Achtsamkeit & Meditation

Wer sich selbst und seine Emotionen kennt, hat die Chance, nicht immer in die eigenen Fallen zu tappen. Eine Anleitung zur Selbstreflexion.

Die Meditation der Achtsamkeit ist nicht nur auf den Atem und den Körper beschränkt. In einer der wichtigen Reden Buddhas zum Thema Achtsamkeit – Satipatthana – betrachtet man auch den Geist und seine Färbungen. Es geht darum, zu versuchen herauszufinden, wovon unser Geist bestimmt ist, welche Stimmung oder welcher Geisteszustand gerade vorherrscht. Wir schauen auf Qualitäten oder Hindernisse und begeben uns damit in das Gebiet der Selbsterkenntnis.

Es geht um den Begriff Citta. Übersetzt wird der mit ‚der Geist‘, ‚das Geistige‘, ‚die Gedanken‘, ‚ein Bewusstseinszustand‘, ‚das Gemüt‘, ‚eine Stimmung‘ und ‚das Herz‘. Das Geistige ist ein unglaublich komplexes Gebilde, dessen Leistung des Speicherns und Verarbeitens auch von den größten Computern bisher nicht übertroffen wird. Es ist ein System, das sich ständig verändert, lernt, aber auch sehr feste Strukturen bilden kann. So können sich in diesem ständig bewegten Energie- und Informationsfluss Tendenzen herausbilden. Wenn diese vorübergehend sind, dann könnten wir sagen, dass es sich um Stimmungen handelt. Wenn diese sich verfestigen, sprechen wir vom Charakter eines Menschen. Wir stellen fest, der ist freundlich, ängstlich, nervös, liebevoll, cholerisch oder melancholisch. Wir sagen dann: So bin ich eben, so sind die anderen.

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Nach Buddhas Worten ist es der Geist, der vorausgeht und je nachdem, welche Tendenzen vorhanden sind, entsprechende Folgen schafft. Heute könnte man sagen, dass letzten Endes alles Information ist und aus dem Geistigen die Welt entsteht. So werden wir vom Geist gelenkt, ohne dass wir das wahrnehmen.

Der Vorschlag des Buddha ist ganz einfach und dennoch revolutionär. Hier steht, dass der Übende neun Geistesverfassungen und ihr jeweiliges Gegenteil weiß, das heißt, er bemerkt sie, er kennt sie, sie sind ihm bewusst. Für gewöhnlich sind wir so mit diesen geistigen Vorgängen identifiziert, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, sie als etwas Eigenständiges zu sehen. Wir empfinden sie, als wären sie wir selbst.

Wie kann denn dann aber der Geist den Geist betrachten? Wenn wir unser Gesicht sehen wollen, brauchen wir einen Spiegel. Im Geist selbst liegt auch ein Spiegel. Es ist die ‚Reine Achtsamkeit‘. Ein Beispiel: Am Morgen nach dem Aufstehen hat der Geist eine bestimmte Tendenz. Es kann sein, dass man noch nicht aufstehen wollte oder eine gewisse Unlust vorherrscht. Eine Übung der Achtsamkeit wäre, kurz innezuhalten und sich klarzuwerden, dass jetzt eine Unlust da ist.

Mit dieser Bewusstheit öffnet sich eine neue Sichtweise. Diese besteht darin, die Tendenz zu erkennen und dadurch die daraus für gewöhnlich folgende Reaktion zu stoppen. Die Unlust wird als solche gesehen, aber man hält kurz inne, statt sich einfach wieder ins Bett zu legen oder das Radio aufzudrehen, um sich von der Unlust abzulenken. Oft fängt man aus lauter schlechter Laune auch einen Streit mit dem Partner an. Und so geht es den ganzen Tag weiter. Das heißt: Unser Geist bestimmt selbstständig unser Denken, Fühlen, Reden und Handeln. Nur die Achtsamkeit als ein besonderes geistiges Phänomen kann uns aus dieser Unfreiheit herausführen.

Was die Sache noch komplexer macht, ist die Tatsache, dass die meisten geistigen Tendenzen im Verborgenen arbeiten und erst auf einen bestimmten Knopfdruck hervorkommen. Thich Nhat Hanh nennt diese Ebenen das Speicherbewusstsein. Für die Arbeit mit diesem Geist empfiehlt der Buddha nun, nichts Weiteres zu tun, als zu ‚wissen‘, dass eine Geistesverfassung da ist – oder eben nicht da ist. Die Lösung liegt im Erkennen.

Zunächst wird man auf der persönlichen Ebene bemerken, dass bestimmte Geisteszustände nicht heilsam sind, und man wird ihren geheimen Botschaften nicht folgen. Oder man wird solche sehen, die heilsam sind und glücklich machen, und sich bemühen, diese nicht wieder zu verlieren. Dann kann sich eine weitere Sichtweise öffnen, nämlich die Ebene des Unpersönlichen. Hinter allen geistigen Phänomenen ist kein dauerhaftes oder festes Ich zu finden. Es sind Bewegungen, Reaktionen oder Muster, aber es gibt niemanden, der das Ganze lenkt. Wir lernen, uns aus der Identifizierung zu lösen. Hinter der einfachen Formulierung des Buddha, zu ‚wissen‘, welche Geisteszustände da oder nicht da sind, leuchtet die Einsicht in das sogenannte Nicht-Selbst auf.

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Dann gibt es noch einen Aspekt der Übung. Wir merken, dass es uns trotz Achtsamkeit nicht gelingt, unseren Geist zu beherrschen. Je nach Wetterlage erscheint er mal so, dann wieder anders. Wir können das nicht einfach abstellen, die Gedanken loswerden und Ruhe da oben schaffen. Wir können es nur beobachten – und die Reaktionen darauf vermeiden.

Welche Geisteszustände werden in Buddhas Rede genannt? Die ersten drei sind in der Lehre Buddhas bekannt als die drei Wurzeln allen Übels, nämlich Gier, Hass und Verblendung. Sie sind die Quelle aller Schwierigkeiten und allen Leidens. Die darauffolgenden fünf sind in ihrer positiven Form hohe Stadien der spirituellen Entwicklung. Im Grunde betrifft das auch schon die ersten beiden, denn ein Geist ohne Gier und Hass entspricht schon einem erwachten Geist. Welche fünf werden hier genannt? Da gibt es einen ‚gesammelten‘ und als Gegenteil einen ‚zerstreuten‘ Geist, dann einen, der ist ‚hochstrebend oder niedrig gesinnt‘, weiter einen ‚übertreffbaren oder unübertreffbaren‘ Geist, einen ‚konzentrierten oder unkonzentrierten‘ Geist. Schließlich steht am Ende der ‚befreite oder nicht befreite‘ Geist.

Diese positiven Begriffe beschreiben verschiedene Arten eines gesammelten, klaren, gelassenen, unerschütterlichen und beruhigten Geistes. Es sind eindeutig Stufen der tiefen Versenkung, aber auch wunderbare Geistesverfassungen mitten in den Herausforderungen des Alltags. Wichtig beim Vorgang des ‚Wissens‘ ist zu sehen, welcher Geist da ist und welcher nicht, um die positiven einzuladen.

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Wie lässt sich das üben? Indem man sich der Aufgabe hingibt, über den eigenen Geist zu reflektieren, ihn vorurteilsfrei anzusehen, um festzustellen, ob bereits ein Fortschritt erzielt ist oder woran man noch zu arbeiten hat. Es empfiehlt sich, zu Beginn einer stillen Meditation die Frage nach dem eigenen geistigen Zustand zu stellen oder am Ende zu prüfen, in welcher Verfassung man aufsteht. Man sieht, was man noch nicht entwickelt hat, und weiß daher, was zu tun ist. So gibt man sich selbst eine Richtung. Wer seinen Geist kennt, braucht eigentlich keine Meditationslehrer mehr.

In der Meditation ist es gut, sich auf seine Ziele zu besinnen und sich dabei die Frage zu stellen, ob der Geist auf das Höchste ausgerichtet ist.

Auf diesem einfachen Weg des ‚Wissens‘ kann nach und nach die eigene Geistesverfassung selbst gelenkt, gestaltet und bestimmt werden. Man wird unabhängig von den äußeren Einflüssen und so bringt man den Geist zur Ruhe. Die Stufen der Ruhe und Sammlung, die durch angestrengte Achtsamkeit auf den Atem erreicht werden können, erreichen wir ganz natürlich durch die achtsame Wahrnehmung unseres Geistes.

 

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Illustraion © Francesco Ciccolella

 

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