Achtsamkeit

Zen, ein Weg jenseits von Schriften und Dogmen, bietet keine Lehre, kein Geheimnis und keine Antworten. Es entzieht sich der Vernunft und verweist stets auf das Offenkundige. Was Zen ist, woher es kommt und wie es im Westen allmählich ankommt. 

Als der Buddha auf dem Geierberg saß, erwarteten die um ihn Versammelten einen Vortrag, eine Lehrrede zu hören. Stattdessen schwieg der Buddha, hob eine Blume und drehte sie. Alle waren verwirrt, nur einer der Anwesenden, Mahakashyapa, lächelte. Da sagte der Buddha: „Ich habe das kostbare Auge des ehrwürdigen Dharma, den wunderbaren Geist des Nirvana, die wahre Form der Nicht-Form, das geheimnisvolle Dharmator. Es hängt nicht von Buchstaben ab, sondern wird auf besondere Weise außerhalb der Lehren übermittelt. Jetzt vertraue ich es Mahakashyapa an."
Dieses Geschehen markiert so etwas wie den Beginn des Zen. Die Übertragung von Meister auf Schüler, die Übermittlung jenseits der Lehren findet hier zum ersten Mal statt – und sie ist seither nicht abgebrochen. Auch die Zen-MeisterInnen unserer Zeit sehen sich noch in einer Übertragungslinie, die bis auf Shakyamuni Buddha selbst zurückgeführt wird (historisch gesehen ist das durchaus zweifelhaft, aber für das Selbstverständnis des Zen ist diese Kontinuität immer sehr wichtig gewesen).
Und noch heute beschäftigen sich Zen-Übende mit diesem Ereignis auf dem Geierberg, damit, was in dieser Begegnung wirklich stattgefunden, was der Buddha eigentlich übermittelt hat. Diese Geschichte ist zu einem Koan geworden, jenem Hilfsmittel der Zen-Schulung, das Übenden den Sprung von der verstandesmäßigen Ebene auf jene andere Ebene ermöglichen soll, auf der diese Übermittlung stattfand – und nachvollzogen werden kann.
Doch ist dieser Beginn nicht denkbar ohne ein vorangegangenes Geschehen, das dem Zen den entscheidenden Lebensimpuls gibt: das Erwachen oder die Erleuchtung des Buddha, als er nach Tagen, Monaten (manchmal heißt es Jahren) des Sitzens beim Anblick des Morgensterns ausrief: „Ich und die große Erde und alle Lebewesen haben gemeinsam Erleuchtung erlangt." Diese Erfahrung des Erwachens oder der Erleuchtung ist das Mark des Zen. Und zwar nicht als eine Erfahrung, die dem Buddha und vielleicht noch einigen wenigen Auserwählten möglich war, sondern als eine, die jedem Menschen zugänglich ist. Wir alle, so ein zentrales buddhistisches Konzept, haben Buddha-Natur, das Potenzial, zu unserem wahren Wesen zu erwachen. Zu unserem wahren Wesen zu erwachen bedeutet, die Einheit allen Seins zu erkennen, bedeutet, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist, frei von Konzepten und Ideen – unverstellt. Es bedeutet, die Leerheit von allem zu erkennen – nichts existiert aus sich selbst heraus und dauerhaft; alles ist mit allem untrennbar verbunden – aber gleichzeitig zu sehen, dass Leerheit und Form, Einheit und Verschiedenheit nicht voneinander getrennt werden können. Und genau daraus erwächst das tiefe Mitgefühl des Zen.
Das Erwachen ist das Herz des Zen, auch wenn es heute manchmal so scheinen mag, als erschöpfe sich Zen darin, Menschen ruhiger, gesünder und erfolgreicher zu machen. Ziel der Zen-Übung – zumindest da, wo Zen wirklich gemeint und nicht als werbeträchtiges Etikett verwendet wird – ist es, dieses Erwachen zu erfahren und dann im alltäglichen Leben auszudrücken bzw. das alltägliche Leben als Erwachen zu leben, denn hatte der Buddha bei seiner Erfahrung nicht davon gesprochen, dass er gemeinsam mit allen Lebewesen, also auch mit uns, Erleuchtung erlangt habe? Wenn wir bereits erleuchtet sind, wozu sich dann noch um so etwas wie Erleuchtung bemühen? Diese Frage hat vor allem den japanischen Zen-Meister Dogen Zenji umgetrieben; sie treibt aber auch jede/n ernsthafte/n Zen-Schüler/in heute noch um und verlangt eine Antwort.
Dem Beispiel Buddhas folgend, der so lange saß, bis er Erleuchtung erlangte, ist das Sitzen in Versenkung (Zazen) das zentrale Übungselement des Zen und hat ihm auch den Namen gegeben. Zen ist die Abkürzung von zenna, der japanischen Form des chinesischen Begriffs ch'an-na oder ch'an, der die chinesische Fassung des Sanskrit-Wortes dhyana ist, was Versenkung, Meditation bedeutet.

Der Überlieferung zufolge soll es in Indien nach Mahakashyapa noch 27 Zen-Patriarchen gegeben haben, bis der 28., namens Bodhidharma, Zen im sechsten Jahrhundert nach China brachte. Legendär ist seine Begegnung mit dem chinesischen Kaiser, dem er auf die Frage, was denn der höchste Sinn der Heiligen Wahrheit sei, antwortete: „Offene Weite – nichts von heilig." Er ließ sich im Shaolin-Kloster nieder und soll neun Jahre vor einer Wand in Zazen gesessen haben. Ihm werden auch die folgenden vier Zeilen zugeschrieben, in denen das Selbstverständnis des Chan/Zen prägnant zum Ausdruck kommt:

Eine besondere Überlieferung außerhalb der Schriften
unabhängig von Wort und Schriftzeichen:
unmittelbar des Menschen Herz zeigen –
die eigene Natur schauen und Buddha werden.

Buddhismus gab es in China bereits vor dieser Zeit und auch die Betonung der Meditation war in China nicht unbekannt. Was für die weitere Entwicklung so bedeutsam wurde, war die Begegnung, Vermischung und wechselseitige Befruchtung von Mahayana-Buddhismus und Daoismus, die jene einzigartige Pflanze namens Chan hervorbrachte, mit ihrer radikalen Abwehr von Schriftgelehrsamkeit, konzeptuellem, spekulativem Denken, ihrer Verankerung im Hier und Jetzt, ihrem zum Teil drastischen Humor und ihren einzigartigen Methoden, Menschen zum Erwachen zu führen. Hui-neng, ein Analphabet, der beim bloßen Hören des Diamantsutra Erleuchtung erfuhr, später zum 6. Patriarchen ernannt wurde und die Lehre der ‚plötzlichen Erleuchtung' begründete, gilt als der eigentliche Vater des Chan chinesischer Prägung. Er läutete das Goldene Zeitalter des Chan ein, das viele große Meister hervorbrachte, Meister wie Ma-tsu Tao-i (709-788), der die Koan-Praxis sehr beförderte; Pai-chang Huai-hai (720-814), der Regeln für die Übungspraxis erstellte, die bis heute die Zen-Übung in Japan wie im Westen prägen; Meister Linji, auf den die Linji-(Rinzei-)Schule zurückgeht und dessen Ausspruch: „Triffst du den Buddha, töte ihn" die ikonoklastische Dimension des Zen auf den Punkt brachte. Wie die Meister ihren Schülern durch ihre Fragen, mehr noch durch ihre Antworten, durch Schreie oder auch Schläge den Sprung in die Nondualität ermöglichen wollten, können wir noch heute in den diversen Koan-Sammlungen oder Aufzeichnungen nachlesen. Muten manche dieser Geschichten auch wie einem Handbuch der schwarzen Pädagogik entnommen an, so sei daran erinnert, dass aufgrund unserer tiefen Verstrickung in den denkenden, dualistischen Geist drastische Methoden durchaus die Wirkung zeigen können, das Erwachen zu befördern. So endet manches Koan mit: „...und XY erfuhr tiefe Erleuchtung", nachdem der Meister gebrüllt, geschlagen oder dem Schüler durch das Zuschlagen einer Tür den Fuß gebrochen hatte. Dass solche Methoden sowohl aus tiefem Mitgefühl mit dem verblendeten Schüler als auch in missbräuchlicher Absicht angewendet werden können und auch wurden, liegt auf der Hand; in jedem Fall sind Beschimpfungen und körperliche Gewalt für Zen heute vollkommen untaugliche Mittel, das Erwachen der SchülerInnen zu ‚ermutigen'. Spannend ist, was die gegenwärtigen MeisterInnen diesbezüglich an neuen ‚geschickten Mitteln' ersinnen.

UW67SCHW Schlaglichter auf zen2Auch wenn der Buddhismus in seiner chinesischen Prägung bereits in der Mitte des 6. Jhs. nach Japan gelangte und hier als Teil der chinesischen Kultur adaptiert wurde, kann man erst im 12. Jh. von einer eigenständigen Zen-Tradition sprechen. Dabei ging Zen bald eine enge Verbindung mit der Samurai-Klasse ein, die im Zen vor allem eine gute Methode der Charakterschulung, eine Erziehung zu Furchtlosigkeit und Todesmut sah. Diese Verbindung begünstigte die unabhängige Entwicklung der Zen-Schule, sie prägte aber auch nachhaltig die Formen und die geistige Ausrichtung, in denen sich Zen entfaltete und in der Verbindung von Zen und Bushido (Weg des Kriegers) eine besonders im 20. Jh. durchaus problematische Entwicklung nahm. Eisai (1141-1214) führte das Rinzai-Zen in Japan ein, das von Hakuin Ekaku (1685-1769) entscheidend reformiert wurde. Er betonte die Wichtigkeit kontinuierlicher Praxis auch nach einer Erleuchtungserfahrung und brachte die Koan-Schulung in ein noch heute gültiges System. Dogen Zenji (1200-1253) brachte das Soto-Zen aus China mit. Von Dogen Zenji, der als einer der großen japanischen Philosophen gilt und ein umfangreiches Werk (Shobogenzo) hinterlassen hat, stammen die berühmt gewordenen Sätze:

Den Weg studieren heißt das Selbst studieren.
Das Selbst studieren heißt das Selbst vergessen.
Das Selbst vergessen heißt von den zehntausend Dingen erleuchtet werden.

Seiner Lehre zufolge sind Übung und Ziel identisch, d. h. Zazen und vollkommen achtsames Handeln sind Erleuchtung; wir sitzen nicht, um etwas zu erreichen (auch nicht Erleuchtung), sondern wir verkörpern in unserem Sitzen und unserem alltäglichen Handeln Erleuchtung. Zentrales Moment dieser Zen-Praxis ist Shikantaza, absichtslos ‚einfach nur sitzen'. Nach Dogen Zenji haben wir keine Buddha-Natur, wir sind Buddha-Natur. Diese Buddha-Natur ist kein transzendentes Wesen hinter den Erscheinungen, sondern sie zeigt sich in jedem Ding, in jedem Augenblick neu, sodass jeder Augenblick einmalig, kostbar und unverwechselbar ist. Auch Schönheit lässt sich nur im ganz konkreten Ding im jeweiligen Augenblick auffinden und sie ist, wie alles andere auch, vergänglich. Ist uns die allem innewohnende Vergänglichkeit bewusst, können wir die Schönheit des Augenblicks tief wertschätzen und auch künstlerisch zum Ausdruck bringen. Aus dieser Perspektive heraus hat Zen die Liebe der Japaner zur Natur und die japanische Ästhetik entscheidend geprägt; Tuschmalerei, Kalligraphie, das Spielen der Shakuhachi-Bambusflöte, Haiku-Dichtung, Blumenstecken, Teezeremonie usw. sind wesentlich von dieser Haltung geprägt und werden bis heute als Teil der Zen-Übung kultiviert. Darüber hinaus erfuhr die Architektur (Gebäude, Innenausstattung, Garten) aus dem Zen große Inspiration – ein Einfluss, der heute auch im Westen augenfällig ist.
Ein weiteres, sicherlich aber schwierigeres Erbe als die Zen-Künste ist die Unterstützung der japanisch-nationalistischen Politik während des Zweiten Weltkriegs durch einige Zen-Meister mit zum Teil deutlich antisemitischen Tönen. Von einem schwierigen Erbe muss insofern gesprochen werden, da diese Zen-Meister Dharma-Vorfahren gegenwärtiger maßgeblicher Zen-Meister im Westen sind. An ihrem Beispiel stellt sich die Frage, wie erleuchtetes Bewusstsein und irregeleitetes, verblendetes ‚zusammenpassen'. Es gibt im Zen das Gelöbnis, alle ‚Wesen zu retten'; werden in der Sicht solcher Zen-Meister aber nicht die ausgeschlossen, die als Gegner betrachtet werden? Zen wird dabei so einseitig in der Leerheit verortet, dass es zum Handeln in der Welt der Form letztlich nichts zu sagen hat. So wie D. T. Suzuki meint, dass Erleuchtung nicht über die ‚Berechtigung oder Nicht-Berechtigung eines Krieges urteilen kann'.
Doch es wäre einseitig, hier nur das Erbe der japanischen Seite zu sehen. Zentrale Mittler des Zen im deutschsprachigen Raum wie Eugen Herrigel (Zen in der Kunst des Bogenschießens) und Graf Dürckheim fühlten sich sehr mit dem deutschen Nationalsozialismus verbunden und sahen im japanischen Bushido-Geist eine innige geistige Verwandtschaft – und diese Sicht des Zen vermittelten sie.
Im Westen finden wir Zen heutzutage nicht nur in seiner japanischen Variante, sondern auch in chinesischen, koreanischen und vietnamesischen Ausprägungen. Inzwischen gibt es in jeder größeren Stadt Zen-Gruppen und Zen-Zentren; und zum ersten Mal in der Geschichte des Zen gibt es westliche Zen-MeisterInnen, an denen es nun ist, die Verwurzelung des Zen im Westen voranzutreiben. Und es stellt sich die Frage: Was wird da verwurzelt, was ist die Essenz des Zen, die bewahrt werden muss, was ist kulturelle Folklore, die verzichtbar ist? Welche Verbindungen, wechselseitigen Befruchtungen von Zen und westlicher Kultur können einen guten Nährboden ergeben für die noch zarte Pflanze des Zen im Westen?

Zen im Westen steht vor großen Herausforderungen:
1. Zen war in seiner Geschichte vorwiegend monastisch und hierarchisch organisiert. Im Westen trifft es auf eine Gesellschaft, in der das nicht mehr funktionieren kann; es trifft auf Menschen, die an demokratische Spielregeln gewöhnt sind, die sich nicht hinter Klostermauern zurückziehen, sondern ihr Leben in der Gesellschaft weiterleben wollen. Hier werden sich neue Formen der Praxis und der Praxisorganisation entwickeln müssen, um dem Rechnung zu tragen; Formen, die sowohl eine Neudefinition der Lehrer-Schüler-Beziehung als auch der Sangha, der Gemeinschaft, beinhalten müssen. Und die der Tatsache Rechnung tragen, dass auch Zen-Übende Kinder haben, um die sie sich kümmern wollen.
Sehr radikale Veränderungen traditioneller Zen-Praxis hat der US-Amerikaner Glassman Roshi vorgenommen, der mit SchülerInnen und Wohnungslosen Wohnblocks renovierte sowie Bäckereien und andere Geschäftszweige gründete und betrieb. Er leitete Straßen-Retreats, bei denen Menschen tagelang ohne Geld und Unterkunft leben und die Erfahrung von Obdachlosigkeit machen, oder Retreats in Auschwitz. Und tritt als Zen-Clown auf. Und all diese Aktivitäten versteht er als Zen-Praxis.

2. Zen war in seiner Geschichte immer ein männlicher Übungsweg, der (bis auf Ausnahmen) von Männern entwickelt und weitergegeben wurde, ein Übungsweg, der bestimmte ‚männliche' Eigenschaften betonte und ‚weibliche' abwertete. „Die Materie von Zen ist männlich: koan, die auf spontane Dialoge zwischen Mönchen zurückgehen; Helden, die ihre weniger erleuchteten Rivalen im dharma-Gefecht besiegen; und ein guter Teil Prügel und Stockschwingen", schreiben Perle Besserman und Manfred Steger in ihrem Buch ‚Verrückte Wolken'. Im Westen handelt es sich bei mindestens der Hälfte der Übenden um Frauen. Auch diese Tatsache wird Zen entscheidend verändern. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Zen-Meisterinnen und -Lehrerinnen, die (zum Teil) ein Bewusstsein für das Problem haben, als Frauen eine deutlich männlich geprägte Tradition weiterzuvermitteln. Es gibt engagierte Frauen, die über die (wenigen) weiblichen Zen-Vorfahren forschen, und Frauen, die als Schülerinnen von männlichen Zen-Meistern und -Lehrern fordern, dass diese ihre blinden Flecken bzgl. der männlichen Dominanz erkennen und ausräumen. Auch das wird Zen nachhaltig verändern.
In diesem Zusammenhang sei besonders Joko Beck genannt, die Zen sehr klar im Alltag verortet und Achtsamkeit in allen alltäglichen Aktivitäten lehrt. Sie bezieht auch sehr stark die psychische Dimension ein, eine Ausrichtung, die von ihrer Dharma-Nachfolgerin Diane Rizzetto fortgesetzt wird. Deren Schwerpunkt liegt darüber hinaus in einem bewussten Umgang mit den buddhistischen Regeln als wichtigen Orientierungspunkten. „Was nützt es, wenn ich alle Koans der Welt löse, aber nicht in der Lage bin, meine Mutter, mit der ich zerstritten bin, anzurufen", sagt sie.

1600mal600AchtungvordemLeben

 

3. Zen existierte historisch gesehen immer in einem buddhistischen Kontext, existierte als Buddhismus, als Religion. Und noch der radikalste Bilderstürmer des Zen hatte die buddhistischen Schriften jahrelang studiert, bevor er sie verbrannte. Die Konzepte (ja, die gibt es, auch wenn sie alle losgelassen werden müssen) und die Ethik des Zen sind zutiefst buddhistisch geprägt. Als Yamada Koun Roshi in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts christliche Ordensleute, Pfarrer etc. zu Zen-LehrerInnen autorisierte, wurden erstmalig Menschen mit einer bestimmten Religionszugehörigkeit zu Lehrenden in einer anderen Religion autorisiert. Der bekannteste ist sicherlich der Benediktinermönch Willigis Jäger; er ist autorisierter Zen-Meister und hat vermutlich mehr Zen-SchülerInnen als die buddhistisch ausgerichteten Zen-LehrerInnen im deutschsprachigen Raum zusammengenommen. Als Christ Zen zu üben ist möglich, wenn man, wie der indische christliche Zen-Meister Ama Samy es fordert, Zen und Christentum als je eigene (erlernbare) ‚Sprachen' versteht und eine Art religiöse ‚Zweisprachigkeit' praktiziert. Oder indem man aus Zen eine Methode macht, die mit dem Buddhismus zwar historisch, aber nicht genuin etwas zu hat. Zen wird dabei als reine Methode der Bewusstseinsentleerung oder -fokussierung verstanden und kann auf diese Weise durchaus noch zu einer Vertiefung des christlichen Glaubens beitragen, wie manche Vertreter einer solchen Sicht sagen. Auch eine solche Reduktion verändert Zen entscheidend. Ob dabei dessen Essenz bewahrt bleibt oder lebenswichtige Adern (z. B. die Ethik) gekappt werden, das wird sich nicht zuletzt in der Praxis erweisen müssen.UW67SCHW Schlaglichter auf zen3

4. Zen kommt zu einer Zeit in den Westen, in der sich feste Identitäten, Strukturen und Gewissheiten auch im religiösen Bereich zunehmend auflösen und wir uns unsere spirituelle Identität aus den verschiedensten ‚Versatzstücken' zusammenbasteln. Darin liegt die große Chance, Verkrustungen und kulturelles ‚Beiwerk' fallen zu lassen, sich auf den wesentlichen Gehalt der spirituellen Tradition zu beziehen und ihn zeitgemäß zum Ausdruck zu bringen (z. B. im Kontext einer transkonfessionellen oder integralen Spiritualität). Hier sei Genpo Roshi genannt, der Zen mit der Therapiemethode des Voice Dialogue (Arbeit mit den inneren Stimmen) kombinierte und daraus den Big-Mind-Prozess entwickelte. Dabei werden durch die Identifikation mit den transzendenten Stimmen des ‚Großen Geistes' oder ‚Großen Herzens' Durchbruchserfahrungen ermöglicht, und zwar wohl auch bei Menschen, die nie zuvor Zen geübt haben.
Im ‚Patchworken' unserer Zeit liegt natürlich auch eine große Gefahr der Beliebigkeit und Verwässerung, wenn z. B. Zen in der Aura von Wellness oder als Erfolgsgarant im Businessbereich daherkommt.
Die Verwurzelung des Zen im Westen ist sicherlich ein langwieriger, aber spannender Prozess, der großer Sorgfalt und Geduld bedarf, damit wir nicht vorschnell das Kind mit dem Bade ausschütten und uns dann wundern, wo es geblieben ist. Oder wir uns, obwohl wir von der wechselvollen (Ideen-)Geschichte des Zen und des Buddhismus so gar nichts wissen, nach unseren eigenen Vorstellungen ein Zen zusammenbasteln, das wir dann für zeitgemäß halten. Was sind wirklich die Lebensadern des Zen? Was ist die unverzichtbare Essenz des Zen? Nehmen wir diese Fragen als unser Koan. Finden wir in unserer Praxis eine überzeugende Antwort, wie Zen im Westen aussehen kann, damit es wirklich Zen ist; ein Zen, das nicht wie einem japanischen Kostümfilm entlehnt oder einer Werbung für Wellness-Oasen entnommen daherkommt. Sondern ein Zen, dessen Referenzpunkt die Erleuchtungserfahrung des Buddha und dessen Motor das Mitgefühl mit allen Wesen ist.

Grenzenlos und frei ist der Himmel des Samadhi,
hell strahlt der volle Mond der Erleuchtung!
Wahrlich gibt es irgendetwas, das jetzt fehlt?
Nirvana ist hier und jetzt, vor deinen Augen;
dieser Ort selbst ist das Lotos-Land,
dieser Körper selbst ist der Buddha.
(Aus dem Preisgesang des Zazen von Hakuin Zenji)

Ursula Richard ist Gründerin der Literaturmanufaktur in Berlin, einer Agentur, die auf die Vermittlung und Betreuung spiritueller AutorInnen und Buchprojekte spezialisiert ist, außerdem Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin, u. a. von Thich Nhat Hanh. Seit mehr als 20 Jahren ist sie auch Zen-Übende. www.literaturmanufaktur.de
Kommentar schreiben

Verwandte Artikel