Achtsamkeit & Meditation

Wie war doch gleich das Thema dieses Heftes? Ach ja: Achtsamkeit. Ist ja wahr, man kann nicht oft genug darüber schreiben, reden und sich in ihr üben.

„Bitte, seien Sie achtsam, andere könnten Ihren Sitzplatz vielleicht dringender brauchen.“ In der Wiener U-Bahn funktioniert es ganz gut. Nachdem immer öfter mittelalte Frauen für mich aufstehen wollen, bin ich doch etwas irritiert. Sieht man mir das schon an, dass ich dringender sitzen müsste? Noch kann ich munter sagen: „Oh, danke vielmals, in 20 Jahren vielleicht!“ Heimlich denke ich: „Wenn ich dann noch lebe.“ Achtsamkeit, ach ja. „Mind the gap!“, tönt es da schon wieder in der U-Bahn. Welchen ‚gap‘? Wer versteht denn das und was soll es heißen? Die Jungen springen über den Spalt auf den Bahnsteig. Wir Alten sind sowieso achtsam. Ein Oberschenkelhalsbruch, das fehlte uns gerade noch!
Unlängst war ich mit meinen zwei Enkelkindern, einem Kinderwagen, einem Tretroller, Bananen, Äpfeln, kleinen Rucksäcken und meiner großen Provianttasche unterwegs. Bei uns, auf dem Bahnhof in Wullersdorf, gibt es keinen Lift, dafür einige steile Rampen. Wie kriege ich die Kinder da heil hinauf und erst recht hinunter? Wenn ich Rollstuhlfahrerin wäre, wäre das eine Himmelfahrt. Also gut, dafür gibt es sieben sehr achtsame Behindertenparkplätze. Apropos, zur Erinnerung: Mütter sind die absoluten Heldinnen der Menschheit.
Ach, Achtsamkeit! Sie ist wahrlich keine allgemeine menschliche Tugend. Warum geht von ‚UNS GUTEN‘ nicht eine weltweite Bewegung der Achtsamkeit aus? Warum fahren wir nicht mit dem Zug, dem Fahrrad oder gehen gar zu Fuß? Warum müssen wir für zwei Wochen irgendwohin fliegen? Warum werfen wir schon wieder eine noch verschlossene Packung Fleisch oder Gemüse in den Müll, nur weil das Ablaufdatum zwei Tage überschritten ist? Warum müssen wir uns alle elektrisch die Zähne putzen? Warum schreien wir nicht lauthals an gegen die aufgeblasenen Nichtsnichtnichtse, die drauf und dran sind, unsere Welt in eine gefährliche Schieflage zu bringen? Warum halten wir uns vornehm – spirituell sozusagen – zurück, wenn es um politische Wahnsinnigkeiten, um Neuauflagen der faschistischen Weltsicht geht? Die Weisen sagen: „Kümmere dich nicht um die Welt, sie hat ihr eigenes Karma!“
Sehr bequem und biedermeierlich, vor allem sehr spirituell. Aber: Haben wir nicht auch Verantwortung für unsere Erde, unsere Menschheit, vor allem, wenn wir unser Bewusstsein und unsere Achtsamkeit erweitern?

AchtsamkeitWie sagt da der großartige Schauspieler Anthony Hopkins: „Keiner von uns kommt hier lebend raus, also hört auf, euch wie Denkmäler zu behandeln! Esst leckeres Essen, spaziert in der Sonne, springt ins Meer. Sagt die Wahrheit und tragt euer Herz auf der Zunge. Seid albern, seid freundlich, seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit!“ Wie wahr.
Warum sind wir nicht radikal gegen JEDES patriarchale Relikt zur weltweiten, jahrtausendealten Un-Achtsamkeit den Frauen, den Schwarzen, den Sklaven, den Tieren, den ‚Anderen‘ und unserer Mutter Erde gegenüber? Es wird erst Balance und somit tiefgreifende Veränderung möglich sein, wenn alle, auf allen Ebenen, achtsam sind und die (auch nicht mehr ganz neue) Forderung nach gleichem Recht für alle endlich durchgesetzt und auf ganz trivialer Ebene gelebt wird. Aber ach, auch da wird wieder niemand hingehen, da wären wir nämlich im Paradies, am Ende der Dualität, wahrscheinlich auch am Ende der Menschheit. Und auch da wird wieder niemand etwas davon gewusst haben. In diesem Sinne: Mind the gap!

Ihre Renata Mörth

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