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'Das wahre Buch vom südlichen Blütenland' - das spirituelle Lieblingsbuch von Buchautor und Psychologe Aljoscha Long.

Mein spirituelles Lieblingsbuch? Was ist ‚Spiritualität‘ überhaupt für mich? Ein Atheist hat da ja keine einfache Vorlage. Aber doch, ja, es gibt etwas Spirituelles für mich: das, was in einem Bild nicht Farbe, in einem Musikstück nicht Ton, in einem Text nicht Wort ist. Das Unsagbare, die Schönheit, die Liebe – und vor allem der Humor. Spiritualität ohne Schönheit, ohne Liebe und vor allem ohne Humor erscheint mir hohl. Bestenfalls wie eine leere Flasche Château Latour 61. Und nun fallen mir viele Bücher ein: ‚Gödel, Escher, Bach‘ von Douglas Hofstadter, ‚Fables of our Time‘ von James Thurber, ‚Kyberiade‘ von Stanisław Lem. Und natürlich Zhuangzi (= Dschuang Dsi).
Vor vielen, vielen Jahren, ich war noch Schüler, fand ich in der Bibliothek meines Vaters ‚Das wahre Buch vom südlichen Blütenland‘. Zufällig – oder wahrscheinlich eher, weil die Stelle schon oft gelesen war – schlug ich das Buch beim berühmten ‚Schmetterlingstraum‘ auf. „Zhuang Zhou träumte einst, er sei ein Schmetterling, ein bunter Schmetterling. Wie glücklich und zufrieden, frei zu tun, was ihm beliebte, nichts davon wissend, dass er Zhuang Zhou sei. Mit einem Mal erwachte er und war wieder ganz Zhou. Jetzt weiß ich nicht: träumte Zhou, er sei ein Schmetterling, oder träumte der Schmetterling, er sei Zhou – und doch besteht gewiss ein Unterschied zwischen Zhou und einem Schmetterling. Das ist die Wandlung der Dinge.“ Danach konnte ich nicht aufhören und las weiter. Das, was mir das Buch sagt, steht nicht in den Worten, sondern dazwischen. Ist es also tatsächlich mein ‚spirituelles Lieblingsbuch‘? Die Worte sind eigentlich nichts als Tintenkleckse. Das, was berührt, steckt nicht in der Tinte. So scheint mir das – aber was weiß ich?
Zhuangzi zeigt, dass alles schlaue Plappern letztlich doch nie den Kern der Dinge treffen kann. Es hilft nichts: Man muss in sich hineinsehen, sich selbst erkennen, erkennen, dass es da gar nichts gibt, was man erkennen könnte … Und dennoch ist das Plappern ja nicht ganz sinnlos. Worte sind nicht völlig sinnlos: Mit etwas Glück bringen sie in anderen eine Saite zum Schwingen und Gedanken, Gefühle und Einsichten entstehen. Mit sehr viel Glück sogar Mitgefühl und Lachen. Worte und Argumente führen in die Irre. „Der Himmel, die Erde und ich haben dieselben Wurzeln. Alle Dinge sind eins mit mir. Da sie eins sind, kann es nicht dazu noch ein Wort dafür geben. Doch habe ich sie Eins genannt – es gibt also noch ein Wort dafür. Also sind das Eine und das Wort – das sind zwei. Zwei und eins sind drei. Und so kann man weitermachen, bis auch der größte Rechenmeister nicht mehr folgen kann – um wie viel weniger dann erst die gewöhnlichen Menschen! Wenn man aber bereits vom Nicht-Sein das Sein erreicht und bis zu drei kommt – wohin kommt man erst, wenn man vom Sein zum Sein gelangen will! Damit erreicht man gar nichts. Genug davon!“ Nein – noch nicht genug davon. Erst noch meine Lieblingsanekdote aus dem Lieblingsbuch: Zhuang Zhou und Hui-zi gingen am Ufer eines Flusses spazieren. Plötzlich rief Zhuang Zhou: „Wie fröhlich die Fische aus dem Wasser springen – das ist die Freude der Fische!“ Hui-zi entgegnete: „Wie könnt Ihr, der Ihr kein Fisch seid, die Freude der Fische kennen?“ Zhuang Zhou darauf: „Ihr seid nicht ich – wie könnt Ihr da wissen, dass ich die Freude der Fische nicht kenne? Ich erkenne die Freude der Fische an meiner Freude beim Wandern am Flusse.“

Aljoscha Long ist Psychologe, Buchautor, Komponist und Kampfkunstlehrer in München und Guangzhou. Bücher wie ‚Die 7 Geheimnisse der Schildkröte‘ wurden zu Bestsellern, die sogar ins Chinesische übersetzt wurden.

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