Achtsamkeit

In einigen U\W Artikel machte ich schon Randbemerkungen zur Psychologie der Erforschung der Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt der Leidentstehung, zu den sogenannten ‚Gliedern der erlösenden Erkenntnis' (bojjhaṅga). Es bleiben noch zwei Glieder übrig: Sammlung (samādhi) und Gelassenheit (upekkhā).

 

Zur Sammlung habe ich im Zusammenhang mit dem achtfachen Pfad schon einiges angemerkt, zur Gelassenheit etliches im Zusammenhang mit den Einstellungen, welche keine Grenzen kennen, erläutert. So will ich im Folgenden noch einige Schlussbemerkungen zur buddhistischen Psychologie der Forschung versuchen.

Zunächst: Es geht nicht um theoretische Einsichten oder Glasperlenspiele. Buddhismus ist kein Diskutierzirkel und auch keine scharfsinnige Denksportaufgabe. Solch beliebte Kaffeekränzchen-Unterhaltungen wie die Lehre vom Nicht-Ich oder von der Leerheit finden mancherorts hellen Anklang. Auch ich liebe entsprechende Unterhaltungen. Am Ende langer Diskussionen merkt man dann vielleicht, dass all das geistvolle Gerede wenig Relevanz für den Zweck des Buddhismus besitzt. Die Intention des Buddhismus ist der Umgang mit unseren alltäglichen Erfahrungen von Leiden, von Alter, Krankheit, Tod, unliebsamen Begegnungen mit unseren Mitmenschen, Frustration usw., der Umgang mit Problemen also, die uns auch noch im Jahr 2010 beschäftigen.

Buddhistische Erkenntnis ist nicht bloße theoretische Überzeugung. Ich kann recht gut über die buddhistischen Grundwahrheiten reden. Nachher wird man mir aber zu Recht vorwerfen, dass ich ja nicht wirklich davon überzeugt bin, da ich in vielerlei Hinsicht lebe, als ob diese Wahrheiten lediglich geringe Geltung hätten. Von buddhistischer Erkenntnis oder Einsicht kann man erst sprechen, wenn sie in Fleisch und Blut übergegangen, Lebenswirklichkeit geworden ist.UW74STU-Psychologie_der_Forschung

Buddhistische Einsicht besteht nicht darin, bestimmte Formeln nachzusprechen, sich in irgendwelche exotische Vorstellungen hineinzudenken, sondern selbst hinzuschauen. Der Buddha hat einmal das sehr schöne Wort gesagt: „Seid euch selbst eine Leuchte, seid euch selbst eine rettende Insel!" Ich würde sagen, eine ganz wichtige Einsicht des Buddhismus ist, dass man sich selbst eine Funzel sein soll. Normalerweise ist man ja zunächst eine ziemliche Funzel, nicht gerade ein Halogenscheinwerfer. Trotzdem: Sich selber eine Funzel sein ist besser, als in der ganzen Welt nach einem Halogenscheinwerfer Ausschau zu halten. Stattdessen sollten wir selbst versuchen, genau hinzuschauen. Das heißt nicht, dass wir uns hinsetzen und auf die Wirklichkeit starren. Dabei kommt nichts Gescheites heraus. Dafür brauchen wir auch keinen Buddhismus. Wir brauchen die buddhistische Anleitung, weil es ein angeleitetes Hinschauen ist.

Es kann gut sein, wenn man sich ab und zu zurückzieht, um die Einsicht einzuüben, aber erst im täglichen Leben zeigt sich, wie weit man mit der Einsicht gekommen ist. Einübung der Einsicht ist nicht etwas außerhalb des alltäglichen Lebens, sondern etwas, das im alltäglichen Leben wirksam werden muss.

Systematisches Erkennen setzt voraus, dass man nicht nur seine Hypothese anstarrt, sondern man muss auch die Alternativen dazu untersuchen. Das ist das Gegenteil von dogmatischer Enge und ideologischer Befangenheit, die beide auch bei Buddhisten nicht eben selten zu finden sind.

Was sind aber die Arbeitshypothesen, die in der von der Lehre Buddhas geleiteten Erforschung der Wirklichkeit geprüft werden sollen? Dabei handelt es sich sicher nicht um Probleme der Quantenphysik. Es sind die Kernpunkte der Erlösungslehre Buddhas, etwa die folgenden:

· die vier edlen Wahrheiten

· die Entstehung der unser bewusstes Ich ausmachenden Faktoren mit ihren Bedingungen

· die Sicht unseres Denkens, Fühlens und Handelns im Lichte von Karma; das heißt, dass wir sehen lernen, wie oft wir uns selbst Leiden schaffen

· die Sicht der ganzen Wirklichkeit als unbeständig (anicca), herrenlos (anatta) und leidvoll (dukkha)

Nehmen wir den letzten Punkt: Es gilt, die Wirklichkeit unter drei Aspekten zu sehen – in ihrer Unbeständigkeit, in ihrer Herrenlosigkeit und Hohlheit und deswegen in ihrem Leidvollsein. Unbeständig, deswegen leidvoll und deswegen herrenlos, Nicht-Ich. Wäre nämlich etwas mein, wäre es unter meiner Herrschaft, dann könnte ich bestimmen: Das hat mir imponiert, so soll es sein, so soll es bleiben. Dann wäre es nicht leidvoll, denn ich würde das Leid vermeiden. Deshalb wäre es auch nicht unbeständig: Unbeständigkeit verursacht ja Trennungsschmerz.

Unbeständigkeit ist eine tägliche Erfahrung. Walter Heinrich Robert-Tomow (1852-1895) hat das sehr eingängig in seiner – 1897 von Hugo Wolf vertonten – Wiedergabe von Michelangelos ‚chiunche nasce a morte arriva' ausgedrückt:

„Alles endet, was entstehet
Alles, alles rings vergehet."

Um diese Erkenntnis in Fleisch und Blut aufzunehmen, lohnt es sich, regelmäßig Angehörige oder Bekannte in Alters- und Pflegeheimen zu besuchen. Damit erreichen wir ein zweifaches Ziel: Wir bringen Freude und wir erleben eindrücklich, wie alles dem Vergehen und Zerfall unterworfen ist.

Wenn wir einsehen, dass auch die beglückende Wirklichkeit leidvoll, weil vergänglich ist, bedeutet das nicht, dass wir als Sauertöpfe herumlaufen und uns selbst und unserer Mitwelt jede Lebensfreude vergällen. Im Gegenteil, wir werden das gegenwärtige Glück genießen können, weil wir uns keine Illusionen machen und darum auch nicht ständig neuem, angeblich noch größerem Glück nachjagen.

Dazu, dass es keinen Herrscher, keine Herrscherin über irgendeine Situation gibt, habe ich an anderer Stelle in diesem Heft einige Anmerkungen versucht. Es bedeutet, dass Fausts Wunsch von niemandem, weder von Gott noch Mensch, erfüllt werden kann:

„Werd' ich zum Augenblicke sagen:

Verweile doch! du bist so schön!"

Buddhistische Mönche rezitieren täglich die Eigenschaften der Buddha-Lehre, des dhamma:

„Gut erklärt ist vom Ehrwürdigen die Lehre, sichtbar, zeitlos, von der Art des ‚Komm und sieh!', fruchtbar anleitend, von Weisen selbst erkennbar."

Wir können dazu beitragen, dass das für uns nicht nur ein Lippenbekenntnis darstellt.

Alois Payer  geb.1944, studierte und lehrte an verschiedenen Universitäten und Hochschulen Indologie, Buddhologie und Religionswissenschaften.

Kommentare   

# Uwe Meisenbacher 2017-12-25 13:23
Buddhistische Erkenntnisse oder Einsichten sind erst dann wirksam, wenn sie in der Lebenswirklichkeit praktiziert werden.
Da kann ich Herrn Payer voll und ganz zustimmen.

Mit freundlichen, aberglaubensbefreiten, buddhistischen Grüßen.
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren