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Spirituelle Bücher finde ich ja an sich eher langweilig und ich lese sie normalerweise auch kaum, außer es sind Bücher, die nicht nur spirituelle Erfahrung zum Thema haben, sondern die auch den Rahmen des Denkbaren, Sagbaren, Formulierbaren so erweitern, dass ihre Lektüre selber zu einer Erfahrung wird. Zu diesen Büchern gehört aus meiner Sicht Jean Gebsers ‚Ursprung und Gegenwart‘.

500mal250 Ursprung und GegenwartJean Gebser war erst um die Mitte 20, als er, ein einfacher Bankangestellter ohne große akademische Ausbildung und Meriten, in Künstlerkreisen verkehrte und nach Spanien reiste. Dort muss er eine sehr tiefe Einheitserfahrung gemacht haben. Der Zen-Meister Suzuki bestätigte ihm viel später, dass er eine Erleuchtungserfahrung gehabt habe.
Die Grundthese ist an sich nicht sehr kompliziert. Der Ursprung, aus dem alles kommt, sagt Gebser, sei auf der einen Seite immer schon gegenwärtig, entfalte sich aber auf der anderen Seite durch die Geschichte hindurch. Deswegen ist sein Buch eine Kulturgeschichte des menschlichen Bewusstseins. Das Bewusstsein entwickelt sich laut Gebser durch die Menschheitsgeschichte hindurch – phylogenetisch – genauso, wie es sich in der individuellen Geschichte eines jeden Menschen, also ontogenetisch, entwickelt. Diese Entwicklung durchschreitet Phasen, die man grob gesehen in vier Phasen einteilen kann, plus eine Phase, die sich gerade erst entfaltet und daher erst in Ansätzen, Umrissen und skizzenhaft zu erkennen ist. Die vier bekannten Phasen sind die archaische, die magische, die mythische und die mentale Phase. Die noch zu gewinnende, die gerade erst am Entstehen ist, ist die integrale Phase.
Beginnen wir mit dem, das uns am nächsten ist, der mentalen Phase. War das menschliche Bewusstsein vorher immer irgendwie Teil der Natur und damit auch ihr ausgeliefert, so erreichen wir in der mentalen Phase die Fähigkeit, durch unser Reflexionsvermögen und alle damit verwandten und aus ihm kommenden Kulturleistungen wie Wissenschaft und Technik die Natur zu beherrschen. Ikonografisch wird die mentale Phase von Gebser durch die Perspektive in der Kunst bezeichnet. Hier wird zum ersten Mal auch die Distanz, die das reflexive Bewusstsein aufbaut, optisch sichtbar. Ein weiterer ikonografischer Höhepunkt ist die Besteigung des Mont Ventoux durch Petrarca im 14. Jahrhundert. Zum ersten Mal formuliert hier ein Mensch bewusst die Erkenntnis von Distanz, von Zeit und von Einsamkeit angesichts der Weite, Größe und Gewaltigkeit der Natur. Damit beginnt die Geschichte der Bemächtigung der Natur durch den menschlichen Geist, der heute in einer drohenden ökologischen Katastrophe einen traurigen Höhepunkt erreicht hat.
Die früheren Stufen, etwa die mythische oder die magische, können oft noch in ethnografischen Zeugnissen anderer oder früherer Kulturen besichtigt werden. Sie finden sich auch in den Entwicklungslinien von Kindern. Die archaische Stufe freilich, der Zustand der völligen Einheit von Natur und Bewusstsein, kann höchstens noch in fernen kulturellen Reflexen erahnt werden. Er kommt allenfalls noch in der kindlichen Einheit mit der Mutter in der ganz frühen Lebensphase vor. Von der magischen Phase des Bewusstseins haben wir archäologische Zeugnisse: die magischen Jagdrituale von Jäger- und Sammlervölkern oder die Traumzeit der australischen Aborigines.
Die mythische Phase entstand, als in der vorklassischen griechischen Kultur das emotionale Ich sich langsam, aber sicher von der Natur und von der Gruppe löste. Zeugnisse dafür sind etwa die Epen des Homer und andere Sagen.
Was passiert nun heute? Schaufelt sich unser mentales, von der Natur abgelöstes Bewusstsein nun selber sein ökologisches Grab?
Laut Gebser ist das nicht der Fall. Vielmehr ortet Gebser in einer prophetischen Zusammenschau allenthalben Zeichen einer neuen, integralen Struktur. In ihr, so meint er, seien die früheren Phasen, die völlige Einheit, die magische Verbundenheit, die mythische Emotionalität und die mentale Kraft des logisch-reflexiven Denkens, alle gemeinsam verfügbar und werden transzendiert in ein Bewusstsein der allseitigen Verbundenheit. Gebser ortet dieses integrale oder aperspektivische Bewusstsein in verschiedenen kulturellen Entwicklungen: etwa in der gegenstandslosen oder kubistischen Kunst oder in den paradoxen Strukturen der Quantenmechanik. Ich meine, Gebser hatte so eine Art Erleuchtungsbewusstsein im Blick, das aus der Erfahrung vieler entsteht, wenn sie die Erfahrung der Verbundenheit gemacht haben. Wollen wir hoffen, dass Gebser mit seiner Diagnose recht hat. Denn ich glaube, viel Zeit bleibt uns nicht.

 

 

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