Achtsamkeit

Stress erzeugen wir selber. Anselm Eder zeigt uns, wie wir mit Stress umgehen könnten, um vielleicht keinen mehr zu haben.

Wenn wir Wittgenstein folgen wollen und die Bedeutung eines Wortes an dessen alltäglichem Gebrauch ergründen, dann ist Stress eine Art Sammelbegriff für alles, was belastend und somit unerwünscht ist. In diesem Fall haben wir allerdings ein Problem: Noch nie hat die Menschheit – zumindest in abendländischen, industrialisierten Gesellschaften – so viele Möglichkeiten gehabt, sich unerwünschte Belastungen vom Leib zu halten. Und in diesen selben fortgeschrittenen abendländischen, industrialisierten Gesellschaften gehen nach medizinischen Ergebnissen ein Drittel bis die Hälfte aller Todesfälle auf Erkrankungen zurück, die unmittelbar oder mittelbar mit Stress zu tun haben, allen voran Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine höchst paradoxe Angelegenheit. Die Auflösung erfordert – wie das bei Paradoxien oft so ist – eine etwas sorgfältigere Untersuchung, was die Begriffe wirklich bedeuten: also schon wieder Stress.

 

Stress ist eine Art Sammelbegriff für alles, was belastend und somit unerwünscht ist.

 

Zunächst einmal hat schon der Vater des Stressbegriffes, Hans Selye, vor Jahrzehnten die Unterscheidung in ‚Eustress‘ und ‚Disstress‘ eingeführt. Eustress tut gut, Disstress macht krank. Eustress liegt dann vor, wenn Reinhold Messner auf einen mittleren Achttausender steigt, Disstress dann, wenn ich auf den Kahlenberg steige. Es liegt also nicht am Ausmaß der Belastung, sondern daran, wie gut man sie meistert – oder, und das ist ein ganz witziges Ergebnis, zu meistern glaubt, selbst dann, wenn sich dieser Glaube nachträglich als Irrtum herausstellen sollte. Auch das ist in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts recht ausführlich untersucht worden.

Die Paradoxie lautet also nicht: Die fortgeschrittenen Industriegesellschaften bescheren uns immer mehr Belastungen, sondern: Die fortgeschrittenen Industriegesellschaften bescheren uns immer mehr das Gefühl, unsere Belastungen nicht (mehr) meistern zu können. Jetzt sind wir also beim Gefühl angelangt, und jetzt wird’s erst so richtig kompliziert. Der Begriff Stress meint nämlich gar nicht irgendeine bestimmte Belastungssituation – die wird, ein weiterer Anglizismus, ‚strain‘ genannt, sondern Stress meint das, was innen passiert: eine Reaktion des Organismus, durch die er sich auf das vorbereitet, was er im Laufe der Evolution als die wirksamsten Mechanismen kennengelernt hat, um mit Belastungssituationen, mit ‚strain‘ also, umzugehen: Flucht, und wenn die nicht möglich ist, dann Kampf. Im Rahmen dieser temporären Umgestaltungen im Organismus erhöht sich der Blutdruck, die Magen-Darm-Peristaltik stoppt, Blutzucker wird ausgeschüttet und es erfolgt noch eine Menge anderer Reaktionen, die sinnvoll und gesund sind, wenn sie durch erhöhte muskuläre Aktivität abgefangen werden, und die äußerst ungesund sind, wenn man ganz still am Schreibtisch sitzt und sich ungestört fürchtet. Und jetzt sind wir wieder, LeserInnen früherer Beiträge von mir werden es schon vermisst haben, bei der guten alten Urhorde. Denn dort wird als Reaktion auf ‚strain‘ – vielleicht ein angreifender Tiger – sehr schnell Blutzucker abgebaut, weil die Beinmuskulatur den beim Davonlaufen dringend braucht. Wer aber gerade von seinem Vorgesetzten niedergemacht wird, sollte lieber nicht aufspringen und davonlaufen, wenn er seinen Job trotzdem behalten möchte. Kniebeugen wären eine Möglichkeit, aber an denen hindert uns leider unsere gute Erziehung; könnte auch sein, dass der wütende Vorgesetzte das nicht so richtig witzig findet.

Soweit also die Diagnose. Sie lautet, kurz gefasst: Wir haben es geschafft, uns unsere Gesellschaften so zu organisieren, dass sie uns zwar ausreichend mit angsterzeugenden Situationen versorgen, uns aber nicht erlauben, die angestammten Mechanismen des Umganges mit Angst anzuwenden. Kein Wunder also, dass wir krank werden. Aber wie lautet die Therapie?

 

Denn Angst ist durchaus ansteckend.

 

Diese Frage ist eine von denen, auf die man fast zwingend zu hören bekommt: „Der Einzelne kann da sowieso nichts machen. Da muss das System …“ Eine der vielen sich selbst erfüllenden Prophezeiungen. Der Einzelne kann tatsächlich nichts machen, wenn jeder Einzelne davon überzeugt ist, dass der Einzelne nichts machen kann, und deshalb nichts macht. Aber warum kann der Einzelne nichts machen?
Zurück zu unserem obigen Beispiel: der wütende Chef. Würden Sie sich trauen, zu dem wütenden Chef zu sagen: „Sprechen Sie bitte weiter, ich höre Ihnen aufmerksam zu. Lassen Sie sich bitte nicht dadurch aus dem Konzept bringen, dass ich jetzt Kniebeugen mache. Ich muss das tun, um die Stresshormone abzubauen, die durch Ihre Art, mit mir umzugehen, in meinen Blutkreislauf gelangt sind.“ Ähnliches soll schon vorgekommen sein, wenn auch recht selten. Die Vorgehensweise ist zugegebenermaßen nicht ohne Risiko. Deshalb bitte ich Sie auch, mich nicht zu zitieren, falls Sie sich dazu entschließen. Sie könnte allerdings die Situation, Spuren von Humor beim Chef vorausgesetzt, durchaus entschärfen.

Die allgemeine Überlegung hinter diesem Beispiel lautet: Eine ausreichend gute Wahrnehmung der Botschaften des eigenen Körpers, verbunden mit der Bereitschaft, auf diese Botschaften angemessen zu reagieren, wäre eine durchaus brauchbare Maßnahme, mit angsterzeugenden Situationen fertigzuwerden, besser noch: ihnen rechtzeitig zu entkommen. In der schon zitierten Urhorde sind Wachheit und Aufmerksamkeit auf die Signale der Umgebung Voraussetzung fürs Überleben. Nur wer den herannahenden Tiger rechtzeitig wahrnimmt, hat eine Chance zu überleben. In industrialisierten Gesellschaften kommen freilaufende Tiger weniger oft vor. Freilaufende Angst allerdings schon. Jeder kennt die Situation, dass in einer Gruppe, einer Organisation, einem Wartezimmer aus manchmal nicht leicht benennbaren Gründen eine Stimmung entsteht, die zu Schweißausbruch und Fluchtreflexen führt. Nicht zu wissen, woher genau die Stimmung kommt, macht hilflos, und Hilflosigkeit macht krank. Hier ist die Wahrnehmung der Botschaften der Körper anderer gefragt. Denn nur wem ziemlich genau bewusst ist, welches Verhalten anderer bei ihm/ihr Unbehagen erzeugt, und, noch wichtiger, welches Verhalten von ihm/ihr bei anderen Unbehagen erzeugt, hat eine Chance, den Mechanismus der explosiven Verbreitung von Unbehagen zu stoppen. Denn Angst ist durchaus ansteckend. Wenn Sie dafür sorgen, dass die Menschen in Ihrer unmittelbaren Umgebung möglichst frei von Angst sind, dann werden Sie bemerken, dass auch Ihre eigene Gestimmtheit deutlich besser wird. Für diese Wahrnehmungsfähigkeit hat sich in letzter Zeit der Modebegriff ‚Achtsamkeit‘ durchgesetzt.

Nach einer alten rabbinischen Geschichte ist ein Mann gestorben und ans Himmelstor gekommen. Dort wird er gefragt, ob er lieber in den Himmel oder in die Hölle kommen möchte. Sehr verwundert, dass er eine Wahl haben soll, fragt er, ob er nicht vorher mal unverbindlich beides anschauen kann. Dies wird ihm gestattet. Im Himmel sieht er eine Runde Menschen um einen großen Tisch herumsitzen, in der Mitte eine große Schüssel mit süßem Brei, jeder hat einen Löffel, alle sind fröhlich und guter Dinge. In der Hölle sieht er eine Runde Menschen um einen großen Tisch herumsitzen, in der Mitte eine große Schüssel mit süßem Brei, jeder hat einen Löffel, alle sind bleich, abgezehrt und hasserfüllt. Auf seine Frage, wie denn das möglich sei, wird ihm gesagt: „Sie müssen nur genauer hinschauen.“ Also schaut er genauer hin und bemerkt, dass alle den langstieligen Löffel so an den Arm gebunden haben, dass keiner den Ellbogen abbiegen kann. In der Hölle versucht jeder verzweifelt, zu Brei zu kommen, was nicht gelingt. Im Himmel füttert jeder seinen Nachbarn.

Fazit: Sie wollen, dass es Ihnen gut geht? Dann sorgen Sie dafür, dass es den Menschen in Ihrer Umgebung gut geht.

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