Achtsamkeit

Das Arbeitsleben im 21. Jahrhundert hat sich gewandelt. Menschen wollen sich selbst verwirklichen. Mit Achtsamkeit lässt sich Sinn für sich und die Mitarbeiter finden.

Eine der größten Veränderungen unserer Zeit hat mit der Einstellung zur Arbeit zu tun. Dabei geht es nicht um die Digitalisierung, sondern um den persönlichen Zugang zur Arbeit, der sich in den letzten 30 Jahren radikal verändert hat. Noch im 20. Jahrhundert war Arbeit nichts weiter als ein notwendiger Teil des Lebens. Man arbeitete, um zu überleben, vom Sonntag bis zum Wochenende, vom Wochenende bis zum Urlaub und vom Urlaub bis zur Pension. Erst im Ruhestand würde man dann das Leben genießen. Arbeit musste weder Sinn noch Freude machen, sie musste einfach erledigt werden. Nicht der Mensch mit seinen Wünschen und Bedürfnissen stand im Mittelpunkt dieses Prozesses, sondern alleine das, was er bereit war zu leisten.

Ob wir in dem, was wir tun, einen Sinn sehen oder nicht, die Tage vergehen in jedem Fall.

Auch wenn es manchmal den Anschein hat, ist die Entwicklung zu dem, was wir heute kennen, keineswegs das Ergebnis einer plötzlichen, lauten Revolution. Es ist vielmehr die Folge eines langsamen Prozesses, der unbemerkt von den meisten unaufhaltsam seinen Lauf nahm und sich daranmachte, die einst so friedliche Homogenität der Arbeitswelt radikal zu zerstören. Denn die wirkliche Revolution, die Globalisierung und Digitalisierung mit sich gebracht haben, ist jene, dass heute die arbeitende Bevölkerung gespalten ist. Wer die Chancen der neuen Technologien zu spät erkannt hat oder einfach nicht in der Lage war, diese für sich zu nutzen, geht weiterhin einer Arbeit nach, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ihnen gegenüber steht eine Bewegung, die als ‚digitales Nomadentum‘ bekannt geworden ist. Hier ist die Hauptmotivation nicht mehr das Geldverdienen, sondern vielmehr die Idee, sich selbst und sein Leben zu verwirklichen.
Ein auf den ersten Blick feines Konzept, das erst beim zweiten Hinsehen einen entscheidenden Fehler hat: Es funktioniert nur auf Kosten anderer. Wer seine Leistung zu einem Preis anbieten will, der auch im globalisierten Internet noch konkurrenzfähig ist, dem bleibt nur wenig Geld, um für selbst konsumierte Leistung zu bezahlen. Und so hat der neue Trend zu dem erstaunlichen Phänomen geführt, dass jene, die einer Anstellung den Rücken gekehrt haben, um der vermeintlichen oder tatsächlichen Ausnutzerei zu entkommen, nun selbst zu Ausnutzern geworden sind. Schließlich kann sich dieses Lebensmodell auch für einen Einzelunternehmer nur rechnen, wenn er versucht, seine eigenen Kosten so gering wie möglich zu halten. Nicht zuletzt deshalb weichen jene Menschen, die dieses Arbeitsmodell wählen, meist auf die günstigen Länder Südostasiens aus.
Doch auch jene, die in den alten Strukturen verblieben sind, sind vom Wandel betroffen. Galt früher Arbeit als ein Tauschgeschäft, bei welchem zwei gleichwertige Geschäftspartner Leistung gegen Gegenleistung tauschten, haben sich heute die reichlich irreführenden Begriffe von ‚Arbeitgeber‘ und ‚Arbeitnehmer‘ etabliert. Besonders eigenartig scheint mir daran die Tatsache, dass dadurch derjenige, der die Arbeit eines anderen in Anspruch nimmt, plötzlich in die Sphären eines großzügigen Gönners aufsteigt, der so etwas wie Achtsamkeit alleine durch seine Position gar nicht mehr nötig hat. Nicht mehr muss der technisch ahnungslose Großindustrielle dankbar sein, dass die besten Ingenieure für ihn arbeiten, sondern umgekehrt müssen diese ihm danken, dass er ihnen einen Arbeitsplatz in seinem Unternehmen gewährt.

Es verbirgt sich gerade hinter vermeintlicher Faulheit sehr häufig das Gefühl, dass die eigene Leistung nicht geschätzt wird.


Während nun auf der einen Seite Arbeitsleistungen immer billiger werden, werden sie in anderen Bereichen teurer. Auch wenn das meist weniger mit Gehältern als mit immer höheren Steuern und Abgaben zu tun, macht es am Ende für den Dienstgeber keinen Unterschied: Er muss mehr bezahlen und möchte daher für das investierte Geld auch immer mehr bekommen. Geiz ist schließlich geil. Keinen interessiert dabei, wie ein Mensch, der an seiner Leistungsgrenze angelangt ist, unter unveränderten Voraussetzungen noch mehr leisten können soll. Interessant ist dabei, dass dieses Verhalten all dem zuwiderläuft, was Menschen sonst zu tun pflegen. Ich kenne niemanden, der ein richtig teures Auto ständig am Limit fährt, nur weil es eben viel gekostet hat. Ganz im Gegenteil: Die meisten wären darauf aus, den Motor so weit wie möglich zu schonen, um das teure Stück möglichst lange in Schuss zu halten. Dass selbst der kostenintensivste Angestellte irgendwann genauso wertlos wird wie ein Wagen mit Motorschaden, scheint sich aber noch nicht überall herumgesprochen zu haben.
Dennoch sollte auch jeder, der eine Arbeit verrichtet, ihr schon im eigenen Interesse mit Achtsamkeit begegnen. Schließlich bedeutet unachtsames Arbeiten ja nicht, dass man zu Hause sitzt und nichts tut. Wer nur von Freitag bis Sonntag lebt und dazwischen darauf wartet, dass die Zeit möglichst schnell vergeht, wirft jede Woche vier Tage weg. Dem Leben ist so etwas egal. Ob wir in dem, was wir tun, einen Sinn sehen oder nicht, die Tage vergehen in jedem Fall.
Dabei bedeutet achtsames Arbeiten vorrangig, es sich selbst recht zu machen und das, was zu tun ist, nie als lästige Pflicht, sondern als Privileg zu betrachten. Auch alle, die mit der Arbeit anderer Geld verdienen, tun gut daran, Achtsamkeit zu lernen. Eine gute Führungskraft muss sich vor allem selbst kennen und wissen, was sie dank ihrer Position bei den Mitarbeitern und dadurch auf Dauer im Unternehmen anrichten kann. Es gibt mehr Angestellte, die eine Firma aus Ärger auf den Chef verlassen denn aus Unzufriedenheit mit der Arbeit. Gerade wer in einer starken Position ist, kann wie ein LKW-Fahrer, der beim Abbiegen einen Radfahrer niederfährt, ohne es zu wissen, andere Menschen verletzen.

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Gleichzeitig ist es alleine demütige Achtsamkeit, welche die für das Überleben jedes Betriebes lebenswichtige Wertschätzung ermöglicht. „Mitarbeiter“, so hat mir einmal der Chef eines kleinen Unternehmens gesagt, „sind für mich bezahlte Feinde.“ Wie dumm, habe ich mir damals gedacht, muss dieser arme Mensch eigentlich sein, wenn er seine Feinde auch noch bezahlt? Andererseits: Was soll bei so einer Einstellung jenen Menschen gegenüber, die das Unternehmen bei Kunden und Lieferanten vertreten, auch herauskommen?
Gerade diese Chefs sind es aber umgekehrt oft, die sich über die Faulheit und Streitereien der Angestellten beklagen. Dabei verbirgt sich gerade hinter vermeintlicher Faulheit sehr häufig das Gefühl, dass die eigene Leistung nicht geschätzt wird. Wozu soll man aber etwas tun, wenn es ohnehin keinen Unterschied macht und man statt Lob nur „Das erwarten wir auch von Ihnen!“ zu hören bekommt? Bei häufigen Streitereien sollte sich jede Führungskraft fragen, ob sie wirklich allen Mitarbeitern mit der gleichen Achtsamkeit gegenübertritt oder manchen vielleicht ungewollt bevorzugt. Macht beruht auf Zuwendung und niemals auf Gewalt. Menschen arbeiten nicht auf Dauer gut, weil sie den bösen Chef fürchten, sondern weil sie dem freundlichen gefallen wollen.

Macht beruht auf Zuwendung und niemals auf Gewalt. Menschen arbeiten nicht auf Dauer gut, weil sie den bösen Chef fürchten, sondern weil sie dem freundlichen gefallen wollen.


Eine Einsicht, die auch dabei hilft, Kritik zu üben. Dazu braucht es keine angelernten Techniken. Es reicht, sich klarzumachen, dass es beim Kritisieren nicht darum geht, andere schlechtzumachen, um sich nachher besser zu fühlen. Ziel von Kritik ist schlicht eine Änderung des Verhaltens. Und die lässt sich weder durch Tadel noch durch Androhung von drakonischen Strafen erzielen. Man erreicht sie mit dem Wissen, dass Menschen gefallen wollen, und dem einfachen Satz: „Ich finde gut, was du tust. Noch besser würde es mir allerdings gefallen, könntest du es folgendermaßen tun.“
Wenn du dein Leben lang glücklich sein willst, so sagt man in China, dann liebe deine Arbeit. Wer seinen Beruf zur Berufung macht, bereit ist, den eigenen Wert zu erkennen, und sich die Fähigkeiten und Ressourcen seiner Mitarbeiter nutzbar macht, ist in jedem Fall auf dem besten Weg dorthin.

Bernhard Moestl, geboren 1970, Fotograf, Autor und international gefragter Vortragsredner. Er lebte zwölf Jahre in Asien, unter anderem im Kloster bei den Shaolin-Mönchen. www.moestl.com
 
Tipp zur Vertiefung: Bernhard Moestl, ‚Handeln wie ein Shaolin‘, Knaur Verlag 2017.

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