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Um Rücksicht üben zu können, müsste man stehen bleiben. Um zu lieben, zurück statt nach vorne gehen.

Doch, doch, ich habe sie, meine ‚Lieblingsbücher’, auch wenn es immer heißt, Lieblingsbücher, so etwas kann es nicht geben, weil heute noch Lieblingsbuch, morgen vergessen, übermorgen haha, was hab ich an dem Buch je gefunden? Bei mir ist das anders. Treffe ich einmal auf ein Buch, das mir einen neuen Himmel eröffnet, bleibe ich ihm für alle Ewigkeit treu. Wie da sind in der (umgekehrten) Reihenfolge unserer Bekanntschaft: Alessandro Bariccos ‚City’, Christoph Ransmayrs ‚Fliegender Berg’, Toni Morrisons ‚Jazz’, von Peter Carey ‚Das seltsame Leben des Tristan Smith’, ‚Das grüne Haus’ von Vargas Llosa, Jewtuschenkos ‚Wo die Beeren reifen’, der ‚Canopus in Argos’-Zyklus von Doris Lessing, Waggerls ‚Brot’, Christa Wolfs ‚Kassandra’, ‚Die Blechtrommel’ von Günter Grass und – als allererstes meiner seelisch-geistigen Wegweiser fürs Leben, ein Schüler bin ich damals gewesen: das Märchendrama ‚Libussa’ von Franz Grillparzer.1848 geschrieben, danach 30 Jahre schubladisiert, schon bei ihrer Uraufführung 1874 ein Flop, ist ‚Libussa’ bis heute ein Flop geblieben. Warum? Ich würde sagen, weil die Zeit noch immer nicht reif ist für ihre Botschaft: jener vom Scheitern unserer Zivilisation. Grillparzer symbolisiert deren Einzug durch die Gründung der Stadt (Prag) durch den Mann (Primislaus). Macht und Recht, Wissen und Nutzen, Fleiß und Fortschritt lösen eine weibliche, durch die feenhafte Prinzessin Libussa verkörperte Ur-Ordnung ab, die davor aus Weisheit, Vertrauen, Spürsinn und Stillstand bestanden hat. Libussa kapituliert vor dem männlichen Prinzip ‚Stadt’, sie tut es aus Liebe und sie tut es von Anfang an im Zweifel.
Ihr habt gegessen von dem Wissens-Baum
Und wollt euch fort mit seiner Frucht ernähren.
Glück auf den Weg! ich geb euch auf von heut.
Und eine Stadt gedenkt ihr hier zu bauen;
Hervorzugehn aus euern frommen Hütten,
Wo jeder war als Mensch, als Sohn und Gatte,
Ein Wesen das er selbst und sich genug.
Nicht Ganze mehr, nur Teile wollt ihr fortan sein
Von einem Ganzen, das sich nennt die Stadt,
Der Staat, der jedes einzelne in sich verbringt,
Statt Gut und Böse, Nutzen wägt und Vorteil
Und euern Wert abschätzt nach seinem Preis.

Schon als 15-Jähriger habe ich nicht verstanden, warum die Menschen im Bauen nicht das Kaputtmachen erkennen. Heute sehen wir, dass Wachstum und Fortschritt überall auf Kosten von Nächstenliebe und Rücksicht geschehen, ja, dass diese einander geradezu ausschließen: Um Rücksicht üben zu können, müsste man stehen bleiben. Um zu lieben, zurück statt nach vorne gehen.Der fünfte Akt gipfelt in einer Rede Libussas mit dem Duktus der Bergpredigt, in der sie den Menschen eine Läuterung prophezeit, die einst in einer Rückbesinnung münden wird:
Dann kommt die Zeit, die jetzt vorübergeht,
Die Zeit der Seher wieder und Begabten.
Das Wissen und der Nutzen scheiden sich
Und nehmen das Gefühl zu sich als Drittes;
Und haben sich die Himmel dann verschlossen,
Die Erde steigt empor an ihren Platz,
Die Götter wohnen wieder in der Brust,
Und Demut heißt ihr Oberer und Einer.
Bis dahin möcht' ich leben, gute Schwestern,
Jahrhunderte verschlafen bis dahin.
Ob dieser Jahrhunderte inzwischen genug vergangen sind?

NIKOLAUS GLATTAUER ist Integrationslehrer, Kolumnist und Buchautor in Wien. Mit ‚Der engagierte Lehrer und seine Feinde – Zur Lage in Österreichs Schulen’ gelang ihm ein Bestseller. Für ‚Schlaf gut, Susi! – Schlaf gut, Schlaf!’ wurde er mit der Aufnahme in die Kollektion zum Kinder- und Jugendbuchpreis 2010 ausgezeichnet.

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