Achtsamkeit & Meditation

Jack Kornfield machte den Theravada-Buddhismus, den er in Asien kennengelernt hatte, mit unseren Lebenswelten kompatibel.

Wir alle leben nicht in selbst gebauten Hütten, in Höhlen oder Klöstern, wir geben uns nicht von früh bis spät der Meditation sowie spirituellen Praktiken und Riten hin. Gerade, dass wir uns bemühen, solche in unser tägliches Leben einzufügen, und vielleicht gelegentlich an dem einen oder anderen Retreat teilnehmen. Wir wollen zwar auf Tuchfühlung mit unserem Leben und der Wirklichkeit abseits des bloßen Funktionierens bleiben – aber in erster Linie leben wir im Westen mit unseren Familien und Berufen, unserem Umfeld und den zahlreichen Anforderungen, die von allen Seiten an uns zerren und uns über die Jahrzehnte durchaus – den einen mehr, den anderen weniger – aufreiben können. 

Da suchen wir gerne Einsicht und Halt in den Büchern der großen Weisen und lesen ihre Rätselworte aus anderen, legendenhaften Welten. Es waren oft umherziehende Menschen, die ein unbehaustes Leben führten, alles hinter sich ließen, Großes leisteten, sagten, weitergaben. All das ist wunderbar – und hat doch mit unserem eigenen, ganz konkreten Leben meist sehr wenig zu tun.
Umso hilfreicher ist es, Vermittler zu finden, welche die östliche Spiritualität so weitergeben können, dass sie für uns Menschen in den westlichen Gesellschaften nachvollziehbar und in unser Leben integrierbar sind.

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Alltägliches Nirvana
Es gibt solche Menschen. Einer von ihnen ist Jack Kornfield, der jahrelang in buddhistischen Klöstern in Asien lebte und studierte – und auch als Mönch in der Theravada-Tradition ordiniert wurde –, ehe er 1972 in die Vereinigten Staaten zurückging und seither als Meditationslehrer in aller Welt unterwegs ist. Die Mönchsrobe legte er übrigens relativ bald nach seiner Rückkehr ab, nachdem er draufgekommen war, dass das Betteln um Essen mit der Reisschale nicht allzu gut ins Leben seiner Kleinstadt an der Ostküste hineinpasste.
Aber Kornfield war überzeugt, dass nicht nur Mönche irgendwo in Asien erleuchtet sein konnten: „Die gleiche Befreiung können auch wir hier erfahren. Einer meiner Lehrer, Ajahn Buddhadasa, bezeichnete das als ,Everyday Nirvana‘, als alltägliches Nirvana, und eine der schönsten Erfahrungen in meiner mittlerweile jahrzehntelangen Praxis als Meditationslehrer ist, dass ich Generationen von Praktizierenden auf dem Weg in diese Tiefendimensionen ihrer selbst begleiten konnte.“
Man kommt in die Klasse, verstrickt in seine Gedanken und Sorgen. Man setzt sich hin, beginnt mit der Meditation – und nach und nach beginnt die Transformation: Der Gesichtsausdruck entspannt sich, der Körper scheint leichter zu werden, je mehr das Gefühl von Befreiung Platz greift. Das ist kein Mirakel, sondern die Veränderung von Bewusstseinszuständen mithilfe buddhistischer Techniken. Kornfield: „Auf unseren längeren Retreats haben viele Praktizierende diese dunkle und zugleich leuchtende Leere erfahren und erlebt, aus der alles entsteht. Der Punkt, an dem alles wegfällt, dein Identitätsgefühl ins Formlose zurückgeht, um sich in der Tiefe der Meditation neu zu erschaffen.“ Die Erfahrung von Erleuchtung und Satori sei zwar außergewöhnlich, resümiert Kornfield, aber jeder könne sie haben, sofern er oder sie nur gelassen und aufgeschlossen genug sei, die Welt auf radikal neue Weise zuzulassen. Und regelmäßig praktiziert, wäre hinzuzufügen.

Die Weisen sind gar nicht so
Soweit die gute Nachricht. Und die weniger gute – oder auch nur pragmatische? Die Erleuchtung hält nicht an – bei einer spirituellen Praxis, welche ‚Anicca‘, die Impermanenz, zu ihren wesentlichen Prämissen zählt, hätte man sich das eigentlich denken können. Eines von Jack Kornfields bekanntesten Büchern heißt daher auch folgerichtig ‚After the Ecstasy, the Laundry‘. (Der Titel lautet auf Deutsch ironischerweise ‚Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen‘ – man wollte anscheinend Missverständnisse in puncto Ekstase vermeiden.) „Erwachen, grenzenlose Freude und Freiheit, Einheit mit dem Göttlichen, die Bewusstwerdung ewiger Gnade – diese Erfahrungen treten häufiger auf, als man denkt, und sie liegen ganz nah“, sagt Kornfield. „Allerdings halten sie nicht ewig an, und das ist ebenso wahr. Momente der Erkenntnis und Erleuchtung mögen uns die Wirklichkeit der Welt offenbaren und verändern – aber sie vergehen auch wieder.“ Die meisten spirituellen Erfahrungsberichte, stellt Kornfield fest, würden mit der Erleuchtung enden. Aber das könne in die Irre führen – denn wie geht es dann weiter? Tatsächlich sei das Erwachen nämlich niemals vollendet: „Danach kommt das Wäschewaschen, wartet der Haushalt!“ Und unter Umständen auch weniger schöne Dinge.
Jack Kornfield wollte in seinem Buch herausfinden, wie andere mit dem Wechselbad aus Spiritualität und Trivialität umgehen, und befragte dazu eine Reihe von Menschen, die sich bereits jahrzehntelang auf spirituellen Pfaden bewegten, vor allem Meditationsmeister und -lehrer, Äbte und Lamas im Westen. Und da stellte sich heraus, dass ein solcherart orientiertes Leben zwar hilfreich, um nicht zu sagen unerlässlich ist, dass es aber nur bedingt vor den Lebensstürmen schützt. In den Gesprächen wurden schmerzliche Scheidungen, Depressionen und Ängste, Konflikte mit der Familie und mit Mitgliedern der Gemeinschaft angesprochen. Da wurde über Stress, Krankheit und Probleme mit den aufmüpfigen halbwüchsigen Kindern berichtet. Kornfields Fazit: „Auch bei Meistern und Lehrern wechseln Phasen tiefer Einsicht, großen Mitgefühls und erlebter Freiheit sich mit Perioden von Angst und Verwirrung, von Neurosen und Existenzkämpfen ab. Jeder hat seine körperlichen, persönlichen, familiären und sozialen Probleme – das ist einfach menschlich.“ Jedenfalls ist es ein schöner, pragmatischer und auch tröstlicher Ansatz von Kornfield, die Meister wieder als Menschen auf die Beine zu stellen und die allzu entrückte Erleuchtung auf den Boden herunterzuholen. Aber selbst daraus lässt sich, wie er schildert, noch ein Körnchen Weisheit herausschlagen: „Als ich mich einmal bei meinem Abt Ajahn Chah, den Millionen Menschen für einen Heiligen halten, beschwerte, er wirke nicht immer wie ein Erleuchteter, lachte er und antwortete: Das ist gut so, sonst würdest du immer noch meinen, du könntest den Buddha außerhalb von dir finden. Und dort ist er nicht!“

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Komplementäre Disziplinen
Es passt ins Bild des Vermittlers Jack Kornfield, dass er nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten nicht nur Meditation unterrichtete, sondern auch Klinische Psychologie studierte. Für ihn sind das komplementäre Disziplinen. Zur Psychologie – einem ‚westlichen‘ Fach – kam Kornfield aus seiner eigenen Biografie heraus: Er hatte eine schwierige Kindheit und Jugend mit einem zur Gewalt neigenden Vater und nahm sich vor, es in seinem Leben ganz anders zu machen. So wollte er ‚Friedensstifter‘ werden, wusste damals aber noch nicht, in welcher Form. Deshalb ging er im Jahr 1967 mit dem US-Friedenscorps an den Mekong in Thailand und half bei tropenmedizinischen Teams mit. Um mit dem aus seiner Jugend herrührenden Zorn und Kummer zurechtzukommen, schloss er sich dem Theravada-Meister Ajahn Chah an und tauchte in den folgenden Jahren immer mehr in die buddhistische Praxis ein. Doch er musste feststellen, dass diese zwar in vielerlei Hinsicht segensreich ist, aber kein wirksames Instrument sein kann, um mit tiefsitzenden emotionalen Problemen fertigzuwerden, deren Ursachen oft in der Kindheit und in schwierigen familiären Situationen zu suchen sind. Kornfield fiel auf, dass Meditationslehrer in solchen Fällen häufig den Rat gaben, noch intensiver zu praktizieren. Doch es zeigte sich, dass das nicht funktionierte, ganz im Gegenteil: Gerade wenn sich das Geschnatter des eigenen Geists beruhigt, können lange unterdrückte Emotionen desto ungezügelter und destruktiver hervorbrechen. Kornfield: „Die Standard-Erklärung in den meisten buddhistischen Traditionen ist, dass es sich um ,Makyo‘ handle, um Illusionen. Man solle sich das auftauchende Phänomen bewusstmachen, es als Emotion benennen – und loslassen.“ Doch das genüge nicht, meint er, es gelte auch, die individuellen Daseinsfaktoren – Traumata, die persönliche Geschichte – anzusprechen, und das wiederum könne durch psychotherapeutische Methoden gelingen. Diese halfen ihm nicht nur dabei, die eigenen emotionalen Schwierigkeiten zu bewältigen, sondern flossen auch in seine Praxis als Meditationslehrer ein. Tatsächlich sind auch viele der Unterrichtenden am Spirit Rock Center in Kalifornien – das Kornfield mitbegründete – zugleich auch psychotherapeutisch ausgebildet. Nicht nur Empathie, Wissen, Erfahrung und sogar Weisheit hat Jack Kornfield übrigens, sondern auch Humor. Ein schönes und ganz zu seiner Sichtweise passendes Zitat lautet so: „Wenn du bei einer schlimmen Nachricht ruhig sitzen bleibst, einen finanziellen Rückschlag gelassen hinnimmst, wenn du ohne jedes Gefühl von Eifersucht mitansehen kannst, wie deine Nachbarn auf die fantastischsten Orte auf Urlaub fahren, wenn du immer zufrieden bist, wo du gerade stehst – dann bist du vermutlich ein Hund!“

Jack Kornfield:
Der gebürtige Amerikaner Jack Kornfield, Jahrgang 1945, wurde als junger Mann Schüler des Theravada-buddhistischen Meisters Ajahn Chah und zum Mönch in der Theravada-Tradition ordiniert. Nachdem er jahrelang in buddhistischen Klöstern in Asien gelebt und mit Ajahn Chah und Mahasi Sayadaw studiert hatte, kehrte er 1972 in die Vereinigten Staaten zurück, legte seine Mönchsrobe ab und ist seit 1974 als Meditationslehrer tätig. Zusammen mit Joseph Goldstein und Sharon Salzberg war Jack Kornfield einer der Gründer der Insight Meditation Society in Barre, Massachusetts. Ebenso war er Mitbegründer des Spirit Rock Centers in Woodacre, Kalifornien, wo er nach wie vor tätig ist. Jack gilt als einer derjenigen, welche die buddhistische Achtsamkeitspraxis im Westen breitenwirksam gemacht haben. Er hat einen PhD in Klinischer Psychologie, ist in zweiter Ehe mit der Meditationslehrerin Trudy Goodman verheiratet, Vater einer Tochter und Aktivist. Jacks Bücher, darunter ,Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen: Wie spirituelle Erfahrung das Leben verändert‘, ,Das weise Herz – Die universellen Prinzipien buddhistischer Psychologie‘, ,Meditation für Anfänger‘ und das eben erst auf Deutsch erschienene ,Wahre Freiheit: Der buddhistische Weg, in jedem Augenblick glücklich und geborgen zu sein‘, sind in zwanzig Sprachen übersetzt worden und haben sich über eine Million Mal verkauft.
 
Mag. Harald Sager studierte an der Universität Wien, schreibt seit gut zwanzig Jahren vornehmlich im Lifestyle-Bereich. Aktuelle Schwerpunkte sind Reiseberichte für nationale und internationale Blätter sowie Design und spirituelle/yogische Themen.

Photo Header © Spirit Rock Meditation Center
Foto Teaser und Artikel © Deborah Jaffe

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