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Kürzlich bei einem Abend im Stockfinsteren. Zu erfahren, wie man als sehbehinderter oder blinder Mensch durchs Leben geht, hat mehrere Ebenen erschlossen. Nicht zuletzt die, dass man – auch wenn man gänzlich vom Gegenteil überzeugt ist – am Ende des Tages auch ein wenig eitel ist.

Es gibt Menschen, die haben schlechte Erfahrungen mit dunklen Räumen gemacht. Entweder, weil sie als Kind eingesperrt wurden, oder zu viele Horrorfilme geschaut haben oder einfach das Unbekannte nicht mögen. Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür: Achluophobie. Glücklicherweise mag ich die Dunkelheit. Deshalb gehe ich auch immer nach Mitternacht ins Bett, weil mich die Dunkelheit auf mich selbst zurückwirft. Ich mag auch meine Stadt lieber nachts als untertags, vielleicht bin ich einfach ein Lichtjunkie. Nein, ich nehme keine Lichtnahrung zu mir – so weit geht diese Liebe dann doch nicht.

Auf jeden Fall: Bei dieser Einladung zum Erlebnis im Dunkeln sprach Franz, ein sehbehinderter Mann, davon, dass man doch bitte leise sprechen sollte. Denn falls jemand Hilfe bräuchte, müsste er diesen Menschen orten können. Seine Erfahrung habe gezeigt, dass Menschen, die Dunkelheit nicht gewöhnt seien, plötzlich zum Blubbern anfingen. Und wenn das passiere, möge man doch bitte auf die Lautstärke achten. Und das, was sich bei mir zu Hause einstellt im Finstern – nämlich dass ich ruhig werde -, beobachte ich in diesem Raum auch.

Überhaupt: dieser Raum. In meiner Fantasie ist er ein mit gemütlichen Sitzarrangements ausstaffierter Veranstaltungssaal, rund um mich herum sitzen Menschen und aus zwei verschiedenen Ecken kommen sphärische Klänge und poetische Worte. Es muss ein großer Raum sein, denn das Dunkel breitet sich vor meinen Augen aus – scheinbar unendlich. Irgendwann holt mich ein Tippen auf die Schulter in die Realität zurück, denn es gibt Essen. Ich empfange ein Glas, in dem etwas leicht Silikonartiges steckt und das ich später als Karotte identifiziere. Ich merke, ich sehe gerne, was ich meinem Körper einverleibe. Das Gefühl verstärkt sich beim nächsten Gang, einem Brot mit Aufstrich, dessen Geschmack etwas Brotiges, aber auch Süßlich-Saures hat. KEINE AHNUNG! Es folgt ein Dessert aus Honig, Joghurt und etwas, was zwischen den Zähnen knirscht.

Während ich das erste Mal in meinem Leben wissentlich etwas blind in mich hineinschaufle, höre ich den Gesprächen der anderen an meinem Tisch zu. Und da ist es, dieses Geblubbere, von dem Franz gesprochen hat. Ich finde Small Talk ja bei Tageslicht schon anstrengend – im Dunkeln ist es aufgrund der Konzentration auf den Hörsinn noch schwerer zu ertragen. Ich verhalte mich still und erst nach dem zweiten Gang überlegt sich die Tischrunde, ob neben Klaus denn noch jemand sitzt. Ich antworte mit „Ja“ und schiebe meinen Vornamen nach. Und schon will man mich in die Tischgesellschaft einbeziehen, Verschiedenes von mir wissen. Doch ich bleibe einsätzig, denn für mich geht es nicht darum, neue Menschen kennenzulernen, sondern eine Erfahrung im Dunkeln zu machen. Dazu gehört es für mich, passiv zu sein. Und ganz entgegen meiner Gewohnheit schaffe ich das auch. Einfach nur sitzen. Nur hören. Nur essen. Musik und Texte sind wunderschön und zeichnen Bilder in meinem Kopf. Ich mache mir keine Gedanken darüber, was die anderen am Tisch von mir halten könnten, weil ich stumm bleibe. Ob der Lippenstift sitzt und meine Kette richtig liegt. Ich bin einfach. Die Freundin, die mich begleitet und an einem anderen Tisch sitzt, berichtet mir später, dass ihr aufgefallen ist, dass ihre Gesichtszüge plötzlich locker wurden im Dunkeln.

Nach dem Dessert im Glas und der musisch-poetischen Schlussfrequenz kündigt Franz an, dass er jetzt gleich das Licht wieder anschalten würde. Und noch bevor ich mir die Hände vors Gesicht halten kann, fahre ich mir durch die Haare, schüttle sie an ihren Platz und merke, dass ich das anderthalb Stunden nicht gemacht habe. Weil es wurscht war, wie ich aussehe, wo der Scheitel liegt und ob das Muttermal sichtbar oder versteckt ist. Das blitzartige Licht empfinde ich als Strafe für meine Eitelkeit.

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