Achtsamkeit

Der lange Weg zu einer liebevollen und mitfühlenden Geistes haltung kann verschiedene Stationen durchlaufen – doch wer sucht, findet. Wie ich mein Herz öffnen lernte.

Suzuki Roshi soll einst das Geheimnis des Zen in drei Wörtern so beschrieben haben: „Nicht immer so.“ Welch eine wunderbare Zusammenfassung für jahrzehntelange Übung! 25 Jahre praktiziere ich nun schon die Metta-Meditation, eine der ältesten Formen buddhistischer Tradition, die eine liebevolle und mitfühlende Haltung zu allen mitfühlenden Wesen zum Ziel hat. Genau dieses Verhalten ist mir nicht in die Wiege gelegt worden. In meinem bäuerlichen Umfeld war ein verächtliches, abwertendes, ja gewalttätiges Miteinander erschreckend normal. Ich bin so viel Grausamkeit, Neid und Missgunst begegnet, dass Härte gegen mich selbst und andere so sehr zur alltäglichen Übung wurde, dass ich als Heranwachsende nicht mehr weinen konnte. Daher verwundert es mich nicht, dass ich in den frühen Jahren meiner Meditationspraxis keinen Zugang zur Metta-Meditation fand. Ich übte die Atembetrachtung und Achtsamkeitsmeditation Vipassana. Zum Herzen hinzuhören fand ich kitschig. Ritualisierte Worte von meinem Herzen zum Herzen eines anderen hin? Keinerlei Bereitschaft bei mir für diese Form.

Gefangen in meinen eigenen Widerständen sah ich in einigen langen Schweigekursen andere Lehrer und Lehrerinnen intensiv Metta praktizieren. Das machte mich zunehmend neugierig auf diese Praxis, zumal mein Lehrer Jack Kornfield schon bei der Beschreibung dieser Übungspraxis ins Schwärmen geriet. Wie konnte das nur möglich sein? Was erlebten die anderen mit dieser Meditationsform, die ich innerlich so stark ablehnte? Ich erinnere mich, dass die Meditationslehrerin Carol Wilson mir einen entscheidenden Anstoß gab. Ich fragte sie, was jemanden motivieren könnte, MettaMeditation intensiv zu üben. Ihre Antwort: „Metta lehrt uns, die Funktionsweisen des Geistes zu verstehen.“ Das war genau das, was mich am allermeisten interessierte. Ich wollte den menschlichen Geist und seine komplexen Zusammenhänge verstehen. So beschloss ich, mich gegen all meinen Widerstand intensiv der Metta-Praxis zu widmen. Mein erstes einwöchiges Metta-Retreat und die Wochen danach waren für mich so eindrucksvoll, dass sie mir bis heute lebhaft im Gedächtnis geblieben sind.
Ich habe wirklich ziemlich stupide Metta praktiziert, habe von morgens um fünf bis abends 22 Uhr meinen Geist einfach nur getrimmt, die Metta-Sätze gerattert, ohne Gefühl, rein technisch, aber auch ohne Raum für wandernde Gedanken, stets zu meinen Metta-Sätzen zurückkehrend. 

Ich bin so viel Grausamkeit, Neid und Missgunst begegnet.

Dank meiner Vorerfahrungen mit der Vipassana-Meditation war es möglich, so konsequent zu sein, ohne mich zu frustrieren und den Geist zu überanstrengen. Sharon Salzberg unterrichtete dieses Metta-Retreat. Sie versicherte mir, ich solle mir keine Sorgen machen, die Übung würde ganz von selbst wirken. Und tatsächlich: Nach einer Woche war ich wie verwandelt. Ich fühlte mich sicher, geborgen, zuversichtlich, froh – zutiefst getragen. Eine vollkommen andere Begegnung mit der Welt war möglich, weil meine Herztore auf einmal weit offen standen. Plötzlich unterhielt ich mich angeregt mit Menschen, denen ich zuvor eher aus dem Weg gegangen bin, weil sie mir fern und fremd erschienen. Ich erlebte eine wundersame Übereinstimmung mit allen Lebewesen. Nach diesem Retreat war mir klar, dass ich in dieser inneren Verbundenheit leben möchte. Ich hatte eine erste klare Empfindung davon, wohin die Metta-Praxis mich führen könnte.
Wie immer nach einer intensiven Übungszeit verblasste die Wirkung, aber es blieb eine klare Erinnerung an die Offenheit des Herzens, die Empfindung von Nähe, das Unvoreingenommensein. So wurde dieHerz-Meditationspraxis meine primäre Übungsform. Und nicht nur das, ich entschied mich, mein erstes Buch über die Metta-Meditation zu schreiben. Von dem Entschluss bis zur Realisierung dauerte es etwa zehn Jahre. Mir war klar, dass ich zur Vorbereitung des Buches alle vier Geistesqualitäten, die in der Metta-Praxis vereint sind – also Wohlwollen, Mitgefühl, Mitfreude und Gelassenheit – intensiv studieren musste. Deshalb machte ich in den folgenden Jahren jeweils einen zweimonatigen Schweigekurs mit einem dieser Schwerpunkte und ergänzte die langen Schweigekurse alljährlich noch durch weitere Retreats. 

Metta ist frei und kraftvoll zugleich.

Das Leiden, das ich in diesen Jahren durchlebt habe, sprengte alle Dimensionen. Ich musste viele psychische Verknotungen auflösen, bevor sich mein Herz öffnen konnte. Die Metta-Praxis fokussiert am Anfang auf den Kontakt mit den Menschen im eigenen Umfeld. Dadurch werden alle Vorbehalte herausgefiltert, die wir aufgrund unserer eingeübten Ansichten und Einstellungen hegen. Sinn der Übung ist es, in unserer Haltung vollkommen vorbehaltlos zu sein und eine rein wohlwollende Absicht zu entwickeln. Ich erlebte das, womit man NICHT rechnet, wenn man sich auf die Übung vorbehaltloser Liebe einlässt: Meine düstersten Seiten wurden geweckt. Vernichtende Bilder und Erfahrungen stiegen in meinem Geist auf. Manchmal war ich noch Wochen nach den langen Schweigekursen tief erschüttert. Doch so schwer es auch war – ich fand Trost und Erklärungshilfen bei meinem Lehrer. Wenn die Wirkung dieser Retreats verblasste, wurde mir erstaunlich leicht ums Herz. Mein Leben richtete sich neu aus. Ich ging durch einen Transformationsprozess, fühlte mich glücklich und gewann eine Freude am Leben, die ich nie zuvor gekannt hatte. Inzwischen habe ich 26 Jahre Erfahrung mit der Metta-Praxis. Ich sehe die Welt aus dem Herzen heraus. Viele Begegnungen werden zu reinen Herzensangelegenheiten.

Wie ich mein Herz öffnen lernte
So wie die Liebesfähigkeit sich mit dem wachsenden Reifegrad des Menschen verändert und vertieft, so reift auch die Metta-Meditation mit den Übungsjahren. Ich kann rückblickend sagen, dass ich nach zehn Jahren schon ein solides theoretisches Verständnis dieser Meditationsform hatte. Doch im folgenden Jahrzehnt intensiver Lehre und Anwendung hat die Metta-Praxis eine Lebendigkeit und Tiefe gewonnen, die ich nie für möglich gehalten hätte. Ich erlebe diese Entwicklung als zutiefst befriedigend und beglückend. Metta ist in einer Weise frei und kraftvoll zugleich, wie ich mir als Jugendliche die Liebe immer erträumt habe. Nur hätte ich mir niemals vorstellen können, dass sie sich auf diese Weise realisiert, denn dazu gehört eine Dimension an Erfahrung und Einsicht, die mir in jungen Jahren nicht zur Verfügung stand.

Durch die Metta-Meditation habe ich mein Zuhause im Herzraum gefunden. All das, was ich in meinen Liebesbegegnungen gesucht und nur sporadisch in vereinzelten seligen Momenten gefunden habe, steht mir im Kontakt mit dem eigenen Herzen grenzenlos offen. Es ist ein innerer Frieden eingekehrt, nach dem ich mich zeitlebens gesehnt habe. Dafür bin ich unendlich dankbar. Und das bedeutet nicht, dass Schmerz, Zerrissenheit, Verzweiflung, Aufregung, Druck oder Entsetzen – um nur ein paar Beispiele der Palette des menschlichen Leidens zu nennen – nicht mehr zu meinem Erleben gehören. Aber ich werde nicht mehr so tief hineingezogen, dass ich vergesse, wer ich bin und wo ich bin und was meine Aufgabe im Leben ist. Die Meditation hilft mir, zu verstehen, dass zum Menschsein das Fehlerhaftsein gehört. Das Lernen, das Üben hat kein Ende. Mit zunehmendem Alter spüre ich weniger Interesse an Aufregung und Unterhaltung. Eine wohltuende Einfachheit durchwirkt meinen Alltag. Ich stimme voll und ganz Rilke zu, der einst in einem Brief schrieb: „.... ich möchte ein rein geistiges Leben, täglich dasselbe, ohne Zerstreuung, ohne Ansprüche, alle Erwartung nach innen gekehrt auf die Stelle des Herzens, wo die nächste Aufgabe auftreten soll.“ Voller Dankbarkeit nehme ich diese Aufgaben an.

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Kommentare  
# Stefanie 2019-10-30 15:57
Liebe Marie Mannschatz!
Herzlichen Dank für diese sehr persönliche, mutmachende und Vertrauen schenkende Geschichte. Sie hat mich tief berührt.
Stefanie
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