Achtsamkeit

Mounira Latrache, Yoga-Lehrerin und YouTube-Sprecherin, über Selbstfindung in einem Weltkonzern und den Umgang mit Stress.

Sie sind ‚Search Inside Yourself Teacher‘ bei Google. Was ist darunter zu verstehen?

Das ‚Search Inside Yourself‘-Programm ist ein zweieinhalbtägiger Kurs für Google-Mitarbeiter, bei dem wir nach innen gehen. Emotionale Intelligenz ist im Business genauso wichtig wie der IQ und kann durch Achtsamkeit gestärkt werden. Im Kurs sprechen wir zunächst über den aktuellen Stand der Wissenschaft und zeigen, wie verschiedene Bereiche im Gehirn, vor allem jene, die für die Entscheidungsfindung und die Emotionen zuständig sind, mit dem rationalen Verstand interagieren. Darüber hinaus stellen wir eine Fülle von Methoden aus dem Achtsamkeitstraining vor. Der Kurs ist sehr praxisorientiert. Wir beginnen mit Selbstwahrnehmungsübungen, die Grundlage für emotionale Intelligenz sind, und zeigen in einem nächsten Schritt, wie wir durch Selbstmanagement aus dem Autopiloten hinauskommen, das heißt, aktiv entscheiden lernen. Weiters üben wir die ‚Just Like Me‘-Meditation, die das Gemeinsame in den Menschen betont, sowie die Mitgefühls- und die Liebende-Güte-Meditation. Danach gehen wir auf achtsames Kommunizieren und Zuhören ein, führen verschiedene Partnerübungen aus und lehren mitfühlendes Führen. Nach zwei Tagen hat man einen guten Einblick in verschiedene Achtsamkeitsübungen. Am dritten Tag wird ein halber Tag lang nur geübt, davon zwei Stunden in Stille. Das ‚Search Inside Yourself‘-Programm ist mittlerweile eine eigene NGO, die auch extern Kurse anbietet. Ich als ‚Search Inside Yourself‘-Trainerin habe ein einjähriges Ausbildungsprogramm durchlaufen. Voraussetzung dafür ist eine langjährige eigene Praxis. Hauptberuflich leite ich den ‚YouTube Space‘ in Berlin. Ich unterrichte Yoga bei Google und widme 20 Prozent meiner Arbeitszeit den Themen Achtsamkeit und Bewusstwerdung.

Welche Rolle spielt ein achtsamer Unternehmensalltag bei Google?

Es ist sehr wichtig, dass die Mitarbeiter ausgeglichen sind. Dafür gibt es unterschiedlichste Angebote, sei es Sport, Achtsamkeitstraining oder Schlafoptimierungskurse. Ziel ist es, glückliche Mitarbeiter zu schaffen. Man kann Achtsamkeit niemandem aufzwingen. Die Angebote werden auf freiwilliger Basis besucht. Die meisten Leute erfahren von anderen Kollegen über den ‚Search Inside Yourself‘-Kurs, der in der Regel ausgebucht ist. Die Lehrer sind selbst alle Googler, die Meditation oder Achtsamkeitstechniken für sich entdeckt haben. Bei unserer Online-Community tauschen sich mittlerweile mehrere Tausend Leute über ihre Erfahrungen mit dem Programm aus.

Werden die buddhistischen Wurzeln des Achtsamkeitskonzepts thematisiert? 

Wir sagen natürlich dazu, dass die Grundprinzipien aus der buddhistischen Lehre kommen, gestalten es aber sehr offen, damit Leute unabhängig von Religion kommen können. In den Meditationen werden keine buddhistischen Formulierungen verwendet. Das heißt aber nicht, dass wir was dagegen haben. Der Kursentwickler Chade-Meng Tan hat einen buddhistischen Hintergrund und auch in der Führungsriege von ‚Search Inside Yourself‘ sind langjährige Zen-Buddhisten vertreten. 

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Wird Achtsamkeit bloß zur Effizienzsteigerung der Mitarbeiter eingesetzt?

Ich kann diesen Vorwurf überhaupt nicht verstehen. Jeder, der selber meditiert, weiß, dass es zwar ein positiver Effekt ist, klarer und fokussierter zu werden, das Angebot nur auf Effizienzsteigerung zu reduzieren, würde dem ganzen Thema aber nicht gerecht werden. Wir trainieren nicht bloß Achtsamkeit, sondern kombinieren sie mit Mitgefühl und liebender Güte und betonen die Stärkung der emotionalen Intelligenz. Für uns geht es darum, bewusster Entscheidungen treffen zu können – zum Beispiel, wie man mit seiner Zeit umgeht oder ein Gespräch führt. Diese Qualität ist nicht nur für die Arbeit relevant, sondern auch ein Lebensthema.

Was sagen Sie zu bewusstseinsfördernden Apps wie Yoga- oder Meditations-Apps?

Finde ich super. Wir haben seit vielen Jahren eine Partnerschaft mit Headspace, einer Meditations-App. Sie wird von vielen Leuten in Unternehmen genutzt, da sie sehr flexibel ist – im Gegensatz zu Gruppenmeditationen, für die man zu bestimmten Zeiten an einem bestimmten Ort sein muss. Außerdem geben immer mehr Apps viele hilfreiche Erklärungen mit.

Auf YouTube findet man zahlreiche Anleitungen für Yoga-Übende. Macht das Sinn? 

Ich verwende gerne Video-Yoga-Stunden. Sie sind eine gute Ergänzung. Ich würde aber raten, sich auch mit einem Lehrer auseinanderzusetzen, vor allem, um besser zu verstehen, was man auf der Matte macht, um tiefer zu gehen, oder auch bei Schmerzen.

Unterrichten Sie Yoga über Online-Kurse oder face to face?

Im Moment face to face, aber ich schließe nicht aus, irgendwann auch einen Online-Kurs anzubieten.

Was bedeutet Yoga für Sie persönlich? 

Es ist eine großartige Praxis, um Selbstbeobachtung zu üben und seinen Körper kennen und wahrnehmen zu lernen. Gleichzeitig glaube ich, dass es ein Weg zur Selbstverwirklichung ist. Außerdem werden im Körper Erfahrungen und Traumata gespeichert. Zu lernen, diese wieder freizusetzen, bringt unser Bewusstsein auf eine viel höhere Ebene. Eine körperliche Betätigung greift noch einmal einen ganz anderen Aspekt von Achtsamkeit auf. Ich empfinde vor allem die Kombination aus Yoga und Meditation als sehr wirkungsvoll.

Wie zentral ist Achtsamkeit in Ihrem Privatleben?

Es ist nicht mehr wegzudenken. Jeder weiß das – meine Familie und meine Freunde. Manche finden toll, was ich mache, und kommen in meine Klassen, andere können weniger damit anfangen. Ich versuche aber, wie auch im Unternehmen, es niemandem aufzuzwingen.

Ihr Terminkalender ist voll und eine stressige Woche steht bevor. Was tun Sie?

Ganz oft, wenn man Stress hat, ist die Praxis das Erste, was man weglässt. Ich übe jedoch weiterhin. Bevor ich morgens ins Büro gehe oder meinen Laptop öffne, praktiziere ich als Erstes. Ich nehme mir viel Zeit dafür. Selbst wenn ich auf Reisen bin, habe ich meine Yoga-Matte dabei. Stress an sich ist ja nicht, was einen tatsächlich belastet, sondern der Gedanke daran. Manchmal habe ich mehr zu tun, dann versuche ich auch, achtsam mit dem Thema ‚Stress‘ umzugehen und zu schauen, was ich brauche, und mich bewusst wieder herauszunehmen, also gar nicht erst in den Autopiloten zu kommen. Das ist natürlich eine lebenslange Aufgabe. Yoga ist da sehr spannend, weil ich durch Körperbewusstsein Stress noch viel schneller spüre und sehe, wenn ich eine Pause brauche. Die nehme ich mir jetzt auch viel aktiver, denn für mich sind Selbstliebe und Selbstmitgefühl wichtige Aspekte, die mit Achtsamkeit einhergehen. Wenn ich achtsam und mitfühlend mit mir selbst umgehe und Stress spüre, gehe ich eben eine Stunde früher nach Hause. Ich arbeite heute viel weniger, aber viel effektiver.

 
Mounira Latrache ist ‚Search Inside Yourself‘-Lehrerin bei Google, leitet den YouTube-Space in Berlin, ist Business Coach, Achtsamkeitsmeditationslehrerin und Ashtanga-Vinyasa-Flow-Yoga-Lehrerin.
 

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Kommentare  
# Christina Walter 2018-10-31 12:05
Achtsamkeit und Google... passt irgendwie nicht zusammen
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