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20 weiße und gelbe Rosen für zwei Jahrzehnte Wegbegleitung in guten wie in schlechten Zeiten. Eine weiße entschied sich, abzufallen – ein schlechtes Omen? Eher ein Hinweis darauf, dass es in Beziehungen Jahre gibt, die man knicken kann. Und trotzdem das große Gute über alles stellt.

Warum wundert es mich nicht, dass es heutzutage eines Etiketts bedarf, wenn man sich wertschätzend trennt? ‚Conscious uncoupling‘ nennt sich das neuerdings. Und ist plötzlich das Gebot der Stunde, wenn man nichts mehr zu teilen hat. Doch diese voreilige Einschätzung sollte auf den Prüfstand gestellt werden – nachhaltig.

Ich sitze mit dem Mann an einem Tisch, den ich 20 Jahre mit ihm geteilt habe. Ich sehe diesen Mann und denke mir, wie froh ich bin, ihn trotz unserer Trennung vor zwei Jahren immer noch in meinem Leben zu haben. Ich spüre eine Verbundenheit mit ihm, die durch die Verwandlung von körperlicher Liebe in platonische Liebe gewonnen hat. Und meinen Blick dafür geklärt hat, wie er mein Leben bereichert hat – bei allem Verlust.

Wenn man das Ego beiseiteschiebt – und das braucht viel Energie, keine Frage! -, öffnet sich der Blick für das Wesentliche. Zum Beispiel für das Los der Kinder, die mit der Trennung ihrer Eltern oft nichts zu tun haben und trotzdem die Leidtragenden sind. Für sie ist Sorge zu tragen, denn sie haben eine friedliche Zukunft verdient. Und die beginnt mit dem Frieden zwischen den Erwachsenen in ihrem Umfeld. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen vorleben, wie man mit Konflikten umgehen und sie zum Wohle aller lösen kann. Natürlich verändert sich vieles durch eine Trennung, Gewohnheiten hören scheinbar auf und es braucht Engagement von beiden Seiten, um neue entstehen zu lassen. Doch der Wille führt zum Werk – allerdings, wie gesagt, nur abseits des Ego-Pfades.

Der Mann, der mich seit 20 Jahren begleitet, hat mir bei meiner Entwicklung nie Steine in den Weg gelegt. Und selbst wenn er Barrieren gebaut hat, lehrte er mich dadurch, sie zu umgehen. Auf seine sehr individualistische Art und Weise ist er ein perfekter Lehrer, weil er hartnäckig und idealistisch ist. Das sehen zu können hat mich viele Jahre des Nachdenkens gekostet. Und doch fiel im richtigen Moment der berühmte Groschen, nämlich als es ernst wurde.

Am Anfang unserer Beziehung schenkte er mir so viel Freiheit, wie ich sie alleine nicht hatte. Er sah dieses Bedürfnis in mir, das mir selbst verschlossen blieb. Und gegen Ende der Beziehung fand er keinen anderen Weg, als Türme vor mir zu errichten, um mich an meinen Freiheitsdrang zu erinnern und mich zu zwingen, ihn zu leben. Natürlich hätte es andere Wege gegeben, doch Hilfe zur Selbsthilfe ist wertvoller als jeder gut gemeinte Rat. Auch wenn sie brachial ist.

Wegbegleiter wertzuschätzen ist in meinen Augen das mindeste, was man tun kann bei einer Trennung – egal, ob es sich um Freunde oder Geliebte handelt. Sie hinterlassen Spuren, die bei allem möglichen Schmerz unbezahlbare Erfahrungen geschenkt und die persönliche Entwicklung befördert haben. Und dafür gilt es in erster Linie dankbar zu sein. Denn Wertschätzung entsteht aus Dankbarkeit.

Insofern fällt es mir leicht zu lächeln, wenn er zehn Minuten braucht, um sich für eine Suppe zu entscheiden, beim Autofahren auf die Margeriten im Mittelstreifen der Autobahn schaut und trotz einer goldenen Tanznadel einen Fox zum Donauwalzer tanzt. Was ist das alles schon im Vergleich zur Entwicklungshilfe der vergangenen zwei Jahrzehnte, die mich zu mir selbst zurückgeführt haben? Und zum Geschenk von drei wunderbaren Kindern, ohne die mein Leben klein wäre? Von mir aus nennt man das ‚Conscious Uncoupling‘. Ich nenne es Normalität.

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