Achtsamkeit

Der Buddha Gautama hat nicht gewirkt, um den Buddhismus zu verbreiten. Sein Anliegen war, uns Menschen im Umgang mit dem alltäglichen Leiden zu helfen. Trotzdem wird man immer wieder gefragt, wie man ein Buddhist wird.

Dies geschieht dadurch, dass man die dreifache Zuflucht nimmt: zu Buddha, seiner Lehre und der Gemeinschaft derer, die Buddhas Lehre verwirklicht und so die Erlösung realisiert haben. Diese dreifache Zuflucht ist äußerst wichtig, um auf dem Weg zur Erlösung die nötige Motivation, Energie und Ausdauer zu haben.

Es gab und gibt ja eine unüberschaubare Zahl von Weisheitslehrern und Religionsstiftern. Es ist unmöglich, allen einzeln zu folgen, um zu erproben, was ihre Lehren taugen. So muss man eine Auswahl treffen. Die Persönlichkeit eines solchen Lehrers muss als besonders vertrauenswürdig erscheinen, so dass man sich auf ihn einlassen kann und will. Dieses Vertrauen, dieser Glaube ist der Inhalt der ersten Zuflucht, der Zuflucht zu Buddha.

Das Wesentliche für Buddhisten ist aber nicht eine Erlöserpersönlichkeit im ‚Dass ihres Gekommenseins' (so Rudolf Bultmann über Jesus), sondern das Wesentliche für Buddhisten ist die Erlösungslehre, die es dem Einzelnen ermöglicht, den Weg zur Erlösung selbst zu gehen und so Erlösung selbst zu verwirklichen. Dazu muss man von dieser Lehre vorläufig – d.h. solange man noch nicht aus eigener Erfahrung weiß, dass sie zum Ziel führt – so überzeugt sein, dass man die Energie aufbringt, diese Lehre auf ihren Wahrheitsgehalt zu testen. Dies ist der Inhalt der zweiten Zuflucht, der Zuflucht zur Lehre Buddhas, dem Dharma (Dhamma).

Auch der beste Lehrer und die beste Lehre sind für mich nutzlos, wenn sie für einen normalen Sterblichen nicht nachvollziehbar sind. Deshalb ist es wichtig, überzeugt zu sein, dass es auch andere auf diesem Weg geschafft haben. Dies ist der Inhalt der dritten Zuflucht, der Zuflucht zur Gemeinschaft derer, die auf dem Weg Buddhas zur Erlösung gelangt sind, zum Saṅgha.

UW76ST Lehrer und Goetter

 

Die Stellungnahme Buddhas an erster Stelle der dreifachen Zuflucht zeigt die Bedeutung Buddhas für den Buddhisten.

Welche Vorstellungen von Buddha, welche Buddha zugeschriebenen Eigenschaften sind Gegenstand dieser Zuflucht? Dies wird in der ‚Vergegenwärtigung Buddhas' entfaltet:

„Der Ehrwürdige ist so: vollkommen zur Erlösung gelangt, vollkommen richtig von selbst zur Wahrheit erwacht, in Wissen und Wandel vollendet, hat den Weg durch die Wiedergeburten gut beendet, ist ein Kenner der Welten, ein unübertrefflicher Lenker der bezähmbaren Menschen, Lehrer der Götter und Menschen, ein Buddha, ein Ehrwürdiger."

Für das Vertrauen des Buddhisten kommt es also auf Buddhas existenzielle und didaktische Kompetenz als Erlösungslehrer an. Ein Buddha zu sein ist die bestmögliche Existenzform und ein Buddha steht als Lehrer der Götter und Menschen auch weit über allen übermenschlichen Wesen (einen Buddha vergöttlichen, hieße ihn verniedlichen!). Seine Autorität beruht auf seiner eigenen Erfahrung und Einsicht und leitet sich nicht von einem anderen ab, der ihn gesandt hat.

Der Weg zur Erlösung, den Buddha gegangen ist und den er lehrt, ist für Buddhisten der einzig mögliche Weg. Buddhismus erhebt bezüglich des Erlösungsweges Exklusivitätsanspruch. Nicht ein Buddha ist eine einmalige Erscheinung: Es gab vor Buddha Gautama verschiedene Buddhas und es wird in Zukunft wieder Buddhas geben – der Weg, den all diese Buddhas selbst finden und lehren, ist aber ein einziger und ausschließlicher.

Buddha ist für die Buddhisten wie ein Arzt, der die Diagnose stellt und Heilungsmaßnahmen verschreibt. Ob der Patient die Heilungsmaßnahmen sachgemäß anwendet, ist Sache des Patienten und liegt nicht in der Macht des Arztes. Oder – um ein anderes buddhistisches Gleichnis zu verwenden: Buddha ist wie jemand, der einen Weg weist. Ob der andere diesen Weg geht, ist dessen Sache und nicht die des Wegweisenden.

Der Buddha der ersten Zuflucht ist zunächst ein Buddha des Vertrauens, ein Buddha des Glaubens. Solange man die Erlösung nicht verwirklicht hat, kann man die Richtigkeit der Aussagen der ‚Vergegenwärtigung' nur so weit erkennen, wie einen die überlieferte Persönlichkeit des Buddha überzeugt. Dies ist aber weitgehend eine Angelegenheit des noch nicht voll gerechtfertigten Vertrauens, des Glaubens. Auch wenn man den Weg zur Erlösung verwirklicht hat, weiß man zwar über die Nützlichkeit und Richtigkeit der dem Buddha zugeschriebenen Lehre aus eigener Erfahrung Bescheid, man weiß aber streng genommen immer noch nicht, ob die Zuschreibung dieser Lehre zu Buddha historisch richtig ist oder nicht. Für die meisten Buddhisten dürfte auch heute noch die Identität des Buddha des Glaubens mit dem historischen Buddha außer Frage stehen.

Letztendlich ist für den, der den Erlösungsweg vollendet hat, der historische Buddha ziemlich gleichgültig. Die Lehre hat das gehalten, was sie versprochen hat, unabhängig davon, ob sie so, wie sie angewandt wurde, auf den historischen Buddha Gautama zurückgeht oder nicht. Für einen solchen gilt das Wort, das Buddha in seinen letzten Tagen zugeschrieben wird, dass ein Jünger sich selbst eine rettende Insel, eine Leuchte sein soll und dass ihm niemand anders rettende Insel und Leuchte sein soll; dass ihm die Lehre eine rettende Insel und Leuchte sein soll und nichts anderes. Um Missverständnisse zu vermeiden, sei betont, dass es für traditionelle Buddhisten undenkbar ist, ein Erlöster könne an Buddha Zweifel haben.

Buddha ist kein Erlöser, der durch seine Existenz und sein Handeln die Welt in irgendeinem metaphysischen Sinne erlöst hat. Buddha ist für Buddhisten ‚nur' ein unübertrefflicher Lehrer. Auch in dieser Hinsicht ist sein Erdendasein und Wirken nicht heilsnotwendig. Nur die Lehre ist heilsnotwendig.

Es hieße die Psychologie vieler Menschen verkennen, wenn man meint, dass ein schöner Mythos, eine großartige Idee, die nicht auf einer historischen Wirklichkeit beruht, für den Glauben eine genügende Motivation wäre. Es ist also nicht nebensächlich, dass wohl die meisten Buddhisten das, was sie vom Buddha Gautama glauben, als historische Gegebenheiten ansehen.

 

Alois Payer geboren 1944, studierte und lehrte an verschiedenen Universitäten und Hochschulen Indologie, Buddhologie und Religionswissenschaften.

 

Kommentare   

# Uwe Meisenbacher 2016-02-22 15:52
Hallo Herr Payer,
dass Sie Buddha als Lehrer der Menschen
darstellen stimme ich Ihnen voll und ganz zu.
Das der Buddha Lehrer der Götter ist, geht gar nicht.
Buddha hat nach meinen Erkenntnissen, Vorstellungen von Gott oder Göttern, Jenseitswelten und Wiedergeburten abgelehnt.
Sehr gut finde ich in Ihrem Text, Buddha sein Anliegen war, uns Menschen im Umgang mit dem alltäglichen Leiden zu helfen.

Mit freundlichen aberglaubensfreien buddhistischen Grüßen
Uwe Meisenbacher
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