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Außergewöhnliche Geschichten, wie sie Dossie und Janet beschreiben, laden uns ein, unsere eigenen Grenzen und Urteile über Sex und Spiritualität infrage zu stellen.

Meine bevorzugten spirituellen Bücher sind jene, die mich auch bei der zweiten oder dritten Lektüre genauso stark inspirieren wie beim ersten Mal. Es freut mich ganz besonders, wenn mich ein Werk von Anfang an schockiert, provoziert, ängstigt oder erregt.
Alle diese Reaktionen habe ich erlebt, als ich das erste Mal eines meiner absoluten Lieblingsbücher las: ‚Radical Ecstasy‘. Dabei handelt es sich um die sexuell-spirituellen Memoiren von Dossie Easton und Janet Hardy. Die beiden sind einander Freunde, Spielgefährten, Kollaborateure, Liebhaber und Vertraute seit beinahe 20 Jahren. Um dieses Buch zu verfassen, haben Dossie und Janet zwei Jahre lang nach ekstatischen Erfahrungen Ausschau gehalten – sowohl zusammen als auch allein. Währenddessen hielten sie schriftlich fest, was sie auf ihren Reisen fühlten und entdeckten. Die überraschende Handlungswendung: Die ekstatischen Erfahrungen, von denen Dossie und Janet berichten, sind die transzendenten Bewusstseinszustände, die sie durch die Praxis eines bewussten – ich würde es nennen – Tantra-Sadomasochismus (S/M) erreicht haben. In ‚Radical Ecstasy‘ behandeln Dossie und Janet sämtliche Spielarten des Sadomasochismus, angefangen von dunklen Rollenspielen bis hin zu intensiven, lang anhaltenden ekstatischen körperlichen Schmerzen. Das alles, ohne dass dabei die göttlichen Augenblicke aus den Augen verloren gehen, wenn sich sämtliche Schatten und Empfindungen in glückselig-liebevolle Vereinigungen mit ihrem inneren Selbst, miteinander und mit dem gesamten Universum auflösen. Es finden sich unzählige alte und moderne Berichte über extreme, körperlich und psychisch ausgedrückte spirituelle Praktiken zwecks Erzeugung transzendenter Bewusstseinszustände und spirituellen Erwachens. Was ‚Radical Ecstasy‘ so fesselnd macht, ist, dass es die Geschichte zweier mutiger zeitgenössischer Frauen wiedergibt, die ihre Qualen ebenso wie ihre Ekstasen niedergeschrieben haben. Außergewöhnliche Geschichten, wie sie Dossie und Janet beschreiben, laden uns ein, unsere eigenen Grenzen und Urteile über Sex und Spiritualität infrage zu stellen. Sie erweitern unsere Grenzen und ermutigen uns, neue Verbindungen zwischen Menschen, Praktiken und Ideen herzustellen. Sie verlocken uns dazu, an etwas zu glauben, das außerhalb unseres gegenwärtigen Verständnisses existiert. ‚Radical Ecstasy‘ zeigt uns, dass bewusstes S/M ein genauso effektiver Weg in die Liebe, Verbundenheit und das Erwachen sein kann wie jede traditionellere spirituelle Praxis.Im Tantra, wie ich es praktiziere, sind alle Erfahrungen auf der physischen Ebene potenzielle Zugänge zum spirituellen Erwachen, zu einer Transformation und der Verbindung mit allem Seienden. Der Schlüssel zur Verwandlung jeglicher gewöhnlicher Lebensaspekte in eine außergewöhnliche Erfahrung liegt in der Achtsamkeit. Wie bewusst können wir in jedem gegenwärtigen Moment sein? Dossie und Janet liefern uns nicht nur ein Beispiel für Achtsamkeit nach dem anderen. Sie erklären auch, wie sie diese erreicht haben, so dass auch wir sie praktizieren können.Die Suche nach transformierenden, ekstatischen Erfahrungen steht im Mittelpunkt meiner lebenslänglichen Bemühungen. Als Autorin kann ich nur versuchen, meine intime individuelle Suche zu beschreiben. Die Sprache ist leider ungeeignet, um glückselige Bewusstseinszustände zu vermitteln. Kein einziges Buch kann die Gesamtheit ekstatischen Erlebens adäquat einfangen. Dennoch kommt ‚Radical Ecstasy‘ diesem Ideal herrlich nahe.

BARBARA CARRELLAS ist die Autorin von ‚Alltägliche Ekstase: Tantra-Rituale für alle Leidenschaften‘ (Orlanda 2009, 370 Seiten, EUR 24,50). Ihr neues Buch ‚Ecstasy is Necessary‘ wird im März 2012 im Hay House-Verlag erscheinen. Weitere Informationen: http://barbaracarrellas.com

 

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