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Das Buch, das mich als jungen Theatermenschen sehr beeindruckt hat, heißt in der deutschen Übersetzung etwas anders, nämlich: ‚Wir alle spielen Theater’. Erving Goffmans Buch trägt in der amerikanischen Originalausgabe den wunderbaren Titel: ‚The presentation of self in everyday life’. 1959 ist es in New York erschienen, auf Deutsch zehn Jahre danach.

Das Buch, das mich als jungen Theatermenschen sehr beeindruckt hat, heißt in der deutschen Übersetzung etwas anders, nämlich: ‚Wir alle spielen Theater’. Erving Goffmans Buch trägt in der amerikanischen Originalausgabe den wunderbaren Titel: ‚The presentation of self in everyday life’. 1959 ist es in New York erschienen, auf Deutsch zehn Jahre danach.
Der Leitgedanke darin lautet, dass die soziale Welt eine Bühne ist, eine komplizierte Bühne. Mit Publikum und Darstellern, mit Zuschauerraum und Kulissen. Der Vorwort-Autor Ralf Dahrendorf schreibt, dass ‚unser Handeln in Gesellschaft stets in sozialen Rollen erfolgt’, das kann eine ‚Konstruktion der Wissenschaft sein, aber auch ein Stück unserer Existenz’.
Goffman geht es um den Nachweis, dass die Selbstdarstellung des Einzelnen nach vorgegebenen Regeln und unter vorgegebenen Kontrollen ein notwendiges Element des menschlichen Lebens ist. Es stellt sich die Frage nach dem Selbst, das sich auf verschiedenste Weisen darstellt, darstellen muss. Auf der Bühne werden Dinge vorgetäuscht, im Leben hingegen werden Dinge dargestellt, die echt, aber oft unzureichend geprobt sind.
Dabei werden die Darsteller von Masken unterstützt. Sie sind bewahrter Ausdruck und bewundernswertes Echo des Fühlens, zugleich wahrheitsgetreu, zurückhaltend und übersteigert. Lebende Wesen, die den Elementen ausgesetzt sind, brauchen ein Schutzhaus und dieses ist für den Menschen die Maske. Das Wort ‚Person’ bezeichnet ursprünglich ja Maske. Ein Hinweis darauf, dass jeder überall und immer mehr oder weniger bewusst eine Rolle spielt.
In diesen Rollen erkennen wir einander, erkennen wir uns selbst. Die Maske ist das Selbst, das wir sein möchten. Das Spiel einer Rolle wird zu einem Teil unserer Persönlichkeit. Wesentlich ist der Glaube an die eigene Rolle. Einer ist von ihr völlig überzeugt, ein anderer überhaupt nicht. Beide durchschauen ihr Spiel, wollen sich das aber nicht eingestehen. Denn der Einzelne hat zahlreiche Motive dafür, den Eindruck, den er macht, unter Kontrolle zu bringen.
Wenn wir soziale Rolle als die Ausübung von Rechten und Pflichten definieren, die mit einem bestimmten Status definiert ist, dann umfasst diese soziale Rolle eine oder mehrere Teilrollen. Jede kann bei verschiedenen Gelegenheiten dargestellt werden. Es gilt, die Werte der Gesellschaft zu verkörpern, einen idealisierten Eindruck zu erwecken. Was dazu nicht passt, muss verborgen oder unterlassen werden.
Meine eigenen Gedanken dazu: Spielen, spielen, ich will spielen! So rufen die Kinder. Sie wollen nicht nur Spiele, sondern auch Rollen spielen. Durch Darstellung und Selbstdarstellung zu sich selbst finden. Kinder wollen, wenn sie spielen, etwas mehr vom Leben wissen. „Die Bühne ist nicht einfach ein Ort, es ist eine Metapher, die hilft, das Leben zu verstehen“, so der englische Theaterregisseur Peter Brook.
Die Menschen, die auf der Bühne des täglichen Lebens dauernd etwas darstellen, um entweder zu gewinnen oder zu verlieren, um zu lernen oder zu verlernen, um etwas zu verbessern oder es zu verändern, wollen das Leben nicht nur verstehen, sondern wollen vor allem eines: es auch bewältigen.
Darum: Wir alle spielen zwar Theater, aber wer es weiß, ist klug. Dann droht weder Selbstverleugnung noch der Verlust der eigenen Identität. Und die Ergänzung zu Schnitzler: Wenn es uns gelingt, uns und den anderen nichts mehr vorzuspielen, wir uns nicht mehr verstellen müssen, dann sind wir nicht mehr klug, sondern bei unserem ureigensten Selbst angekommen.

Emmy Werner ist Schauspielerin, Regisseurin und ehemalige Direktorin des Wiener Volkstheaters. Weitere Informationen: www.emmywerner.at

Kommentare   

# Schattias 2017-07-05 08:04
Wie wahr, wie wahr! David Loy's Buch "The World is made of Stories" schlägt in die selbe Kerbe. Man kann die Metapher von Theater durchaus auch auf Film und Kino erweitern, aber das sei der grossartigen Emmy Werner verziehen ;-)
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