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Eine bedrückende und herzzerreißende Erzählung über das lebenslange Nachhängen traumatischer Kindheitserfahrungen.

Jeder von uns wird in eine bestimmte Welt hineingeworfen, wird in seiner Kindheit geprägt und muss im Verlauf des Lebens lernen, damit umzugehen. In Richard Fords großem Roman ‚Kanada' geht es genau darum. Beschrieben werden frühe einschneidende Erlebnisse und deren Auswirkungen für den oder die Betroffene. Ganz im Sinne von Ursache und Wirkung.
Der 1944 in Jackson, Mississippi zur Welt gekommene Richard Ford wurde mit dem Pulitzer-Preis, dem PEN/Faulkner Award und zuletzt mit dem   PEN/Malamud Award ausgezeichnet. Seine Erzählungen erschienen vor allem in den Zeitschriften ‚The New Yorker' und ‚Esquire'. Ford zählt wie Don DeLillo oder Philip Roth zu den großen amerikanischen Erzählern unserer Tage. Man sagt ihm nach, er vertrete einen literarischen ‚Dirty Realism', also einen ‚dreckigen Realismus'.
„Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten. Der Raubüberfall ist wichtiger, denn er war eine entscheidende Weichenstellung in meinem Leben und in dem meiner Schwester. Wenn von ihm nicht als Erstes erzählt wird, ergibt der Rest keinen Sinn." Mit diesen Worten beginnt der Protagonist Dell Parsons seine Lebensgeschichte zu erzählen.
Ich finde den ersten Teil dieses existenziellen Romans besonders eindringlich. Alles beginnt im Jahre 1960 in einer Kleinstadt in Montana, nicht allzu weit von der kanadischen Grenze. Zuerst wird fantastisch die angespannte Situation zwischen Vater und Mutter beschrieben. Ein Mann und eine Frau, die sich aufgrund einer ungewollten Schwangerschaft zur Heirat entschlossen haben. Er ein großspurig auftretender Taugenichts, sie eine analytisch denkende Lehrerin polnisch-jüdischen Ursprungs.
Aus der subjektiven Perspektive eines in desolaten Verhältnissen lebenden Jugendlichen wird die Zerschlagung von dessen Familie geschildert. Ausschlaggebend hierzu sind der von den Eltern amateurhaft durchgeführte Banküberfall und die darauffolgende Verhaftung daheim im Wohnzimmer. Die Kinder verlieren plötzlich ihre Eltern, nichts ist mehr, wie es einmal war. Fortan sind sie ganz auf sich alleine gestellt.
Wie kann ein Mensch nach schwersten Verlusten weiterleben? Im zweiten Teil konzentriert sich Ford auf den Versuch der Bewältigung dieses traumatischen Erlebnisses durch den Ich-Erzähler und dessen Schwester. Sie scheitert völlig, bleibt ein Leben lang derangiert. Der Bruder begibt sich an den nächstgelegenen Zufluchtsort in Kanada. Nach dem dortigen Aufenthalt bei einem Mann mit düsterer Vergangenheit wird er schließlich doch noch Professor am College. Es ist jedoch ein dunkler, bedrückender Strom, der durch sein gesamtes Leben fließt und nicht versiegen will.
Das lebenslange Nachhängen traumatischer Kindheitserfahrungen, selbst wenn man es objektiv gesehen geschafft zu haben scheint, wird hier äußerst eindrucksvoll demonstriert und stellt eine unglaubliche Leistung dar. Ford vermittelt ebenso, dass es trotz allem gilt, das Beste aus seinem Leben zu machen. Er zeigt, wie der Protagonist trotz schwerem Schicksal allmählich lernt, sich geschickt zu arrangieren.
Mir ist Richard Fords ‚Kanada' sehr nahegegangen. Als eine bedrückende und herzzerreißende Erzählung habe ich es in Erinnerung behalten. Schwer zu sagen, weshalb es mich so stark angesprochen hat. Empfehlen möchte ich das exzellent geschriebene Buch jedenfalls allen denkenden und empfindenden Menschen.

Die bedeutende österreichische Malerin und Bühnenbildnerin XENIA HAUSNER lebt in Berlin und Wien. Im Herbst 2013 wird sie im Hong Kong Arts Center ausstellen. Zuletzt erschienen: ‚ÜberLeben’ (Bildband, 120 Seiten, EUR 29,90), www.xeniahausner.de

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