Achtsamkeit & Meditation

Ich sitze mit Maria in einem kleinen Kaffeehaus bei uns hier am Berg, wir sind die einzigen Gäste im Raum. Endlich haben wir es geschafft, dieses Treffen. Auf Sicherheit vertrauen.

Marias Seele drückt. Freunde sind füreinander da, sagt man. Wir kennen uns schon so viele Jahre, über dreißig. Da kennt man sich in- und auswendig. Da kann man helfen: für den drückenden Schuh der Schuster, für die drückende Seele der Freund. „Ich brauche Sicherheit, sonst lebe ich in einer ständigen Angst“, beginnt Maria zu erzählen. „Was meinst du?“, frage ich. „Na, zum Beispiel in der Beziehung. Ich bin mit ihm nun schon sieben Jahre zusammen. Es passt alles wunderbar. Wir sind sehr glücklich. Und doch habe ich ständig diese Angst, dass etwas passieren könnte, dass er krank wird und stirbt oder dass ich krank werde, dass wir uns trennen, und ich sitze auf der Gasse draußen und habe nichts. Ich bin ja zu ihm gezogen. Ich besaß ja gar nichts vor unserer Beziehung, und jetzt lebe ich bei ihm, mit ihm, und bin auch glücklich, aber was ist, wenn sich etwas ändert?“ „Aber ihr seid doch verheiratet! Wenn ihm wirklich was passieren sollte, bleibst du doch eh in der Wohnung, sitzt nicht auf der Gasse draußen. Du hast ja auch eine Arbeit, mit der du dich selbst erhalten kannst. Du kannst was! Du bist wer! Du brauchst keine Angst zu haben!“, sage ich. 

Alle Gefühle haben einen Sinn. Sie sind dir Wegweiser auf dieser Welt und durch dein Leben.

Gedankenverloren schlürft Maria an ihrem Cappuccino, der Milchschaum klebt an ihrer Oberlippe, ihr Blick geht rechts an mir vorbei ins Leere, unfokussiert, da die Augäpfel in feinen horizontalen Bewegungen hin- und herwandern, ohne ein Ziel zu finden. „Ja, aber wenn er mich verlässt? Was ist, wenn er eines Tages sagt, ich solle gehen? Wo gehe ich dann hin? Zurück zu meiner Mutter? Sicher nicht!“, sagt Maria. „Aber warum soll Johann dich denn verlassen? Er liebt dich abgöttisch! Sieh ihn dir doch an: Jedes zweite, dritte Wort, das er sagt, ist Maria hier und Maria da. Wenn er schon in Gedanken immer bei dir ist, warum sollte er das dann physisch je ändern? Keine Angst, Maria!“, sage ich.

„Ja, aber was ist dann, wenn er krank wird und stirbt? Wo bleibe ich dann? Und selbst wenn ich in der Wohnung bleiben kann, weiß ich nicht, ob ich sie mir dann noch leisten kann! Ich brauche Sicherheit, alles schriftlich. Am liebsten wäre mir, ich hätte alles schwarz auf weiß, um alle Eventualitäten auszuschließen. Um für ALLES, was im Leben passieren kann, schon einen Plan und einen Ersatzplan zu haben! Georg, bin ich verrückt? Ich dreh noch durch ...! So war ich früher doch nicht! Ich konnte in den Tag hinein leben, konnte alles auf mich zukommen lassen. Und jetzt? Sieh mich an!“ Maria sieht mich an. Ich kann nicht anders, als zu lächeln, und entgegne ihr: „Maria, Maria. Das bist du, und du bist so, wie du immer warst! Du weißt es nur nicht mehr, dass du immer einen Plan für dein Leben gesucht hast. Der Unterschied zu früher ist, dass du voller Begeisterung warst und voller Zuversicht, dass du überzeugt warst, die Welt gehöre dir und stehe dir offen. Dir ist das Leben passiert, so wie es uns allen passiert!
Ich erinnere mich, dass ich als Kind, ich war wohl so fünf Jahre alt, immer bei einem Gewitter hinaus in den Garten gegangen bin. Und es konnte mir nicht laut genug donnern und nicht hell genug blitzen. Ich hatte dieses tiefe Vertrauen, dass mir nichts passieren konnte. Oder wenn ich ans Motorradfahren denke. Ich habe zwar kein starkes Motorrad, aber das, was die Maschine hergab, habe ich voll ausgekostet und wenn der Helm nicht Pflicht gewesen wäre, wäre ich sicherlich ohne gefahren. So groß war mein Vertrauen, dass mir nichts passieren konnte. Oder beim Reiten auf unseren Pferden zu Hause. Wir haben uns, jeder auf seinem Pferd, da waren wir zwei oder drei Freunde, nebeneinander auf den Weg hingestellt, ohne Sattel und ohne Zaumzeug, nur den Strick vom Halfter in der einen Hand und die Freiheit in der anderen, und haben dann auf Kommando losgebrüllt, damit die Pferde wie die Pfeile gleichzeitig losschossen. Anhalten ging dann gar nicht mehr. Wenn du anhalten wolltest, bist du vom Pferd gesprungen, am besten so gut wie möglich ins Gras.

SicherheitNicht eine Sekunde haben wir einen Gedanken daran verschwendet, was alles passieren könnte. So ist das, wenn man jung ist. Wir vertrauen auf uns, wir vertrauen auf die Welt, oder nenn es auch: Wir vertrauen auf unseren Schutzengel. Und so warst du auch, was ich von dir weiß, und das ist gut, und auch gut ist, dass nichts passiert ist! Heute hast du Kinder, bist älter geworden. Heute muss dir dein Körper ganz andere Signale schicken, um dich zu beschützen. Vertraue auf dein Gefühl, dass es gut ist und richtig. In der Chinesischen Medizin sagen wir, dass alle Gefühle einen Sinn haben. Sie sind dir Wegweiser auf dieser Welt und durch dein Leben. Sei dankbar für das Gefühl Angst, das dir deine Niere, dein Speicher für die wertvollsten Dinge in deinem Körper, schickt. Angst will dich schützen, und heute hast du einfach viel mehr zu verlieren als noch vor ein paar Jahren. 

Der Moment ist so wertvoll, weil er eben nicht verweilen kann, weil er flüchtig ist.

Du hast ein Nest gebaut für deine Kinder, hast deinen Lebensmenschen gefunden und möchtest die Speicher füllen, falls die Winter der kommenden Lebensjahre hart werden. Diese Speicher verteidigst du für dich, deine Kinder, deinen Mann. Und ich verstehe deinen Wunsch nach Sicherheit. Jetzt, wo alles so wunderbar und perfekt ist, möchtest du schwarz auf weiß, dass es für immer und ewig so bleibt, und egal, was passiert, dass es immer gut sein wird. Wie heißt es so schön in Goethes Faust: „Moment verweile, Du bist so schön!“ Und, kann der Moment verweilen? Du weißt, dass er das nicht kann! Und das macht den Moment so wertvoll, weil er eben nicht verweilen kann, weil er flüchtig ist. Aber nur so können wir ihn als wertvoll erkennen. Was du möchtest, ist eine Versicherung, dass der schöne Moment für immer verweilt! Und du weißt, dass das nicht geht, dass es so etwas nicht gibt! Eine ganze Branche, die Versicherungsbranche, lebt davon, und das nicht schlecht, uns Sicherheit zu garantieren, egal, was im Leben passiert oder passieren kann. Und wirklich, viele Sorgen können uns Versicherungen abnehmen: Die Sorge, dass du dein Auto zu Schrott fährst und du dir kein neues leisten kannst, die Sorge, dass deine Wohnung überflutet wird und du dir nicht leisten kannst, alles neu zu kaufen und alles reparieren zu lassen, die Sorge, wovon du lebst, wenn du krank wirst oder dein Mann, die Sorge, dir keinen Anwalt leisten zu können, wenn dich jemand ungerechterweise verklagt oder beschuldigt und und und.

Aber die großen Sorgen des Lebens, die man sich machen kann, können dir Versicherungen nicht abnehmen: Werden wir immer glücklich sein? Werden wir immer zusammen sein? Egal, was kommt? Der schöne Moment kann nicht verweilen. Aber du solltest immer die Hoffnung und die Zuversicht haben, dass bald der nächste glückliche Moment kommt! Und wenn lange kein glücklicher Moment kommt, dann erinnere dich an die schönen, wunderbaren Momente, die du bereits in deinem Leben gehabt hast, hole gedanklich das ‚Fotoalbum des Glücks‘ hinter dem Kasten deiner Ängste hervor und lass dich anstecken vom Strahlen der Bilder, die du vor deinem geistigen Auge siehst! Dann erkennst du, wie reich du wirklich bist, unabhängig davon, ob du eine Wohnung und ein Auto hast oder nicht!
Wende dich immer dem Positiven zu, nicht den negativen Gefühlen! Die negativen Gefühle wollen dir den Weg weisen zurück zu den positiven! Wenn die Angst kommt, schicke ihr Vertrauen entgegen! Wende dich dem Vertrauen zu, dass du getragen wirst im Leben und dass alles gut ist, dass dein Lebenspfad, so verworren er oft verläuft, einem großen Sinn folgt, den du aber nicht verstehen musst. Vertraue! Nenne es ‚Gott‘, nenne es ‚die Natur aller Dinge‘, nenne es ‚das große Tao‘, ‚das große Eins‘, nenne es ‚das Universum‘ oder wie immer du es benennen willst. ES führt dich, ES hält dich. Du kannst loslassen, kannst dich fallen lassen!
Ich möchte es dir noch ein bisschen ‚handfester‘ mit der Chinesischen Medizin erklären: Bist du eine Eiche oder ein Schilf? Das entscheidest nicht du! Das haben die Gene, dein genetisches Material und damit dein ‚Schöpfer‘ entschieden. Du kommst auf die Welt mit einem Rucksack, und mit diesem Rucksack schreitest du durch das Leben. Im Rucksack haben dir deine Eltern einiges eingepackt, was wir chinesisch JING nennen. Jing – ‚Essenz‘ oder genauer gesagt die ‚vorgeburtliche Essenz – ist die wertvollste der wertvollsten Reserven, auf die du dein Leben lang gut achten sollst, weil sie ja nicht nur für dein Leben, sondern auch für das deiner Kinder reichen soll. Das Jing beinhaltet auch, dass du ein Mensch bist (oder eben eine Eiche oder ein Schilf ...), wie deine Nase gebaut ist, welche Farbe deine Haare und deine Augen haben, wie groß du wirst und bei perfekter Ernährung wie dick oder dünn.
Das alles ist im Rucksack drinnen, aber auch, wie gut du mit Belastungen im Leben zurechtkommst, wie du dich in bestimmten Situationen fühlst, und eben auch, wie sehr du dem Leben vertraust und wie leicht du Angst bekommst. Bist du als Eiche geboren, dann hast du viel Zeit zu wachsen. Und wenn du einmal eine 150 Jahre alte Eiche bist, wird dich das kaum berühren, ob draußen ein starker Sturm tobt oder nicht. Innen, in dir, in deinem Stamm, herrscht absolute Ruhe. Du vertraust auf die dicken Wurzeln, die du hast, die tief in den Boden gehen und dich tief mit der Erde verbinden. Ein bisschen Wind kann da nicht viel verändern. Du vertraust und ruhst! Da gibt es keine Angst!
Vielleicht bist du aber als Schilf geboren. Dann hast du nicht so viel Zeit, um in Ruhe zu wachsen, und spürst vom Anfang deines Lebens an, wie sehr dich der Wind – und schon leichter Sturm – hin- und herwirft. Und sogar an ruhigen Sonnentagen fürchtest du dich schon wieder vor dem Wind, der vielleicht morgen wieder weht! Die Angst ist dein ständiger Begleiter! Deine Wurzeln sind nicht besonders lang und stecken oft in einer schlammigen, weichen, von Wasser umspülten Erde und du kennst das Gefühl einfach nicht, wie es ist, wenn Ruhe in der Wurzel herrscht.
Du hast jetzt mehrere Möglichkeiten: Erstens kannst du dein Leben lang damit hadern, als Schilf geboren zu sein und nicht als Eiche, was dir wahrscheinlich wenige glückliche Momente (eher jene, in denen du vergisst, wer du bist ...) bescheren wird. Zweitens kannst du dafür Sorge tragen, dass dein Körper immer schön grün ist, nicht spröde wird und damit gar nicht brechen kann! So hast du genug damit zu tun, dich gut zu ernähren, dich dafür aber auch gut zu fühlen. Oder drittens kannst du dir sagen: Gott sei Dank bin ich keine Eiche! Die Eiche steht immer nur da, ohne Regung, ohne Emotion, und bekommt überhaupt nichts mit von der Welt, in der sie lebt. Ich bin ein Schilf und bin stolz darauf! Ich stehe mitten im Wind, mitten im Leben und spüre jede kleinste Regung der Welt! Das ist oft sehr anstrengend, vom Wind hin- und hergeweht oder im Winter unter dem Schnee begraben zu werden, aber im Frühjahr stehe ich wieder auf, vertraue auf die Sonne und die Kraft meiner Triebe und recke mich dem Licht entgegen!
Jeden Moment kann ich genießen, WEIL ich weiß, dass er so wertvoll ist, weil er bald wieder vorbei ist. Ich lebe und darf es spüren! Und ich vertraue auf mich, meine Kraft, auf die Welt und auf den Schöpfer, dass er weiß, warum er mich als Schilf in diese Welt geboren hat und nicht als Eiche!“ 

Wende dich immer dem Positiven zu, nicht den negativen Gefühlen!

Maria hat inzwischen den Milchschaum von ihrer Oberlippe gewischt. Ich sehe die weißliche Linie auf ihrem rechten Pulloverärmel. Feucht sind ihre Augen, aber sie strahlen. „Dass du immer die richtigen Worte findest, um mich von meinem Schwachsinn wegzubringen!“, flüstert sie. „Ich kenn’ dich doch, Maria!“, sage ich.
Wir umarmen uns, unbeholfen über die Kaffeetassen hinweg, die auf dem kleinen Tisch in dem kleinen Kaffeehaus stehen, in dem wir noch immer die einzigen Gäste sind, eine Umarmung, von der unsere beiden Partner tief im Herzen wissen, dass sie unsere Freundschaft und Verbundenheit ausdrückt. „Jetzt brauche ich ein Bier!“, schiebe ich sehr chinesisch hervor, bestelle uns zwei Seiterl und genieße nun wieder die kopflose Unbeschwertheit und das viel zu laute, überdrehte Lachen meiner guten alten Freundin Maria!

Liebe Leserin, lieber Leser!
Ich bedanke mich für den Zuspruch und die Aufmerksamkeit, welche meine Kolumne die letzten sieben Jahre von Ihnen erhalten hat! Ich hoffe, ich durfte ein bisschen Ihr Herz berühren, Ihre Seele wärmen und Sie mit guten Ratschlägen aus der Chinesischen Medizin versorgen!
Für mich ist es Zeit, meinen Rucksack zu schnüren und weiterzuziehen, und daher nehme ich mir einmal ein paar Monate Auszeit als Kolumnist der Zeitschrift Ursache\Wirkung.
Mein Schreiben werde ich aber in meinen Büchern fortsetzen und da habe ich große Pläne! Über meine Homepage www. georgweidinger.com können Sie weiterhin verfolgen, was ich so treibe ...
Vertrauen und Glück für Sie!
Ihr Kräuterdoktor Weidinger

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