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Ich habe eine Schreibblockade. Das kann vorkommen, sollte aber tunlichst ausbleiben, wenn man einen Abgabetermin hat. Normalerweise bleibt mir so etwas erspart, weil ich an vorgegebenen Themen arbeite, bei denen es nur um den richtigen Anfang geht. Doch wenn ich mir den Inhalt selbst aussuchen kann, passiert es eben. Wie jetzt.

Im Grunde weiß ich, worüber ich gerne schreiben würde, doch das Thema ist mir zu heiß. Und ich merke, wie viel Wahrheit in einem Zitat steckt, das ich vor einiger Zeit gelesen habe: „Wenn du eine Schreibblockade hast, ist die Zeit für das Thema noch nicht reif.“ Ich persönlich bin ja der Meinung, dass das Thema und dessen Behandlung längst überfällig sind, doch was tun, wenn die Worte sich zieren? Oder ist es das Hirn?

Die Überschrift hätte ich schon und über das Clustern bin ich auch schon hinaus. Sprich: Ich habe mein Thema schon so weit eingekreist, dass ich eigentlich weiß, was ich sagen will. Wenn ich aber nun weiter kreise und mich fokussieren möchte – weil’s ja kein Roman werden soll, NOCH nicht -, höre ich die Kakophonie in meinem Kopf anheben. Die verführerischen Klänge der Violinen, das Dumpfe der Djembe, das Klagende der Klarinette. Sie schlagen alle ihren eigenen Takt und es gelingt mir nicht, sie auf ein Notenblatt zu bringen, eine Harmonie herzustellen – und sei es auch nur eine im Sinne Karlheinz Stockhausens.

Und als wäre das nicht genug, setzt irgendwann auch noch der Chor ein. Die Sopranstimmen versuchen aus meinem Hirn jene Teile rauszusägen, die Hysterie verursachen und mich ob des Themas zum Hyperventilieren bringen. Die Altstimmen dämpfen das alles ein bisschen, vertiefen aber damit die Schreibblockade weiter, denn sie leiten auf eine ‚Sowohl-als-auch‘-Sicht der Dinge hin, die ich gerade gar nicht brauchen kann. Ich bin auf der Suche nach Eindeutigkeit.

Genau dieses Stichwort haben die Tenöre in meinem Kopf gebraucht. Sie wissen ganz genau, wie die Welt funktioniert, und drängen mich in eine Richtung, der ich zwar schon lange anhänge, ihr aber seit einiger Zeit entkommen möchte. Weil sie ausgedient hat in Zeiten wie diesen. Weil die Welt sich weiterdreht, auch wenn das einige nur mit schmerzverzerrtem Gesicht zur Kenntnis nehmen wollen. Und schon sitze ich im plüschigen Polstersessel eines Basses, der mich in Sicherheit wiegt und mir bestätigt, dass alles gut ist, meine Ansicht die einzig richtige und daher keiner Änderung bedarf. Diese jetzt beschriebene Linearität findet natürlich keineswegs nacheinander statt, sondern gleichzeitig. Kakophonisch eben.

Wenn ich in einem Konzert sitze, dessen Programmgestalter zeitgenössische Musik zwischen meinen heiß geliebten Russen versteckt, reagiere ich auf zweierlei Weise. Die neue: Ich schlafe ein. Was mich verstört, aber was ich akzeptieren muss. Viel öfter allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich unruhig werde. Wepsig, wahlweise ameisig. Ich lese in Programmheften, schaue mir den Sakkostoff meines Vordermannes oder die Frisur meiner Vorderfrau genauer an und manchmal schwitze ich auch. Kurz: Ich werde unruhig und ungeduldig. Wenn nicht Rachmaninow oder Tschaikowski danach käme, wäre das der perfekte Zeitpunkt, um zu gehen.

Sie merken schon: Ich halte Kakophonie schwer aus. Im Konzertsaal wie im Leben. Und erst recht nicht im Kopf. Und deshalb ist jetzt der perfekte Zeitpunkt, um zu gehen. Zum Duschen, Zigarettenholen, Bauchtanzen – whatever. Irgendwann einmal werden sich die Klänge sortieren und die Mindmap in eine Grammatik finden. Bis dahin übe ich mich in Gelassenheit und stelle fest: Das Thema muss warten.

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