Achtsamkeit

"Merke: Buddha hat den leidenden, bei ihm Rat suchenden Menschen nicht die ‚Vier Edlen Wahrheiten' um die Ohren geknallt." – So endete im letzten Heft der erste Teil der Betrachtungen über die Zuflucht zur Lehre Buddhas. Wie ist Buddha aber dann bei der Vermittlung seiner Lehre vorgegangen?

Je nach Situation unterschiedlich. Oft aber schrittweise in der ‚Stufenpredigt' (anupubbikathā).

„Schrittweis geht über sprungweis."

(Sprichwort)

Danach sprach Buddha in folgender Reihenfolge, wobei er zum nächsten Punkt nur dann überging, wenn er überzeugt war, dass der vorhergehende ‚angekommen' war.

  1. über die Freigebigkeit
  2. über die Sittlichkeit
  3. >über die Himmel
  4. über die Nachteile der Gelüste
  5. über die Vorteile der Entsagung
  6. wenn dann der Buddha bemerkte, dass die Hörer geeignet sind, lehrte er sie die ‚Vier Edlen Wahrheiten'

Die Stufenpredigt führt über Lockerungsübungen zur Anleitung zur richtigen Sicht der Wirklichkeit.

Die Lockerungsübungen dienen der Auflockerung der Fesseln unserer Selbstsucht, Selbstdurchsetzung, sei es unseres individuellen Selbst, sei es einer höheren Einheit, als deren Teil und Funktionsglied wir uns sehen. Selbstlosigkeit im Sinne des Buddhismus bedeutet nämlich nicht Integration in eine höhere Einheit wie das All, Gott, Gottes Wille, die Menschheit, die Evolution und Ähnliches. Die erste Lockerungsübung ist Freigebigkeit, und zwar materielle Freigebigkeit. Freigebigkeit ist eine Lockerungsübung, um sein Festhalten, sein Anhaften, seine Gier, seine Aggression zu vermindern.

„Ein Milder breit sich aus, ein Geizhals krümmt sich ein;
Der fängt schon an bestrickt und jener frei zu sein."

(Angelus Silesius)

Die zweite Lockerungsübung sind die Trainingspunkte der Sittlichkeit, der freigebigen Gabe der Angstlosigkeit und Furchtlosigkeit: Ich trainiere ein solches Verhalten, damit meine Mitwelt vor mir keine Angst und Furcht haben muss.

„Viel Angst ist keiner Katze gesund."

(Sprichwort)

Nun eine dritte Lockerungsübung: die Relativierung der Freuden und des Glücks. Diese Funktion erfüllten im alten Buddhismus unter anderem die Himmel mit ihren angeblich so viel größeren Freuden. Heute brauchen wir dafür keine Himmel mehr. Wir erfahren es in unserer schnelllebigen Zeit täglich: Unsere ganze Wirtschaft und Gesellschaft beruht ja darauf, dass wir immer Besserem und Neuerem nachrennen. Jetzt haben wir es erwischt und in fünf Jahren halten wir es für schlecht, minderwertig, altmodisch.

„Das Bessere ist der Feind des Guten, sagte der Pfaff, ließ die Brattaube liegen und griff nach dem Fasan."

(Sprichwort)

 

Dies führt zur vierten Lockerungsübung, der Einsicht, dass auch das Gute ein bisschen hohl und leer ist.

„Was eben prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein.
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Gluck uns an, bald donnern die Beschwerden."

(Andreas Gryphius)

 

 

Dann könnte man sich in einer fünften Lockerungsübung Gedanken machen über den Vorteil von Entsagung. Diese Lockerungsübungen sind in der Praxis miteinander verzahnt. Wenn dann der Buddha bemerkte, dass die Hörer geeignet sind, lehrte er sie die ‚Vier Edlen Wahrheiten', nämlich den eigentlichen Weg zur Beendigung des Leidens. Dieser besteht in der Einsicht in die Wirklichkeit, wie sie wirklich ist.

„Vier Begierden machen die meisten Menschen unglücklich: die Begierde, viel zu haben, viel zu wissen, lange zu leben und groß zu werden."

Sprichwort)

 

Es ist eine Anleitung, selbst genau zu schauen. Der Buddha hat einmal das sehr schöne Wort gesagt: „Seid euch selbst eine Leuchte, seid euch selbst eine rettende Insel." Ich würde sagen, eine ganz wichtige Einsicht des Buddhismus ist, dass man sich selbst eine Funzel sein soll. Normalerweise ist man ja zunächst eine ziemliche Funzel, nicht gerade ein Halogenscheinwerfer. Trotzdem: Sich selber eine Funzel sein ist besser, als in der ganzen Welt nach einem Halogenscheinwerfer herumzusuchen. Das kennen wir alle: Wir haben den Drang, endlich einmal den großen Meister zu finden, der uns alles beleuchtet. Da könnte eine ganze Fluglinie davon leben von diesem Guru-Such-Buddhismus, davon, dass man von einem Guru zum anderen fliegt, bis man wieder einmal sieht: Auch dieser ist nicht die Halogenleuchte, die man gesucht hat. Aber vielleicht ist ja gerade diese Suche nach einer Halogenleuchte das Verkehrte. Vielleicht sollten wir selbst versuchen, genau hinzuschauen. Das heißt nicht, dass wir uns hinsetzen und auf die Wirklichkeit starren. Da kommt nichts Gescheites dabei heraus. Dafür brauchen wir auch keinen Buddhismus. Wir brauchen die buddhistische Anleitung, weil es ein angeleitetes Hinschauen ist. Die Anleitung ist relativ einfach: Es gilt, die Wirklichkeit unter drei Aspekten zu sehen: in ihrer Unbeständigkeit, in ihrer Herrenlosigkeit und Hohlheit und deswegen in ihrem Leidvollsein. Unbeständig, deswegen leidvoll und deswegen herrenlos, Nicht-Ich. Wäre nämlich etwas mein, wäre es unter meiner Herrschaft, dann könnte ich bestimmen: Das hat mir imponiert, so soll es sein, so soll es bleiben. Dann wäre es nicht leidvoll, denn ich würde das Leid vermeiden. Deshalb wäre es auch nicht unbeständig: Unbeständigkeit verursacht ja Trennungsschmerz. Diese Einsicht in diese drei Eigenschaften von Wirklichkeit ist das Zentrum der Einübung der Einsicht. Dafür kann es gut sein, wenn man sich ab und zu zurückzieht, um diese Einsicht einzuüben, aber erst im täglichen Leben zeigt sich, wie weit man mit dieser Einsicht gekommen ist. Einübung der Einsicht ist nicht etwas außerhalb des alltäglichen Lebens, sondern etwas, was im alltäglichen Leben wirksam werden muss.

Ich wünsche uns allen viel Freude und Erfolg bei den Lockerungsübungen auf dem Weg zur Einsicht.

 

Alois Payer, lic. phil., M.A., geboren 1944, Indologe, Buddhologe und Religionswissenschaftler, unterrichtet(e) als Lehrbeauftragter an Universitäten und Hochschulen Indologie, Buddhologie, Religionswissenschaften, Entwicklungsländerstudien

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