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Während ich einen Artikel zum Thema Diabetes recherchiere, erfahre ich, dass gerade Menschen in der zweiten Lebenshälfte – also solche wie ich – extreme Schwierigkeiten haben, ihren Lebensstil zu ändern. Das wundert mich, denn gerade Menschen jenseits der 50 sollten ja an Weisheit gewinnen. Doch offenbar täusche ich mich da.

Ich begegne immer wieder Menschen meines Alters, die ‚ihre Schäfchen‘ im Trockenen haben. Sie wissen, wie die Welt funktioniert, weil in ihrem Leben einfach alles funktioniert hat, was sie sich vorgenommen haben. Sie haben Familie, einen Beruf, fünf Wochen Urlaub im Jahr und auch im Kopf ist alles sortiert. Nach einer Viertelstunde Gespräch mit solchen Menschen werde ich meistens leicht unruhig. Denn wenn sich alles darum dreht, was man MACHT und HAT, entbehrt das nicht einer gewissen Statik. Natürlich kann sich Besitz ändern, wenn man Pech hat. Oder vielleicht auch Glück? Anderes Thema. Wie auch immer: Was Gespräche interessant macht, ist die Reflexion, das Nachdenken über das Sein und den Weg dorthin.

Wahrscheinlich unterhalte ich mich deshalb gerne mit jungen Menschen, weil die noch auf dem Weg sind. In meinem Alter sind viele schon angekommen. Und das, obwohl sie mit einem guten Arzt und einiger Eigenverantwortlichkeit noch einmal mindestens 40 Jahre vor sich haben. Und wenn ich nun während meiner Recherchen erfahre, dass Gleichaltrigen eine Änderung des Lebenswandels aufgrund gesundheitlicher Schwierigkeiten schwer bis gar nicht gelingt, schüttle ich meinen Kopf. Albert Einstein hatte schon recht, wenn er sagte, dass man Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen kann, durch die sie entstanden sind. Was um Himmels willen spricht denn dagegen, sein Leben aufzufrischen? Neuem Platz zu machen? Wieder aufzubrechen? Hält einen die Angst davon ab, etwas zu verlieren, was einen krank gemacht hat? Unlogischer geht’s gar nicht.

dabringer schaf

Wenn junge Menschen ihren Weg suchen und dabei lieber auf Vertrautes setzen, dann schreibe ich das einer sich gerade entwickelnden Lösungskompetenz zu. In der heutigen Zeit spricht man in diesem Zusammenhang von Resilienz. Spätestens ab 50 sollte der Mensch allerdings einen gut gefüllten Werkzeugkasten zu diesem Thema haben. Dieser ist immer dann griffbereit, wenn man beständiges Grummeln, Jammern und Lamentieren an sich beobachtet. Dann ist es nämlich höchste Zeit, etwas zu ändern. An sich selbst, an seiner Einstellung, an einer Situation. Doch bei meinen AltersgenossInnen beobachte ich sehr oft, dass man sich fügt – aus Bequemlichkeit, „weil ja sonst alles passt“ oder aus Angst vor den Konsequenzen. Resignation ist in meiner Welt keine Lösung, sondern ein sicherer Weg, die kommenden Jahrzehnte im Stand-by-Modus durchzutauchen. Lieber Dutzende Medikamente schlucken, als sich auf die Suche nach Süße im Leben zu machen, wie das viele Menschen mit Diabetes tun. Lieber die Falten im Gesicht wegspritzen lassen, als den Grund für die Falten zu beseitigen. Oder sich damit abzufinden und sie zu mögen. Was natürlich für Menschen mit Diabetes keine Option ist. Aber Sie wissen, was ich meine.

Ich habe auch nicht auf alles eine Antwort, geschweige denn für jedes Problem bis hin zum Weltfrieden eine Lösung. Doch ich versuche wenigstens, durch die Oberfläche hindurch nach der Wurzel zu graben. Dabei mache ich mich oft genug schmutzig und auch unbeliebt, denn Buddeln kostet Kraft, macht Arbeit und ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Es lohnt sich trotzdem. Versuchen Sie es einmal.

Kommentare   

# Anja Engel-Wirges 2016-06-20 16:07
Ich bin jetzt 48, habe vor 10 Monaten aufgehört zu rauchen, nach 5 Jahren vegetarisch lebe ich nun seit 6 Monaten vegan!
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# magclaudiadabringer 2016-06-23 23:53
Ich war im gleichen alter, als sich mein leben aufden kopf gestellt hat. Seitdem weiss ich: es ist moeglich, jederzeit etwas zu aendern!
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