Blog

Diese Präzision, ja Rücksichtslosigkeit in der Darstellung von Detailbeobachtungen jeglicher Art ist nahezu unerreicht und führte bedauerlicherweise zum Eingriff der Zensur.

Ich zähle mich zu jenen Menschen, die gerne essen. Und wenn ich jemanden kennenlerne, vor allem wenn es sich um eine Dame handelt, frage ich sie: Was ist Ihre Leibspeise? Meistens bekommt man da keine erschöpfenden Antworten. Ich selbst wüsste zwar, was mein Lieblingsessen ist, aber im Grunde esse ich alle Küchen der Welt gerne. Und darum ist es bis zu einem gewissen Grad eine Vermessenheit zu sagen, dies oder jenes sei die Leibspeise. Ein wenig ähnlich ist es auch in der Literatur. Es gibt unendlich viele Bücher, die ich liebe.
Hier vorstellen möchte ich aber den ‚Ulysses’ des irischen Schriftstellers James Joyce, der mich in meiner künstlerischen Tätigkeit zweifelsohne gefestigt hat. In diesem Jahrhundertwerk wird ein Tag im Leben des modernen Odysseus Leopold Bloom geschildert. Der eine überbordende Motiv- und Symbolfülle aufweisende Roman gilt als modernes Gegenstück zu Homers ‚Odyssee’. Die 18 Stunden des 16. Juni 1904, dem Tag der Handlung, entsprechen den 18 Episoden des Buches, denen Joyce ursprünglich die homerischen Überschriften der ‚Odyssee’ zugeordnet hatte. Jeder Abschnitt ist zudem durch eine ihm eigene Erzähltechnik gekennzeichnet. Die abschließende Penelope-Episode etwa besteht aus dem berühmten inneren Monolog der Molly Bloom. Ein einziger, aus rund 40.000 Wörtern bestehender Satz, durch den die völlige Aufhebung jeder Distanz zwischen der Romanfigur und dem Leser möglich wird.
Diese Geschichte vom Alltag des Dubliner Kleinbürgers Leopold Bloom, seiner ihn betrügenden Frau Molly sowie des Lehrers und Schriftstellers Stephen Dedalus ist aus mehreren Gründen lesenswert. Zum einen imponieren mir die vielschichtigen Strukturen, die Joyce meisterhaft einzubauen wusste. Und das ohne einem trockenen Konstruktionsprinzip anheimzufallen. Rückblickend kann ich sagen, dass ich von Joyce gelernt habe, mein Orgien Mysterien Theater zu strukturieren.
Ein weiterer Grund für die Wahl des ‚Ulysses’ besteht in der ungeheuerlich schönen, überaus sinnlichen Sprache, in der er verfasst ist. Diese Präzision, ja Rücksichtslosigkeit in der Darstellung von Detailbeobachtungen jeglicher Art ist nahezu unerreicht und führte bedauerlicherweise zum Eingriff der Zensur in den puritanisch-angelsächsischen Ländern. Der als obszön diffamierte ‚Ulysses’ ist einer der ersten Romane, in dem auf die Tiefenpsychologie Sigmund Freuds Rücksicht genommen wurde. Das Buch wäre ohne diese überhaupt nicht möglich gewesen.
Es gäbe noch unzählige weitere, hochinteressante Aspekte, auf die es sich lohnen würde, näher einzugehen. Etwa wie Joyce trotz seiner literarischen Mikroperspektive die Stadt Dublin und seine Bewohner in kosmische Bezüge stellt; sie zum Nabel der Welt macht. Als Leser geht man dank der exakten Beschreibungen gleichsam in Dublin ‚spazieren’. Zur Religion wiederum weist Joyce – nicht nur im ‚Ulysses’ – ein sachliches, phänomenologisches Verhältnis auf. Der Schriftsteller besuchte mit Unterbrechungen verschiedene von Jesuiten geführte Schulen. Er wandte sich jedoch bereits in jungen Jahren vom katholischen Glauben ab. Welch Glück, dass Joyce zeitlebens von der Literatur nicht abrückte und Klassiker wie den ‚Ulysses’ schuf!

HERMANN NITSCH, geb. 1938, zählt zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Malern Österreichs. Die Idee und Umsetzung des Orgien Mysterien Theaters, einem sechs Tage dauernden Festspiel als neue Form eines Gesamtkunstwerkes, beschäftigt den Wiener Aktionisten seit über 50 Jahren und machte ihn international bekannt. Nähere Informationen: www.nitsch.org

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren