Achtsamkeit

Im Tantra wird Sex als sakraler Akt gesehen. Was macht die körperliche Vereinigung zur spirituellen Erfahrung? Im Sex die Buddha-Natur finden.

Obwohl das Wort ‚Tantra‘ in der Boulevardpresse als ‚Sex mit Räucherstäbchen‘ verspottet wird, geistert es heute mehr denn je auch durch seriöse Medien. Was bedeutet es eigentlich? Das Wort kommt aus dem Sanskrit. Im mittelalterlichen Indien waren damit philosophisch-religiöse Texte gemeint, die ‚Tantras‘. Die Anhänger der darin beschriebenen Weltdeutungen und spirituellen Praktiken wurden ‚Tantrikas‘ genannt. Was das Wort genau bedeutet, da sind sich die Gelehrten nicht einig. Viele favorisieren eine Übersetzung ins Deutsche als ‚Gewebe‘ oder ‚Zusammenhang‘. Auf Englisch würde man vielleicht ‚connection‘ sagen. Mit dem Wort ‚Tantra‘ sollte Folgendes ausgedrückt werden: Alles hängt mit allem zusammen, das Universum ist ein Gewebe.

Tabubrecher Tantra
Wer Lust hat, in die Texte des alten indischen Tantra hineinzuschauen, den wird das Gros der damaligen Praktiken vermutlich magisch-schamanisch anmuten. Sie wurzeln im vedischen Hinduismus, auch wenn sie diesen in vielem überschreiten. Im ‚linkshändigen‘ Tantra ‚Vamachara‘ ging es für die Schüler um eine Weitung des Bewusstseins und geistige Befreiung durch Überschreitung von Tabus. Berühmt wurden für diese Tabubrecher die fünf ‚M‘: madya – Wein, māṃsa – Fleisch, matsya – Fisch, mudrā – geröstetes Getreide und Maithuna – sexuelle Vereinigung. All das war für einen normalen Hindu damals ein Tabubruch, zumindest im Sinne der spirituellen Praxis, denn irgendwie werden sie sich schon fortgepflanzt haben; und warum geröstetes Getreide tabu war, ist mir nicht bekannt. Neben dem linkshändigen Weg gab es auch den rechtshändigen, der sich um Konformität mit der Gesellschaft bemühte. Ab dem 7./8. Jahrhundert gab es im Himalaya auch eine buddhistische Variante: den Vajrayana, dem heute der gesamte tibetische Buddhismus angehört und der – so wie der hinduistische – ebenfalls Tantrayana genannt wird – der tantrische Weg. Der Dalai Lama kann somit auch als Tantriker bezeichnet werden; sicherlich ist er der berühmteste unter den heute lebenden Tantrikern.

Osho und das Neo
­Tantra In der heutigen deutschen Alltagssprache werden die tibetischen Mönche und Nonnen jedoch eher nicht als Tantriker bezeichnet. Vielmehr sind damit Menschen gemeint, die sich als Schüler auf einem spirituellen Weg verstehen, in dem die Entwicklung der Sexualität – und damit verbunden natürlich auch die Liebesfähigkeit – eine besondere Rolle einnehmen. Ein Großteil dieser Tantriker bezieht sich auf klassische indische Wurzeln, aber nicht alle. Für viele der modernen Tantriker im Westen ist der indische Mystiker und ‚Crazy Wisdom Master‘ Osho, der von 1931 bis 1990 lebte, eine wichtige Quelle. Er bezog sich auf eine Vielzahl mystischer Traditionen, war im Westen aber zunächst vor allem als ‚Sex-Guru‘ bekannt. Die viel proklamierte sexuelle Befreiung im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts war vor allem eine Befreiung in der Darstellung von Sexualität und wurde schnell kommerzialisiert. Die seelische Befreiung lässt nach wie vor auf sich warten. Dass Sex heute hierzulande einigermaßen tabufrei zur Schau gestellt werden darf, ist ja noch keine wirkliche Befreiung dieser starken, für uns so wichtigen Energie, und auch auf einen weisen Umgang damit trifft man nur selten. Den heutigen Tantrikern im Westen, manchmal ‚Neo-Tantriker‘ genannt, erscheint die Befreiung der Sexualität und der Aufstieg der Kundalini – der psychophysischen Energie, die gemäß der indischen Tradition als zusammengerollte Schlange am unteren Ende der Wirbelsäule visualisiert wird – jedenfalls als eine lohnende therapeutische und spirituelle Aufgabe. 

Der Körper ist der Tempel
Der Kern von Oshos Tantra-Ansatz ist der natürliche Bezug zum Körper. Osho verstand den Körper als Tempel, als Altar und als Heiligtum. In der Ehrung des Körpers sah er etwas Göttliches. Die Verehrung der Frau für Männer – und umgekehrt die Verehrung der Männer für Frauen – führt dazu, dass die sexuelle Begegnung zu einem sakralen Akt wird. In diesem Sinne könnte man Tantra als ‚sakrale Sexualität‘ bezeichnen, als Verständnis der Sexualität und der Liebe als etwas Heiliges. Liebe muss sich nicht körperlich als Sex ausdrücken, aber sie sollte in einem positiven Bezug zur Sexualität stehen. Der körperliche Ausdruck von Liebe im Sex kann grob und primitiv sein, aber auch hochspirituell und verfeinert. Sex zu praktizieren ist für Tantriker kein Zeichen für einen primitiven Stand der persönlichen Entwicklung – so wie in der indischen Mainstream-Spiritualität, in der Enthaltsamkeit als höchstes Gut bewertet wird. Für Tantriker kann die sexuelle Vereinigung auch als etwas Göttliches, Mystisches praktiziert, als eine ‚heilige Hochzeit‘ verstanden werden.

Mahamudra
Wer Tantra praktizieren will, sollte sich bewusst sein, dass er damit eine ‚große Lehre‘ aufgreift, ein Mahamudra, wie der buddhistische Tantriker Tilopa sie nannte. Eine große (maha) Geste (mudra) oder große Lehre, die im Gegensatz zu den kleinen Lehren – dazu zählte er die Religionen – alle Grenzen überschreitet und wirklich in die Befreiung – Moksha, Nirvana – führt. Religionen, die als ‚kleine‘, die Konventionen beachtende, ‚rechtshändige‘ Lehren auftreten, müssen deshalb nicht abgelehnt werden, aber sie sind eben etwas anderes als die ‚großen Lehren‘, wie Tantra eine ist. Wer auf seinem spirituellen Weg die Transzendenz von allem Begrenzten, Kleinlichen sucht, ist hier richtig. Das heißt nicht, dass Ethik einem Tantriker egal ist, sondern dass dieser Weg non-dual ist und letztlich über den Gegensatz von Gut und Böse hinausführt.

Viele Menschen lieben können
Die Fähigkeit, mehr als einen Menschen lieben zu können, wird in der tantrischen Lebensphilosophie bejaht. In der konventionellen Wahrnehmung führt das zu dem Klischee, dass Tantriker promisk seien und zudem sexbesessen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass auch der Dalai Lama ein Tantriker ist. Eine weitere übliche Unterstellung ist, dass Tantriker polyamor leben würden, also mit mehreren Menschen gleichzeitig in einer Beziehung sind oder das zumindest sein wollen. Dies wird meist als ‚nicht bindungswillig‘ oder sogar ‚nicht bindungsfähig‘ verstanden. Darauf kann man einwenden, dass Mutter Teresa gewiss polyamor lebte: Sie liebte so viele! Allerdings war ihre Liebe gemäß der abendländischen Aufteilung der Liebe in eros, caritas und agape eher karitativ als erotisch, während die Liebe der Polyamoren den Eros mit umfasst. Viele lieben zu können – es muss ja nicht gleich Sex sein – ist eine Eigenschaft, die allen Menschen eigen ist. Sex ist jedoch eine starke Antriebskraft für die meisten Menschen. Diese Antriebskraft positiv aufzunehmen, sie nicht zu verdrängen, sondern im Kern gutzuheißen ist ein Kennzeichen des alten indischen Tantra ebenso wie des modernen Neo-Tantra.

Achtsamkeit
Wie bei allen buddhistischen Praktiken steht auch im Tantra die Achtsamkeit, ‚sati‘, im Mittelpunkt. Ohne Achtsamkeit kann der Umgang mit Sex und auch der mit Bindung und Freiheit missbräuchlich sein. Mit Achtsamkeit und von Liebe geleitet ist auch die Überschreitung der Grenzen gesellschaftlicher Konventionen ‚ohne Sünde‘ oder – ‚indisch‘ gesprochen – ‚nicht karmisch nachteilig‘. Tantrischen Sex verbinden viele mit ausgeklügelten Ritualen. Gut inszeniert und ausgeführt können sie dem Ziel dienen, dabei das Heilige zu erfahren. Tantrischer Sex ist jedoch nicht eine besondere Form von Sex, sondern achtsamer, liebevoller und verehrender Sex. Dieser sieht im Gegenüber das Göttliche – Shiva im Mann, Shaki in der Frau und in beiden die Buddha-Natur. Ebenso ist eine tantrische Lebensweise natürlich, unkompliziert, liebevoll und empathisch; man kann ja nicht für immer beim Tabubruch stehen bleiben.

‚Make love, not war‘
1967 entstand in der Hippie- und Anti-Vietnam-Bewegung der Slogan ‚Make love, not war‘. Auch dieser kann im weiteren Sinn als tantrisch oder neo-tantrisch bezeichnet werden: Wer sexuell erfüllt ist, wird weniger geneigt sein, zu kämpfen und in einem Krieg zu sterben, als sexuell unterdrückte Charaktere mit ihren wilden Projektionen innerer Dämonen auf äußere Feinde.

Die Zukunft des Tantra
Spirituelle Moden kommen und gehen, Tantra bleibt. Die Resonanz nimmt sogar noch zu, auch wegen der beliebten ‚Tantra-Massagen‘, die doch nur einen winzigen Ausschnitt aus der umfassenden Tantra-Erfahrung ausmachen. Auch Yoga kam aus dem Osten und wird bleiben, es ist Teil unserer westlichen Körperkultur geworden. Tantra wird es ähnlich ergehen. Osho hat prophezeit, dass Tantra ‚die Religion der Zukunft‘ werde. Tantra ist zwar eher eine Lebensphilosophie und spirituelle Praxis als eine Religion, aber auch Propheten können sich irren. Doch als non-duale, den Körper ehrende und ebenso diesseitige wie jenseitige holistische Philosophie punktet Tantra in vielerlei Hinsicht. Vielleicht gerade jetzt, in der von so vielen Ängsten bestimmten postfaktischen Ära, in der mehr Menschen denn je bereit sind, das Bisherige zu verabschieden.

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Kommentare  
# Dai Jaku Shin 2019-03-05 15:24
"Im Sex die Buddha-Natur finden." Was ein Unsinn.
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# Frank C. Hofmann 2019-03-05 15:24
Leider muss ich sagen, solche schlecht recherchierten und oberflächlichen Artikel sind der Grund, weshalb so viele Leute vom buddhistischen Tantra so falsche Vorstellungen haben. Dazu noch die Vermischung von Fachtermini und mit hinduistischen Praktiken oder Esoterik. Bitte informiert euch vorher bei qualifizierten Lehrern, worum es wirklich dabei geht.
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# Uschi Billmeier 2019-03-05 15:25
und wieder ein artikel auf belltristik niveau. der autor spricht von allenfalls von "neotantra" das tantra auf erotische rituale verkürzt.
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# Elisen Spies 2019-03-05 15:25
Wie finde ich Sex, um die Buddha Natur zu finden?
Ehrlich gesagt, da höre ich Buddha schon schimpfen:
" Du findest niemanden für Sex, um Deine Buddha-Natur zu entwickeln.
Dann bist Du noch kein Buddha".
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