der auf seine Julia wartet. Dieser wilde Wolf suchte kein Futter bei den Menschen, er jagte sich seine eigene Nahrung. Er suchte auch keinen Sex. Obwohl ihm sogar läufige Hündinnen begegneten, ließ er sich darauf nicht ein. Offenbar wollte er einfach friedlich zusammenleben, Freundschaften eingehen, und das auf Augenhöhe.
Es dauerte nicht lange und Romeo wurde breiteren Kreisen der ansässigen Bevölkerung bekannt. In Scharen strömten die Menschen zu dem See am Rande der Hauptstadt von Alaska, nahmen Fotos auf oder ließen ihre Hunde mit dem schwarzen Verwandten spielen. Obwohl es Tausende solcher Begegnungen gab, kam es nie zu Problemen. Einmal griffen zwei Schäferhunde den großen Wolf an und bissen ihn in den Rücken. Er hatte eine blutende Wunde und dennoch reagierte er nicht mit Gewalt.
Es war diese Freundlichkeit, diese scheinbar grenzenlose Toleranz dieses starken Wildtiers, die seine Feinde auf den Plan rief. Die Jägerschaft und diejenigen, für die der Wolf Todfeind und Bestie ist, die wollten nicht dulden, dass ihr Weltbild, quasi ihre soziale Ordnung, ins Wanken geriet. Ein Wolf hat nun einmal böse und bedrohlich zu sein. Wo kommen wir da hin, wenn plötzlich riesige Wölfe niemanden mehr gefährden? Ja, und wie lässt sich dann seine ständige Bejagung noch rechtfertigen?
Es gab eine ganze Reihe von Anschlägen auf sein Leben. Es wurden Fallen aufgestellt, Schüsse abgegeben, Giftköder ausgelegt. Fast grenzt es an ein Wunder, dass dieses friedliche Tier all diesen Gefahren entkam, diesem Verrat an seinem Vertrauen. Doch eines Tages schlug das Schicksal in Form zweier Jäger zu. Sie entdeckten den Wolf nahe einer Straße auf einem Parkplatz und erschossen ihn. Seinen Körper gaben sie dem Tierpräparator.
Die Tat war gesetzwidrig, die Gegend ein Naturschutzgebiet, die Jagd nahe einer Straße verboten. Die Freunde des Wolfes setzten alles daran, die Täter zu überführen. Nach einem Jahr intensiver Nachforschungen kam es zu Hausdurchsuchungen und einer Anklage. Doch das Vergehen war lediglich eine kleine Verletzung des Jagdrechts, die Jäger kamen ungeschoren davon. Es war doch nur ein Wolf. Einer von vielen, die jedes Jahr geschossen werden.

So traurig dieses Buch ist, so sehr gibt es auch Kraft und ein Vertrauen in die Welt. Der Autor hat selbst 20 Jahre lang in Alaska gejagt, auch Wölfe. Einmal erschoss er ein Wolfspaar und zog ihm die Haut ab. Als er Tage später an derselben Stelle vorbeikam, sah er die Familie der beiden Toten um die Leichname sitzen und trauern. Da entstand erstmals ein Sprung in seiner bis dahin unhinterfragten Einstellung zu Natur und Tieren. Diese Wölfe waren nicht einfach eine Statistik, sie waren Individuen mit Freundschaften, Persönlichkeiten mit einer eigenen Lebensbiografie.
Romeo schließlich hat den Autor vollständig von der Jagd, ja sogar vom Fleischkonsum abgebracht. Dieses mächtige schwarze Tier mit seinem freundlich-vertrauten Zugang zu den Menschen hat ihm das Herz gebrochen. ‚A Wolf Called Romeo‘ wird dadurch zum ultimativen Anti-Jagdbuch. Ein Jäger, der wie weiland St. Hubertus seinem Jagdopfer in die Augen schaut und darin ein Du erkennt. Noch darf man die Hoffnung für die Menschheit nicht aufgeben!

Martin Balluch, geboren 1964, ist studierter Mathematiker, Astronom und Philosoph. Er ist ein bekannter österreichischer Tierethiker und Tierrechtsaktivist.

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