Achtsamkeit & Meditation

Atmen passiert automatisch, kaum einer denkt darüber nach. Dabei ist es Quell unendlich großer Kräfte – auf das Bewusstsein kommt es an.

Das Unscheinbare ist das Wesentliche. Damit wäre über die Bedeutung des Atems und des Atmens bereits alles gesagt. Der Atem trägt uns vom ersten Schrei bis zum letzten Seufzer durchs Leben. An unserem zehnten Geburtstag haben wir ungefähr 84 Millionen Mal ein- und ausgeatmet. Zum Achtziger sind es bereits rund 700 Millionen Atemzüge. In Kubikmetern haben wir zu diesem Zeitpunkt bereits rund 365.000 Kubikmeter Luft bewegt.
So selbstverständlich, wie der Atem uns trägt, so ungreifbar und tiefgründig ist der Prozess des Atmens. In der hebräischen Bibel genauso wie in den Sanskrit-Texten der Upanishaden wird gesagt, dass der Atem göttlichen Ursprungs ist. Für den griechischen Naturphilosophen Anaximenes ist es der Atem, der den Menschen ‚zusammenhält‘ und zugleich mit dem Kosmos verbindet. In so ziemlich allen Kulturen gilt der Atem als Sitz der Lebenskraft. Kein Wunder: Menschen kommen zwar ziemlich lange ohne Nahrung aus. Auch ohne Schlaf oder ohne Flüssigkeit können sie ein paar Tage überleben. Doch ohne Atmung stirbt ein Mensch innerhalb weniger Minuten. Ohne Atmung kein Leben. Das gilt nicht nur für Menschen, sondern für alle Tiere – selbst für Grillen, Käfer oder Ameisen. Doch das merkt man nur, wenn der Atem fehlt – sei es, dass die Nase verstopft ist oder man ‚außer Atem‘ ist.
Physiologisch betrachtet ist der Atem ein Gasaustausch, eine körperliche, muskuläre Bewegung, bei der ein Gasgemisch ins Körperinnere angesaugt und ein weiteres Gasgemisch aus dem Körperinneren nach außen abgegeben wird. Beim Menschen ist der Hauptbestandteil sowohl beim Ein- wie auch beim Ausatmen Stickstoff (N2), also 78 Prozent, weiters Wasserdampf und Edelgase. Beim Einatmen kommen dazu rund 0,4 Prozent Kohlendioxid (CO2) und 21 Prozent Sauerstoff (O2). Bei der Ausatmung sind es nur noch circa 17 Prozent Sauerstoff, dafür rund vier Prozent Kohlendioxid plus Spuren von Gasen, die aus dem Körper ausgeschieden werden – zum Beispiel Gase, die bei der Verdauung entstehen, das macht dann unter Umständen schlechten Mundgeruch. Ins Blut kommt der Sauerstoff über die halbdurchlässigen Alveolen – Lungenbläschen, die zwar den Gasaustausch zulassen, aber keinen Austausch von Körperflüssigkeiten. Für den dafür nötigen Druck im Gewebe sorgt das Herz. Bei Herzinsuffizienz tritt Wasser in die Lunge ein. Das Hämoglobin transportiert die Sauerstoffmoleküle in die rund 100 Billionen Körperzellen eines Menschen. Dort findet die ‚zelluläre Atmung‘ statt: ein Oxidationsprozess, der Wärme und Energie freisetzt, ähnlich wie wenn man etwa Holz verbrennen würde. Leben ist Wärme, ist Atem. 

Leben ist Atem, ist Verbundenheit.

Und Leben ist Atem, ist Verbundenheit: Mit jedem Atemzug wird ein Teil des eingeatmeten Sauerstoffs in Kohlendioxid umgewandelt und ausgeatmet. Das Kohlendioxid wird von Pflanzen aller Art ‚eingeatmet‘. Sonnenlicht ermöglicht die Photosynthese: Aus Wasser und Kohlendioxid wird Traubenzucker, der dabei freiwerdende Sauerstoff wird ‚ausgeatmet‘ und steht für die Einatmung der atmenden Lebewesen bereit. Jeder Atemzug verbindet mit dem Planeten im Ganzen, denn der blaue Planet funktioniert als ein einziges Makro-Ökosystem. Die großen tropischen Regenwälder sind buchstäblich Teil der ‚Lunge‘ des Planeten. Weder Atmosphäre noch Atem kennen Staatsgrenzen und Reisepässe. Der Atem verbindet mit dem Planeten im Ganzen – dies ist nicht philosophische Spekulation, sondern angewandte Naturwissenschaft.
Leben ist Atmen, ist Ausdruck des Lebens. Ohne Atmen kann man weder sprechen noch lachen oder weinen. Auch Reflexe wie Gähnen, Husten oder Niesen funktionieren nur durch den Atem. Solange wir atmen, haben wir Körperempfindungen, Emotionen, Gedanken, Wünsche und Zukunftshoffnungen. Buchstäblich nichts geht ohne Atmen. Der Atem hält die verschiedenen Ebenen unserer Existenz zusammen. Zudem hängt der Atem eng mit der Körperbewegung zusammen. Wenn man sich etwa nach oben streckt oder am Boden liegend mit den Füßen wippt, ändert sich die Atmung.

Warum der Atem alles istDoch wird die Atmung, das Atemmuster, wesentlich durch Emotionen geformt. Freude oder Ärger verändern die Atmung genauso wie Angst. In einem Experiment wurde den Probanden Musik vorgespielt, während man ihre Atemrhythmen aufzeichnete. Ob den Versuchspersonen die Musik gefiel, konnte man am Atemrhythmus feststellen, der sich in diesem Fall der Musik angeglichen hatte. So ist es nicht verwunderlich, dass auch soziale Rollen den Atem beeinflussen. Statistisch gesehen neigen Frauen weit häufiger zu einer flachen Brustatmung als Männer.
So wie alle Körperfunktionen, die vom vegetativen Nervensystem reguliert werden, ist auch der Atem unwillkürlich. Doch kann man die Atmung willentlich verlängern, verkürzen, das Atmungsvolumen verkleinern oder vergrößern oder die Atmung sogar kurz anhalten.
Diese Doppelgesichtigkeit des Atmens kennen Schamanen genauso wie muslimische Sufis, christliche Betende oder buddhistische Mönche. Holotropes Atmen oder Biofeedback genauso wie Pranayama im Yoga nützen den Umstand, dass der Atem einerseits unwillkürlich über das vegetative Nervensystem verläuft, aber dass andererseits in diesen Prozess willkürlich eingegriffen werden kann. Verändert man das Atemmuster, verändert sich auch die seelische Lage. 

Ohne Atmen kann man weder sprechen noch lachen oder weinen.

Die vermutlich ersten, die diesen Umstand entdeckten, waren Asketen in der Ganges-Ebene. Der Glaube der Vorväter an den vedischen Opferkult und ein Fortleben im ‚Väterhimmel‘ war ihnen eines Tages fragwürdig geworden. Mit radikalen Mitteln suchten sie nach neuen Einsichten. So setzten sie sich zum Beispiel auf einem Leichenverbrennungsplatz in der glühenden indischen Sonne zwischen vier Feuer, um tapas, wörtlich ‚Hitze‘ oder ‚Wärme‘, zu erzeugen. Die heftige Selbsterfahrung, die seelische Reinigung und der Gewinn von mentalen Kräften durch diese Askese legten ihnen nahe, ihre Übung wie ein Opfer zu sehen. Der Körper des Asketen wird also zum Opferaltar, der Atem das Opferfeuer, in dem sämtliche Anhaftungen verbrannt werden. So entsteht die Identität von Einzelnem und Kosmos, atman und brahman.
Siddharta Gautama, selbst Teil dieser Asketenbewegung, führten die vom Willen gesteuerten Praktiken nicht zur Erkenntnis der Todlosigkeit. Eine Kindheitserinnerung von einem Moment tiefer Ruhe unter dem Rosenapfelbaum half ihm weiter. Nicht Atemmanipulation, sondern wahrnehmen, was jetzt ist – ob zum Beispiel der Atem kurz ist oder lang –, ist der Weg zur Befreiung.
Ähnlich wird im ‚Hesychasmus‘ (griech. hesyche, Ruhe) beziehungsweise im Jesusgebet in den christlichen Ostkirchen der Atem nicht manipuliert. Es geht um eine Praxis der Achtsamkeit, die Wachheit und Nüchternheit verlangt. In den Kirchen des christlichen Ostens gelten beide als Kriterien der Heiligkeit.
Im dhikr (arab. ‚Gedenken‘) gehen die Sufis, die islamischen Mystiker, vom unwillkürlichen Atemrhythmus aus, der sich im Laufe der Übung jedoch verändern kann. Zeitgenössische Achtsamkeitspraktiken wiederum sehen in der Atemachtsamkeit ein Antidot gegen das Verharren im Autopilot-Modus.
Immer geht es um den Atem, egal, ob es sich um die Suche nach innerem Frieden, nach einem holistischen Wohlbefinden oder um Befreiung von Stress handelt. Denn der Atem ist die Mitte des Lebens.

Dr. Ursula Baatz, geboren 1951, ist Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher.


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