Achtsamkeit

Die Zubereitung von Essen erfordert von dem, der kocht, ungeteilte Aufmerksamkeit – ein wichtiger Aspekt auf dem Weg zur Erleuchtung. Eine Zen-Köchin gibt Einblick. Die Kunst des Kochens.

Gesunde Ernährung ist eines der großen Trendthemen unserer Zeit. In der westlichen Welt haben wir, im Gegensatz zu großen Teilen auf diesem Planeten, wo Hunger und Mangel herrschen, zudem das Privileg, uns überhaupt gesund und ausreichend ernähren zu können. Es mangelt uns in der Regel an nichts und wir können jegliche Ernährungsweise, die uns angeboten wird, für unseren Körper ausprobieren – sei es nun vegetarisch, vegan, makrobiotisch oder wo auch immer uns der Puls der Zeit gerade hinführen mag. Ich werde oft gefragt, was gesunde und heilsame Ernährung ist. Dann stelle ich zunächst einmal klar, dass ich zwar Köchin und Kochbuchautorin bin, allerdings keine ausgebildete Ernährungswissenschaftlerin. Ich weiß also vermutlich genauso viel über gesunde Lebensmittel wie alle anderen Menschen, die sich dafür interessieren, auch. Ich kenne ein paar Gewürze und Gemüsesorten, deren Inhaltsstoffe sich heilend auf den Körper auswirken, und mein gesunder Menschenverstand rät mir zu ökologisch einwandfreien Produkten. Ich weiß um Massentierhaltung und Monokulturen und versuche, mein Einkaufsverhalten so auszurichten, dass ich anderen Lebewesen so wenig wie möglich schade. Die einzige, aber in meinen Augen äußerst wichtige und im wahrsten Sinne des Wortes auf allen Ebenen nährende und heilsame Zutat, die ich jedem Gericht während des Kochens zusätzlich hinzufüge, ist Achtsamkeit. Achtsamkeit ist mittlerweile ein Thema, das viele Menschen anspricht. Fragt man nach, was genau darunter verstanden wird, bleiben die Antworten meist auf einige wenige Aspekte, die Achtsamkeit auch ausmachen, beschränkt. Dabei ist Achtsamkeit bei weitem nicht einfach nur ein hilfreiches ‚Meditations-Werkzeug‘, um unserem gestressten Geist Ruhe und Entspannung zu schenken, sie ist eine Lebenshaltung, die Klarheit, Weisheit und Mitgefühl schenkt. Auf einen Nenner gebracht: Achtsamkeit sieht die Dinge – Erfahrungen, Gefühle, Gedanken, Empfindungen – in jedem Moment genau so, wie sie wirklich sind, ohne an ihnen anzuhaften oder sie abzulehnen. Achtsamkeit ist dem ‚Objekt‘, das in ihrem Licht betrachtet wird, stets wohlwollend und offenen Herzens zugewandt. 

Die Kunst des Kochens

Meine Liebe zur Achtsamkeitspraxis, vor allem in Bezug auf das Kochen und Essen, trat 2006 in Form eines Kinofilms in mein Leben. ‚How to cook your life‘ von Doris Dörrie beschreibt das Leben und Wirken des amerikanischen Zen-Kochs Edward Espe Brown. Als ich damals im dunklen Kinosaal auf der Leinwand seinen zärtlichen und liebevollen Umgang mit den Lebensmitteln, ja sogar mit seinen Küchengeräten sah, war es um mich geschehen. Es lag ein unaussprechlicher Zauber in jeder seiner Aussagen und jedem seiner Handgriffe, selbst beim Kneten des Brotteiges, der mein Herz tief berührte.
Von diesem Zeitpunkt an änderte ich mein Leben radikal: Ich reiste nach Kalifornien, um in der Küche jenes Zen-Klosters, in dem der Film gedreht wurde, dem Geheimnis dieses Zaubers auf die Spur zu kommen.
In jedem Zen-Kloster weltweit hat der Koch, der dort Tenzo genannt wird, eine sehr wichtige Rolle. Er bereitet das Essen für seine Mitbrüder und -schwestern zu, deren Hauptbestreben das Erlangen von Buddhaschaft – sprich Erleuchtung – ist. Dies trifft natürlich auch auf Klöster und Meditationszentren anderer Traditionen zu, aber im Zen gibt es dazu explizit eine buddhistische Lehrrede aus dem 12. Jahrhundert, an die sich alle Köche halten.
Der Tenzo eines Klosters wird in der Regel nach dem Grad seiner Achtsamkeit in das Amt als Küchenchef berufen, denn – und das ist sogar für uns weltliche Bürger sehr einfach nachzuvollziehen – je reiner und fokussierter der Geist auf ein Tun ausgerichtet, also nicht von unnötigen oder unheilsamen Gedanken und Gefühlen abgelenkt ist, desto weniger ‚persönliche Energien‘ fließen ins Essen. Vereinfacht ausgedrückt heißt das: Je klarer und ausgerichteter der Tenzo während des Zubereitens der Gerichte bei der Sache ist, desto ‚leerer‘ ist er von seinem Ego – und desto nährender und unterstützender für die Meditationspraxis der Gemeinschaft ist später dann auch das Essen, das er serviert.
Im 12. Jahrhundert entstand, wie bereits erwähnt, unter der Federführung des japanischen Tenzo und Zen-Meisters Dogen das sogenannte ‚Küchen-Sutra‘, eine Lehrrede beziehungsweise genaue Richtlinien für das achtsame Arbeiten in der Küche eines Zen-Klosters. Hier ein kleiner Auszug:

1. Der Geist ist dem jeweiligen Tun ohne Ablenkung zugewandt.
2. Alle Mahlzeiten sollen die sogenannten ‚drei Vorzüge‘ in sich vereinen: achtsames Kochen, achtsames Anrichten und der ausgewogene Wohlgeschmack jedes einzelnen Gerichts.
3. Alle Lebensmittel, aber auch alle Küchengeräte sind so zu behandeln, ‚als würde man das eigene Augenlicht hüten‘.
4. Die Mahlzeiten sollen stets eines Buddha würdig sein, deswegen werden alle Lebensmittel, egal, ob roh oder gekocht, gleichbehandelt – liebevoll, sorgfältig und achtsam.
5. Die Gesinnung des Tenzo ist darauf ausgerichtet, die Lehren des Buddha weiterzutragen. Mit jedem Gericht, das gekocht wird, wird zu Ehren des Buddha ein Tempel errichtet, in den Mitgefühl, Weisheit, Gelassenheit und liebevolle Güte Einzug halten können. Diese vier Grundpfeiler der buddhistischen Lehre bilden die Basis eines jeden Gerichts.

Achtsamkeit, wo auch immer wir sie praktizieren, wirkt wie ein Frischmacher auf Körper, Herz und Geist. Je öfter wir den Geist – nicht nur in der Küche und beim Essen – darin trainieren, fokussiert und mit mitfühlender Klarheit die Dinge im ‚Hier und Jetzt‘ zu betrachten, desto offener wird das Herz. Im Garten der Seele beginnen die ‚Früchte‘ wie von selbst zu wachsen und zu gedeihen. Welche Früchte das sind? Das können Dankbarkeit, Großzügigkeit, Zufriedenheit, Liebe oder Freude sein. Aber auch das innere Gefühl des Genährtseins oder das Gefühl, seinen Körper zu kennen und daraus weise Entscheidungen zum eigenen Wohl treffen zu können, können das Ergebnis sein. In der Folge kann daraus auch Heilung entstehen.

Susanne Seethaler, geboren 1969, ist Autorin und Zen-Köchin. Sie gibt Workshops und Seminare zum Thema ‚Achtsam kochen‘ und assistierte dem bekannten Zen-Koch Edward Espe Brown bei seinen Seminaren in Europa. www.susanneseethaler.de

 

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Kommentare  
# Hannah Herbert 2019-05-14 09:37
Kochen führt mich immer zu mehr Achtsamkeit.
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