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Das Bauvorhaben eines buddhistischen Friedensdenkmals führt zum wiederholten Male zu Konflikten. Der Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, Gerhard Weißgrab, schildert seine Sicht der Dinge rund um das aufsehenerregende Projekt im ländlichen Niederösterreich.

Der geplante Bau des Stupas in Grafenwörth führte mehrfach zu Anrainerprotesten. Wie stehen Sie zum Bauvorhaben?
Das Bauvorhaben ist rechtlich unabhängig von der Religionsgesellschaft und wird eigenverantwortlich vom Stupa-Institut durchgeführt. Die ÖBR ist nicht Teil dieses Projektes. Wir nehmen nur aus der Ferne wahr, was derzeit abläuft.

Die Bürgerinitiative ‚Rettet den Wagram‘ hat vor kurzem die Zufahrtsstraße zum Baugrund blockiert, um den geplanten Baustart zu verzögern. Was halten Sie von derartigen Protesten?
Es handelt sich um eine Fülle von Motiven, die zu den Protesten führten. Es finden viele Stellvertreterkriege statt. Bereits bei der Spatenstich-Feier im Frühjahr kam es zu lautstarken und störenden Protesten. Damals haben sich einige Tierschutzorganisationen mit einbinden lassen. Eine dieser, der Verein ‚RespekTiere‘, hat sich nachträglich beim Stupa-Institut entschuldigt. Damals war der Aufhänger der Ziesel – ähnlich wie jetzt der Wiedehopf. So hieß es, der Bau vertreibe die örtliche Population der Ziesel, die europaweit auf der Roten Liste der gefährdeten Arten stehen. Ein Gutachten zeigte allerdings, dass sich der Bauplatz nicht auf einem Zieselgebiet befindet, wie behauptet wurde. Die Leute sind auch von den Aufregungen rund um das Stupa-Bauvorhaben in Gföhl 2012 traumatisiert. Deshalb wurde hier meiner Meinung nach vom Stupa-Institut viel zu wenig Öffentlichkeitsarbeit im Vorfeld geleistet. Dagegen agieren manche Projektgegner jetzt sehr intelligent im Hintergrund. Die Piusbruderschaft betet sogar dafür, dass das Projekt nicht zustande kommt, wie auf ihrer Homepage ersichtlich wird. In manchen politischen Kreisen hat man von einem ‚artfremden‘ Bauwerk gesprochen.

In Gföhl wurden sogar Flugblätter verteilt, die den Buddhismus in die Nähe von Pädophilie und Nationalsozialismus rückten.
Richtig. Im Juni 2016 kam es zu einer rechtskräftigen Verurteilung gegen den pensionierten Rechtsanwalt Dr. Alfons Adam. Das Verfahren begann im Jahr 2012. Damals hatte er Flugblätter autorisiert, die den tibetischen Buddhismus als menschenverachtend bezeichneten.

Grenzen sich die aktuellen Gegner von religiösen Motiven ab?
Ja, den Initiatoren der Bürgerinitiative geht es um Naturschutz, sagen sie. Allerdings gilt das sicher nicht für alle Gegner. Im Hintergrund wirken auch ganz andere Kräfte. Der Naturschutz wird auch von Menschen nur vorgeschoben, die sehr wohl gegen den Buddhismus auftreten. Das kann man an der ‚Zieselgeschichte‘ genauso erkennen wie auch daran, dass die Gruppe ‚Rettet den Wagram‘ zu Beginn überhaupt nicht von Naturschutz gesprochen und im Logo einen durchgestrichenen Stupa geführt hat.

Können Sie die Bedenken von Umweltschützern nachvollziehen?
Die Argumentation ist an vielen Stellen sehr fadenscheinig. Wenn hier ernsthaft Naturschutzgesetze verletzt werden, dann soll man das nachweisen. Das Grundstück befindet sich zum Beispiel auch nicht im geschützten Natura-2000-Gebiet, wie mitunter argumentiert wird.

Das Projekt brachte eine Debatte über die Definition von ‚Kapelle‘ ins Rollen und gab Anlass für eine Gesetzesnovelle. Nun dürfen künftig im Grünland nur Kapellen und andere Sakralbauten bewilligt werden, die höchstens drei mal drei Meter breit und sechs Meter hoch sind. Auf den Stupa hat das aber keine Auswirkung, weil der Bau bereits bewilligt ist. Wie sehen Sie eine solche Gesetzesnovelle?
Es handelt sich dabei einfach um eine Korrektur der Bauordnung. Die Genehmigung einer Kapelle implizierte bis zur Gesetzesänderung keine Größeneinschränkung. Es ist natürlich verständlich, wenn der geplante Stupa sehr groß ist, dass es zu Diskussionen in der Bevölkerung führt, da hätten Gespräche im Vorfeld dazu beitragen können, Widerstände aus dem Weg zu räumen.

Gibt es Dialogbestrebungen?
Es gibt vom Federführenden der Bürgerinitiative für den 15. September eine Einladung zu einer Podiumsdiskussion. Die Form des Protests bis jetzt und der Inhalt vieler Postings auf deren Facebook-Seite suggerierten bisher keine seriösen Dialogbestrebungen. Es ist begrüßenswert, dass hier ein Schwenk stattfindet. Meiner Ansicht nach bedarf es aber nach den bisherigen Entwicklungen noch vieler vertrauensbildender Gespräche der Konfliktparteien im Vorfeld eines solchen öffentlichen Dialogs, sinnvollerweise vielleicht sogar einer Mediation.
Das Stupa-Institut hatte es meiner Meinung nach verabsäumt, vor Projektbeginn ausreichend Dialog zu führen und berechtigte Einwände zu diskutieren. Auf der anderen Seite sehe ich sehr wohl auch Stellvertreterkriege, denen man nicht recht geben kann. Den Wünschen der Piusbruderschaft nachzukommen, liegt mir fern. Ich unterstütze aber jeden berechtigten Einwand, der sich auf den Schutz der Natur und Tiere bezieht, und ich gehe davon aus, dass jedes Gesetz auf Punkt und Beistrich erfüllt wurde. Die derzeitigen Diskussionen hätten im Vorfeld geführt werden müssen.

 Gerhard Weissgrab1 AustrianBuddhistSociety

 
 
 
 
 
Gerhard Weißgrab, 64, lernte im Alter von 27 Jahren auf einer Reise durch Sri Lanka den Buddhismus kennen. Seit 2006 ist er Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft (ÖBR).
 

Weitere Informationen:

Wiedehopf statt Buddhakopf? (25.08.2016)

Priesterbruderschaft St. Pius X betet gegen Stupabau (01.05.2016)

Buddhistischer Stupa in Niederösterreich (22.03.2016)

 

Bild: Stupa im südspanischen Benalmádena. Mit einer Höhe von 33 Meter ist er derzeit der größte Stupa Europas.

Foto: Gerhard Weißgrab. Bildrechte ÖBR.

 

Kommentare   

# René Aichholz 2016-10-03 14:45
Ein wahrlich gelungenes 'Friedensprojekt'!
Bin schon sehr gespannt, ob Weißgrab den Nerv hat, bei der Eröffnung dieses Tempels der Lügen und Intrigen anwesend zu sein:

http://www.meinbezirk.at/tulln/lokales/stupa-erste-festnahme-am-wagram-d1878238.html
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