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Von Schirach gelingt es nachhaltig, meine Selbstgewissheit zu erschüttern. Vom Guten zum Bösen ist es manchmal nur ein absurd kleiner Schritt.

„Die Dinge sind, wie sie sind.“ Diesen Satz von Aristoteles stellt Ferdinand von Schirach als Motto an den Beginn seines Erzählbandes ‚Schuld’. Von Schirach ist Strafverteidiger, spezialisiert auf Tötungsdelikte. Seine Klientel reicht vom Berliner Drogenkurier über bayerische Biedermänner bis zu Millionären mit Seevilla. Die 15 Geschichten sind Fälle aus seiner Praxis, die er in Literatur verwandelt. Schon für seinen ersten Erzählband ‚Verbrechen’ erhielt er im Vorjahr den Kleist-Preis. Wochenlang führte er die deutschen Bestseller-Listen an. Zu Recht. Denn Ferdinand von Schirach schreibt nicht nur spannende Kriminalgeschichten. In einer kargen, lakonischen, staubtrockenen Sprache beschreibt er, wie aus Menschen Monster werden. Jede Geschichte hat mich verstört, blieb hängen, und zwang mich zum Nachdenken. Wie aus alltäglichen Situationen erschreckende Begebenheiten entstehen. Etwa bei einem Volksfest in der deutschen Provinz. Blaskapelle, Bier und in der Pause fallen alle Musiker hinter dem Vorhang über eine Kellnerin her, die ihnen Bier bringt. Die Männer vergewaltigen sie und zum Ende urinieren sie noch gemeinschaftlich auf ihr Opfer. Dann spielen sie eine Polka. Schwer verletzt überlebt die Frau. Die Männer gehen – rechtlich korrekt – straffrei aus. Der Strafverteidiger von Schirach lässt keinen Zweifel aufkommen, dass er das Strafgesetzbuch für eines der sinnvollsten und notwendigsten Bücher hält, das ein Funktionieren der Gesellschaft möglich macht. Doch mit Gerechtigkeit hat es manchmal nur sehr beschränkt zu tun. Nicht nur Beweismittel allein entscheiden über Schuld und Unschuld oder über das Strafausmaß. Auch in einem Strafprozess agieren Menschen. Das Rollenspiel aus Richtern, Verteidigern und Geschworenen lässt genügend Handlungsspielraum für emphatische Entscheidungen. In kurzen Sätzen schildert von Schirach eine Welt, in der Unheil an jeder Ecke lauert. Das Buch heißt ‚Schuld’, aber der Autor sucht keine Schuldigen. Die Täter leben in einer normalen Welt, mitten unter uns. Das Verstörende daran ist: Jeder von uns könnte potenziell zum Täter werden. Und dass das Umkippen von der potenziellen zur realen Täterschaft nicht stattfindet, ist nicht immer allein unser Verdienst. Vielleicht haben wir manchmal einfach nur Glück gehabt. Von Schirach gelingt es nachhaltig, meine Selbstgewissheit zu erschüttern. Vom Guten zum Bösen ist es manchmal nur ein absurd kleiner Schritt. Der Erzähler räsoniert nicht über die Psyche der Täter und bei manchen Fällen ertappe ich mich dabei, dass ich innerlich nicht den Täter als Verbrecher bezeichne, weil mir das Opfer als viel verbrecherischer vorkommt. Die Stories zeigen, wie labil wir in unserer Alltagswelt sind. Wie rasch Normalität in Verbrechen umschlagen kann. Wie schnell Situationen aus dem Ruder laufen und wie sich aus harmlos erscheinenden Ausgangslagen erschreckende Tragödien entwickeln können. Beim Lesen bleibt mir dann buchstäblich der Atem weg. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Es ist nicht mehr aufzuhalten. Und eigentlich ist niemand daran wirklich schuld: „Die Dinge sind, wie sie sind.“

WALTER MANOSCHEK, geb. 1957 in Wien, Politikwissenschafter an der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte: Nationalsozialismus, Holocaust, Vergangenheitspolitik. Arbeitet derzeit an einem Dokumentarfilm über ein Massaker an ungarischen Juden im burgenländischen Deutsch-Schütze

Kommentare  
# Sergio Candela 2018-04-19 09:08
Tolles Buch, habe ich selbst mehrmals gelesen.
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