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Gestern hat mir unser sechsjähriger Sohn Daniel diese Frage gestellt: „Gibt es Gott wirklich?“ Daniel geht hier in Mattersburg in die erste Volksschulklasse. „Und Jesus, hat er wirklich gelebt?“ Mit Lesen und Schreiben lernt er auch die römisch-katholische Kirche und damit die christliche Religion kennen. „Und Buddha?“ Wie schwierig muss es für einen heute Sechsjährigen sein zu unterscheiden, was real ist und was nicht!

Wir haben zwar keinen Fernseher, aber DVD-Videos dürfen die Kinder regelmäßig ansehen. Die meisten der Filme sind gezeichnet, Zeichentrickfilme mit virtuellen Helden, virtuellen Handlungen, virtuellen Geschichten. Eines Tages hatten sich die Kinder einen preisgekrönten japanischen Zeichentrickfilm angesehen, ich immer im Hintergrund des Vorführraums, und obwohl für Kinder ab null Jahren freigegeben, sah ich,wie Daniel immer ängstlicher wurde. Im Film verwandelten sich die Eltern in Schweine, eine Stadt wurde von Geistern beherrscht, der Held des Films – ein Kind – war verängstigt und unsicher. Ich stoppte den Film sofort, als ich merkte, dass er den Kindern nicht guttat. Diese Vorführung ist nun etwa ein halbes Jahr her und noch immer fragt mich Daniel jeden Tag vor dem Einschlafen, ob das eh nicht möglich ist, dass sich Menschen in Schweine verwandeln, ob das eh nicht möglich ist mit der Stadt voller Geister. Und immer wieder sage ich ihm: „Nein, das gibt es nicht, das weißt du, und du brauchst auch keine Angst zu haben, nur ein Zeichentrickfilm, nur Fantasie eines Einzelnen, nicht real, keine Angst, lieber Daniel.“ – Letztens waren die Kinder bei einer Geburtstagsfeier eingeladen und das ältere Mädchen der Familie spielte ein Videospiel mit Monstern und Helden und Abschießen. Und Daniel, der sich oft zu älteren Kindern hingezogen fühlt, hat heroisch und souverän auch gespielt, die Monster abgeschossen, sich als Held bewährt. – „Ja, Jesus hat es wirklich gegeben“, habeich Daniel geantwortet, mich noch um die erste Frage drückend. „Jesus hat wirklich gelebt, vor langer, langer Zeit. Er wollte uns befreien, wollte uns Leid ersparen.“ Wie erkläre ich Daniel, was ‚Gott’ ist, was die Vorstellung von ‚Gott’ alles bedeuten kann, was die Vorstellung eines höheren Wesens für jeden Einzelnen von uns Menschen bedeuten kann? Wie erkläre ich ihm, warum wir überhaupt darüber nachdenken, ob es Gott gibt, ob es eine Bedeutung hat, ob wir darüber nachdenken, warum und ob es Gott gibt, und ob es für einenGott eine Bedeutung hätte, ob wir Menschen, jeder Einzelne, über ihn nachdenken und nach unserenVorstellungen einer Gottheit auch unser Handeln ausrichten? Ob Findus, unser Schäfermischling, der (wahrscheinlich ...) nicht über Gott nachdenkt, auch von einem Gott geschaffen wurde und besser oder schlechter ist als wir, die wir über Gott nachdenken und eventuell nach den Vorstellungen einer Gottheit – formuliert als ‚Religion’ – handeln? Braucht ein Gott uns? Braucht ein Gott unsere Aufmerksamkeit (also falls es ihn gibt, was ich Daniel ja noch nicht beantwortet habe ...)?

Ich bin kein Religionswissenschafter. Ich bin Arzt für westliche und Chinesische Medizin. Und ich bin ein Vater, dem Fragen gestellt werden ...

Die taoistische Tradition in China besagt: Bevor Leben entsteht, gibt es Qi. Qi ist alles, das große Eins, die große Einheit. Nichts ist unterscheidbar, nichts getrennt, alles ist Qi. Im alten China spricht man von TAO. TAO ist der Ursprung der Welt. TAO ist der Zustand, in dem allesmiteinander so verbunden ist, dass es keine Einzelheit gibt. Es gibt noch keine Zeit, keine einzelne Existenz. Gott ist darin enthalten, ebenso wie das gesamte Universum, ebenso wie alles Materielle und Immaterielle. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war Gott, und es war gut ... (Genesis, Altes Testament)“, ist vergleichbar mit dem TAO. Wir versuchen, etwas in Worte zu fassen, wofür es keine Worte gibt; versuchen, im Leben stehend zu verstehen, was vor dem Leben war und was danach ist. Die ‚Urmasse’, der wir ein Wort geben, ist das Qi, in dem alles enthalten ist – Energie, Materie, Zeit. Die alte chinesische Vorstellung ist, dass, sobald Leben entsteht, dieses Qi in Yin und Yang getrennt, gespalten wird. Leben bedeutet Polarität, bedeutet,dass die Einheit verloren geht zugunsten einer Zweiheit. Diese Zweiheit bestimmt jedes Leben, jeden Aspekt des Lebens und in der Betrachtung eines Lebenden jeden Aspekt des Universums. Durch den Tod geht Yin mit Yang wieder zusammen, darf sich vereinigen zum ursprünglichen Qi, darf zurück in die Quelle allen Seins, zurück ins TAO. Solange wir leben, ist Qi das, was uns ausmacht, was in uns fließt, was uns leben lässt, solange es fließt. ‚Fließen’ bedeutet, dass sich Energie und Materie in der Zeit bewegen. Leben ist Bewegung in der Zeit. Solange wir leben, bestehen wir aus Qi. Wir stehen zwischen Himmel und Erde, wir empfangen Qi vom Himmel (das Kosmische Qi aus der Atmung) und von der Erde (Gu-Qi aus der Nahrung).

Das chinesische Symbol für Qi besteht aus zwei Teilen: Ein Teil bedeutet ‚Luft, Dampf’ (der immaterielle Teil von Qi), der andere Teil bedeutet ‚Reis’ (der materielle Teil von Qi). Damit beschreibt die Vorstellung von Qi das, was wir aus der Quantenphysik bei der Betrachtung von Licht kennen: Je nach Betrachter und betrachtender Situation erscheint uns Licht einmal als ein Teilchen, also materiell, und einmal als Strahlung, also energetisch und immateriell. Licht ist für uns im Westen der Urstoff der Energie und auch dieser hat einen Körper, beinhaltet Materie.

Hier in unserer Welt, auf unserer Erde, unterliegt Qi den Gesetzen von Yin und Yang, wobei es das eine nicht ohne das andere gibt.

Yin steht für Materie und alles, was wir daraus ableiten: Dunkelheit und Schatten, Nacht, Kälte, Passivität, Stillstand und Ruhe, Herbst und Winter, Wasser und Struktur, Mond und das Weibliche.

Yang steht für Energie und alles, was wir daraus ableiten: Helligkeit und Licht, Tag, Wärme, Aktivität und Aktion, Bewegung, Frühling und Sommer, Feuer und Funktion, Sonne und das Männliche.

 

Vielleicht hilft die Vorstellung, dass Yin und Yang zwei Extrempole sind, zwischen denen sich das Leben abspielt, so wie die Farben im Lichtspektrum zwischen den Extrempolen Schwarz und Weiß existieren. Schwarz ist das Fehlen von Licht, Weiß beinhaltet alle Farben. Das Leben ist nicht schwarz und weiß, das Leben ist bunt, und so ist es mit Yin und Yang. Reines Yin und reines Yang gibt es nicht, das Leben ist irgendwo dazwischen, aber eben einmal näher dem Weiß, näher dem Yang, und einmal näher dem Schwarz, dem Yin. Vor dem Leben waren das Licht und das Fehlen von Licht EINS, auch wenn sich das unserer Vorstellung entzieht.Wir kommen aus dem TAO und wir kehren ins TAO zurück, das ist der Lauf der Dinge. Aus diesem TAO sind alle Lebewesen unserer Erde gemacht worden. Solange sie leben, sind sie getrennte, einzelne Individuen, sobald sie sterben, sind sie wieder mit allem vereint, kehren heim in die ‚Schöpfung’, ins TAO. Das ist die taoistische Vorstellung. Jede Kultur hat ihre eigene Vorstellung davon, was vor dem Leben war und was nach dem Leben ist. Manche Kulturen bedienen sich eines oder mehrerer übernatürlicher Geschöpfe, um das Unbegreifliche leichter zu begreifen. Aber unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, Dinge außerhalb unserer Welt zu begreifen. Unser Verstand, als Produkt unseres Gehirns, ist geschaffen, um das Leben auf dieser einen Erde, unserem Planeten, zu ermöglichen. Unsere Sinne, als Sensoren unseres Verstands, sind auf unsere irdische Realität beschränkt. Unsere westliche Kultur versucht, sich dem Unsagbaren und Unbegreiflichen durch unseren Verstand zu nähern. Andere Kulturen versuchen, dieses Unsagbare zu ‚fühlen’, zu ‚spüren’. Die Meditation ist eine Methode, um all unsere auf unsere irdische Welt ausgerichteten Wahrnehmungsschichten loszulassen, um ‚das große Eins’, den ‚Einheitszustand’ zu erleben. Das große Eins zu erleben bedeutet, sich nicht mehr getrennt zu fühlen vom Rest der Welt, von allen anderen Menschen, von all den Tieren, den Pflanzen, von all den Planeten, von all dem Raum und der Zeit unserer Welt. Das große Eins zu erleben bedeutet, das, was das Leben chinesisch definiert, nämlich die Trennung des Qis in Yin und Yang, zu überwinden und damit keine Unterscheidung mehr zu dem Zustand des ‚Nicht-Lebens’ zu empfinden. Das große Eins, das TAO, zu erleben bedeutet, die Angst vor dem Tod zu verlieren; die Angst, die uns auf dieser Erde schützen soll, leichtfertig mit unserem Leben umzugehen. In mehreren östlichen Kulturen wird dieser Zustand, den man vor allem durch die Meditation als höchstes Ziel erreichen kann, Erleuchtung genannt.

Über die Jahrtausende hat es sich bewährt, den Menschen in der Religion nicht einfach die Angst vor dem Tod zu nehmen, indem man ihnen den Weg zu dieser ‚Erleuchtung’ zeigt (weil ständiges Meditieren aller Individuen eines Volkes wohl Probleme in der Erhaltung einer Gesellschaft nach sich gezogen hätte …), sondern Regeln aufzustellen, die es ermöglichen, durchs Leben zu gehen, dabei der gesamten Gesellschaft und der eigenen Gesundheit dienlich zu sein und am Ende doch keine Angst vor dem Tod zu haben.Eine Funktion der Religion ist es, jedem Einzelnen eine Vorstellung anzubieten, die ihm hilft, die große Angst vor dem Tod zu überwinden, sich während des gesamten Lebens nicht von dieser Angst dirigieren zu lassen und das eigene, persönliche Leben als sinnvoll zu erachten.

Ein wunderschönes Beispiel dafür sind die vielen, vielen Religionen, die es in Indien gibt (und die von den britischen Belagerern abfällig als ‚Hinduismus’ zusammengefasst wurden): Alles ist möglich; jede Vorstellung ist möglich; auch ein Gott als Elefant ist möglich oder viele Gottheiten auf einmal, wenn es nur dem Einzelnen dienlich ist, um gut durchs Leben und durch den Tod zu kommen. Auch wird in Indien diese ‚persönliche’Religion einer Familie innerhalb der Familie von Generation zu Generation überliefert und der Vater kann die Religion seinem Sohn und seiner Tochter weitergeben, die ihm persönlich auch gut im Leben geholfen hat. In Indien ist Religion Familiensache, keine Staatssache, keine Philosophensache, keine Intellektuellensache, keine Politik- und keine Machtsache. Religion ist ‚Lebens-und Sterbehilfe’.

Solche und ähnliche Gedanken sind mir gestern nach den Fragen unseres Sohnes Danielvor dem Einschlafen durch den Kopf gegangen. Und Daniel hat es doppelt schwer, da er christlich erzogen wird, um sich gut verwurzelt zu fühlen in unserer Kultur, die christlich geprägt ist, von Eltern, die regelmäßig meditieren, in einer Wohnung, in der es nur so von Buddha-Statuen wimmelt. Daniel hat sich übrigens schon vor einem Jahr gewünscht, dass wir ein Bild vom jetzigen Dalai Lama über sein Bett hängen. Und wenn man so durch unsere Wohnung spaziert, fällt einem auf jeden Fall einmal auf, dass man von allen Seiten von den Statuen und den Bildern angelächelt wird …

Das, was ich Daniel für sein Leben mitgeben möchte, ist Toleranz für jede Art von Denken und Vorstellung. Egal, welcher Religion, welcher Kultur, welcher Politik ein Mensch sich zugehörig fühlt, er oder sie ist wie wir, mit Ängsten wie den unseren, mit all den Schwächen, den Sorgen, der Freude und dem Hoffen. Wir können nur lernen von dem ‚Anders’, weil ein anderer Mensch vielleicht eine gute Idee dafür hat, wie man mit all den Ängsten und Sorgen und dem Kummer der Welt besser umgehen kann, als wir es (nicht) tun. Und wenn sich alles gut vermischt, dann wird es so richtig bunt auf der Welt werden. Irgendwann wird sich Daniel für eine Religion entscheiden können, gleichgültig, ob diese Religion theistisch ist oder nicht. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, ihm wertfrei alle Wege zu zeigen. Welchen Weg er dann einschlägt, obliegt alleine ihm.

Also habe ich Daniel geantwortet: „Ja, es gibt Gott wirklich!“

 

Ihr Kräuterdoktor Weidinger

 

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