Achtsamkeit

Mit ‚Gabe zu allem, Lust zu vielem, Ausdauer zu nichts' kommt man – wie sonst im Leben auch – auf dem Weg zur Erlösung nicht weit. Es braucht dazu Energie. 

Was Energie ist, hat der weise Wilhelm Busch in ‚Balduin Bählamm' unnachahmlich dargestellt:

 „Das Zahnweh, subjektiv genommen,
Ist ohne Zweifel unwillkommen;
Doch hat's die gute Eigenschaft,
Dass sich dabei die Lebenskraft,
Die man nach außen oft verschwendet,
Auf einen Punkt nach innen wendet
Und hier energisch konzentriert.
Kaum wird der erste Stich verspürt,
Kaum fühlt man das bekannte Bohren,
Das Rucken, Zucken und Rumoren –
Und aus ist's mit der Weltgeschichte,
Vergessen sind die Kursberichte,
Die Steuern und das Einmaleins.
Kurz, jede Form gewohnten Seins,
Die sonst real erscheint und wichtig,
Wird plötzlich wesenlos und nichtig.
Ja, selbst die alte Liebe rostet –
Man weiß nicht, was die Butter kostet –
Denn einzig in der engen Höhle
Des Backenzahnes weilt die Seele,
Und unter Toben und Gesaus
Reift der Entschluss: Er muss heraus!!"

Leider ist die Tatsache, dass wir uns selbst und anderen Leiden schaffen, nicht so leicht zu beseitigen wie ein kranker Zahn.

Zum einen: Während der Zahnarzt meist mehr oder weniger Herr über den bösen Zahn wird, sind wir nicht Herren über das Leiden, das wir uns und anderen zufügen. Es gibt keine Seele, kein Ich, kein Selbst oder wie immer man es nennen mag, das Herr über das ist, was in uns vorgeht.

Zum anderen ist das Schaffen von Leiden viel tief sitzender als ein noch so fest sitzender Zahn. Durch die Evolution, die Geschichte und Selektion unserer Vorfahren und unsere eigene Geschichte ist das Schaffen von Leiden zu einem Bestandteil unserer Natur geworden. Wir müssen daher auf dem buddhistischen Heilsweg ‚widernatürlich' werden.Viriya

Es gibt auch keinen Hebel, mit dem wir das Schaffen von Leiden aushebeln oder abschalten könnten. Unsere Einflussmöglichkeiten bewegen sich meist im infinitesimal kleinen Bereich. Deswegen ist es auch ratsam, unser Leben so zu betrachten, als ob es Teil unzähliger Wiedergeburten wäre. Aus einer solchen ‚erdgeschichtlichen' Perspektive heraus erkennen wir auch, dass kleine Änderungen riesige Wirkungen zeigen können: Obwohl sich der Himalaja im Jahr nur einige Zentimeter hebt, ist er eine riesige Gebirgskette. Wir brauchen also Ausdauer, Beharrlichkeit oder wie Goethe es 1827 formuliert:

„Tätig treu in jedem Kreise,
Still beharrlich jeder Weise;
Nicht vom Weg, dem graden, weichend
Und zuletzt das Ziel erreichend."

Wir haben viele Sprichwörter, die das ausdrücken. Diese hat Adolf Glaßbrenner 1866 spaßhaft zusammengefasst:

„Auf Einen Hieb fällt nie ein Baum,
Der schwankende der Freiheit kaum;
Ein Trunk erschöpft noch keinen Bronnen,
Ein Schuss macht keine Schlacht gewonnen;
Ein Räuber ist noch keine Maut,
Rom nicht in Einem Tag erbaut;
Nicht Sommer wird's durch Eine Schwalbe,
Ja, nicht einmal durch anderthalbe;
Ein Wölkchen löscht noch nicht die Sonne,
Ein Kindchen macht noch keine Nonne;
Ein Seufzer keinen Knutenthron,
Ein Schafskopf keine Nation;
Ein Sklave keinen Archidux,
Ein rotes Haar noch keinen Fuchs."

Obwohl ich mir kein Urteil anmaßen will über Heilswege, die ich nicht selbst ausprobiert habe, bin ich doch zutiefst skeptisch gegenüber allem, was Quick-Erlösung oder sogar Instant-Erlösung in Aussicht stellt. Meiner Erfahrung entspricht viel eher, dass es mit dem Weg zum Heil ist wie mit dem Lernen eines Musikinstruments, dem Weg zu sportlichem Erfolg, wissenschaftlicher Kleinarbeit oder dem Austüfteln technischer Lösungen. Ich bewundere die Geduld und Ausdauer von Experimentalwissenschaftlern oder ‚schwäbischen' Tüftlern. Sie sind mir Vorbild, wenn mir die Lust am buddhistischen Weg vergeht. Ein Tüftler ist jemand, der ‚eine kleinliche, mühsame Arbeit mit viel Ausdauer verrichtet, sehr lange und genau an einer Sache arbeitet'. So sollten wir gewöhnlichen Buddhisten echte Tüftler sein. Und das kann zeitweise recht langweilig sein. Die riesige Produktion an buddhistischer Literatur im Laufe der Zeiten könnte man auch als Ausdruck der Langeweile auf dem Heilsweg deuten. Deswegen betreibt man Allotria durch Schreiben. Das gilt natürlich auch für den Verfasser dieser Zeilen.

Dabei ist Ausdauer gar nichts Außergewöhnliches. Gottfried Keller drückt es 1879 so schön aus: „Mit der Ausdauer des Geizes sammelte sie Geld."

Ausdauer, Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit sollten aber nicht zur Halsstarrigkeit werden. Zu Halsstarrigkeit, Verbohrtheit neigen gerade ‚religiöse', ‚spirituelle' Menschen. Solche Menschen sind oft unbelehrbar. Heute schwärmt man zwar allerorten von Dialog, will aber durch den Dialog nur bestätigt finden, dass die eigene Überzeugung wichtig ist. Zum echten Dialog gehört aber die Bereitschaft, sich überzeugen und widerlegen zu lassen und daraus die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Es ist zwar gewiss keine Widerlegung des buddhistischen Heilswegs, wenn man nach einem halben Jahr ernsthafter Praxis nicht die Erlösung verwirklicht hat. Der Hinweis auf den unter Umständen erdgeschichtlich langen Weg zur Befreiung vom Leiden darf aber nicht Immunisierungsstrategie gegen Kritik und Widerlegung sein. Hier haben wir Buddhisten noch einige Denkarbeit zu leisten, um die Frage zu klären, wann der buddhistische Heilsweg widerlegt ist. Der Hinweis auf Buddha Gautama ist da zu wenig, da die Überlieferung über ihn auch kritisch gesehen werden muss.

Ich persönlich kann nicht sagen, ob der buddhistische Weg wirklich zur Erlösung führt. Ich bin aber nun alt genug, um guten Gewissens sagen zu können, dass die kleinen Schrittchen dorthin langfristig gesehen lohnend sind. Das bedeutet meines Erachtens Karma als Weltsicht: dass man sieht, dass sich ein Verhalten langfristig ‚lohnt' bzw. ‚nicht lohnt'.

Möge man von uns einst wie von Jukundi in Gottfried Kellers ‚Die Leute von Seldwyla' sagen können: „Von steter Fröhlichkeit und Ausdauer vom ersten bis zum letzten Augenblicke, war Jukundi dennoch die Ruhe und Gelassenheit selbst."

 

Alois Payer, geboren 1944, studierte und lehrte an verschiedenen Universitäten und Hochschulen Indologie, Buddhologie und Religionswissenschaften.

 

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Kommentare   

# Uwe Meisenbacher 2017-02-10 13:49
Sehr guter Beitrag!

Buddha sein Anliegen war, uns Menschen im Umgang mit dem alltäglichen Leiden zu helfen.
Darauf basiert Buddhas Pfad der Weisheit, "Mache das Heilsame, lasse das Unheilsame und ent-
wickle deinen Geist. Ist ein gut zu praktizierender Weg.
Der allerdings ohne Geduld, Ausdauer, Beharrlichkeit, Gelassenheit und Achtsamkeit nicht zum
gewünschten Ziel führt.
Das ist auch aus meiner eigenen Erfahrung mit einer Quick-Erlösung oder eine Instant-Erlösung nicht zu erreichen.

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, heilsamen, buddhistischen Grüßen

Uwe Meisenbacher
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