Blog

Wo kämen wir denn hin, wenn wir bestimmen müssten, was uns einzelne Dinge und Dienstleistungen wert sind! Stattdessen lassen wir uns ein Angebot machen und entscheiden uns dann, ob wir es an- oder ablehnen. Spart Zeit, zugegeben. Doch dabei vergessen wir sehr leicht unsere ganz persönlichen Werte und orientieren uns an denen der Mehrheit.

Kürzlich in einer Schreibwerkstatt. Für jene, die sich darunter wenig vorstellen können: Man trifft sich, bekommt von der Leiterin den einen oder anderen Schreibimpuls, verfasst dazu Texte und bespricht sie dann unter Gleichgesinnten, sprich Schreibaffinen. Von der Leiterin erhält man dazu idealerweise noch Ideen, wie man seinen Text griffiger, treffender oder anschaulicher gestalten könnte. Für mich sind solche Schreibgruppen etwas höchst Fruchtbares, nicht nur für den persönlichen Stil, sondern auch, um sein Selbst besser zum Ausdruck bringen zu können. Das wiederum bringt mit sich, dass sich der Austausch mit anderen verbessert, auch das Erleben der Welt im Allgemeinen. Und hat man das Glück einer guten Werkstattleitung, geht man zufriedener nach Hause, als man gekommen ist.

So weit, so gut. Damit verdient man sich jetzt kein Königreich, es braucht sehr viel Idealismus dergestalt, dass man Menschen zum Schreiben ermuntern möchte, ihnen eine Rampe legen will zur Überwindung der meist schulischen Schädigung, die so mancher Lehrer der Kreativität zugefügt hat. Ich kann davon ein Lied singen, aber genauso eine Hymne darüber, wie man die Meinung von Deutschlehrern hinter sich lässt. Und genau deshalb bin ich beseelt davon, Menschen ins Schreiben zu bringen, und die Ausbildung zur Schreibpädagogik hat mich dafür gut ausgerüstet. Weil ich an einem Ort, wo Schreibwerkstätten in öffentlichen Einrichtungen regelmäßig ungebucht bleiben, trotzdem mein Glück versuchen will, probiere ich es mit dem ‚Pay as you wish‘-Prinzip. Auf gut Deutsch: „Gib, was es dir wert ist.“ Es ist das dritte Mal, dass ich dieses Prinzip teste, bei der Nutzung meines Ferienhäuschens hat es gut geklappt. Das andere Mal ergaben sich Diskussionen, und ich dachte mir damals, das hänge mit dem jungen Alter meines Gegenübers zusammen. In der Schreibgruppe sind es Menschen meines Alters und älter. Also solche, von denen ich mir gedacht hatte, sie hätten aufgrund ihrer Historie für sich selbst Werte definiert.

Mitnichten. Wir diskutieren über die Höhe von Geldbeträgen, von denen ich gar nichts wissen will. Weil ich gar nicht sofort in die Geldbüchse geschaut hätte. Weil mich der Betrag gar nicht interessiert. Weil ich im Grunde möchte, dass Menschen dem Schreiben einen Wert geben. Dem gemeinschaftlichen, angeleiteten, inspirierten. Als ich von der Erfahrung erzähle, höre ich: „Was nichts kostet, ist nichts wert.“ Was ist das eigentlich für eine Anschauung? Ich denke an die Natur und überlege mir, ob ihr Zustand deshalb so ist, weil es nichts kostet, in den Wald zu gehen oder die Füße in einen Bach zu strecken. Oder im Tiefschnee durch eine Rinne zu düsen, die man vorher mühsam erklommen hat. Ich persönlich war immer in den einfachen Hotels glücklicher als in den teuren, liebe günstige Kleidung mehr als Markenklamotten und genieße Konzerte auf den billigen Plätzen statt im Parkett. Das alles hat für mich nicht weniger Wert, nur weil es weniger kostet. Im Gegenteil.

In Kürze fliege ich nach Berlin. Ich hätte mir ein billiges Zimmer in einer WG gesucht, weil ich damit schon gute Erfahrungen gemacht habe. Meine Begleitung will ein ruhiges Innenstadt-Hotel, aber auch meinen Wünschen entsprechen. Also überlege ich mir, worauf ich WERT lege: freies WLAN, eine Süßwasserdusche und Frühstück. Geht ganz einfach und tut gar nicht weh, das Überlegen der eigenen Werte. Kostet nur einen Blick auf die eigenen Bedürfnisse, die WIRKLICHEN Bedürfnisse. Über Wirkung und unerwünschte Nebenwirkungen informieren Guru oder Therapeut.

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren