Achtsamkeit

Buddhismus und Achtsamkeit – ein neuer Trend in der Geschäftswelt! Doch ab wann wird eine Idee zum Trend und warum sind Meditation und Achtsamkeit bei Managern plötzlich so beliebt?


Ich stoße auf eine Meditationsgruppe deutscher Top-Manager, die regelmäßig in die Abgeschiedenheit jetten und sich zum Sitzen treffen. Firmen schicken ihre Führungskräfte in die Zen Leadership School an den Chiemsee und richten Meditationsräume für die MitarbeiterInnen ein. Wer zu selten dort zu sehen war, den trifft man später vielleicht im Benediktiner-Kloster im süddeutschen Holzkirchen, wo ausgebrannte ManagerInnen sich zum Meditieren zurückziehen. Viel zu lesen gibt es auch über die Ehe der ungewöhnlichen Partner Wirtschaft und Achtsamkeit. Die Buchtitel lauten ‚zen@work’ oder ‚Buddha für Manager’. Der Dalai Lama selbst erklärt in seinem Buch ‚Leader’s Way’, wie Führungskräfte vom Buddhismus profitieren können. Ein anderer Titel bringt das Paradoxon der Paarung auf den Punkt. In ‚Das Zen der ersten Million’ beschreibt ein reicher amerikanischer Broker den Leitfaden zur ersten Million und zu Satori, der Zen-Erleuchtung.
Damit werde der Leser zum ‚Samurai der Finanzwelt’.

Manch zukünftige AnwärterInnen auf die Führungsetagen begegnen schon im Studium dem Buddhismus. Amerikanische Wirtschaftshochschulen integrieren Achtsamkeitspraxis in ihre MBA-Ausbildung. Die Seminare beginnen mit einer Meditation und schulen die angehenden BetriebswirtschaftlerInnen in Achtsamkeit. Die ProfessorInnen wollen ihre StudentInnen auf ein hektisches Berufsumfeld vorbereiten, in dem innere Ruhe und Präsenz erfolgsentscheidend sind. Wer geschult wird, innerlich zu entschleunigen und seine Aufmerksamkeit gezielt zu lenken, ist im Vorteil. Zu diesem Zweck lädt auch die renommierte Harvard Business School ManagerInnen ein, zusammen mit den StudentInnen ‚achtsamen Führungsstil’ von einem tibetischen Meditationsmeister zu lernen.
In den USA interessieren sich mittlerweile immer mehr große Unternehmen für Bewusstheit. Firmen wie Yahoo, Google, Facebook oder AXA bezahlen den Top-Wirtschaftsberater Fred Kofman, der seine Mission als ‚to free with love’ beschreibt. Der ehemalige MIT-Professor hat von Peter Senge und Ken Wilber gelernt. Heute erklärt er Unternehmen rund um die Welt sein Konzept des ‚Conscious Business’. Als Vorreiter eines bewussten Business brauche es Führungskräfte, die mit ihrer Haltung und ihrer Handlung den Boden bereiten. Ihnen empfiehlt Kofman sieben Qualitäten: bewusste Selbstverantwortlichkeit, absolute Integrität, ontologische Bescheidenheit, authentische Kommunikation, konstruktives Verhandeln, tadellose Abstimmung und emotionale Selbstbeherrschung. So komme über Leadership Achtsamkeit in die Organisation.

Achtsame Unternehmen verfolgen sehr aufmerksam ihre inneren Prozesse. Sie korrigieren Fehler, statt diejenigen zu bestrafen, die auf sie aufmerksam machen, und sie reagieren schnell auf Veränderungen und Probleme.



In Deutschland und Österreich wächst inzwischen das ‚Netzwerk Achtsame Wirtschaft’. UnternehmerInnen, FreiberuflerInnen und Angestellte treffen sich zu Meditations-Retreats, um gemeinsam das System zu verändern nach dem Motto ‚Wir sind die Wirtschaft’. Gegründet wurde das Netzwerk von Schülern des Zen-Meisters Thich Nhat Hanh. Seine Methoden der Achtsamkeitsschulung sind die Basis der gemeinsamen Übung.

Auch virtuell plaudern Gruppen über ‚spirituelles Management’ oder ‚Wirtschaft und Achtsamkeit’. Auf der Online-Plattform Xing vernetzen sich Tausende Mitglieder, die Business und Spiritualität verbinden wollen. „Das ist nur eine Randerscheinung!“, sagen mir UnternehmensberaterInnen im deutschsprachigen Raum, die ich nach ihrer Markt-Beobachtung frage. Es sei zwar aktuell Mode, Meditation und Achtsamkeit im Beratungsprozess einzubauen und immer mehr ManagerInnen in Top-Positionen nutzen regelmäßig Meditations-Retreats, um ihren Fokus zu schärfen. Allgemein müsse man als BeraterIn beim Kunden aber vorsichtig sein mit Begriffen wie Spiritualität, Buddhismus und Achtsamkeit. Die meisten Wirtschaftsunternehmen reagierten allergisch auf ‚Esoterisches’. So erzählt mir ein Berater, der große Konzerne in Veränderung begleitet, dass er auch Techniken wie Achtsamkeitsübungen, Aufstellungen und energetische Arbeit anwendet, die er aber bewusst anders nennt, um nicht anzuecken. Begriffe wie ‚Organisationsmodelling’ oder ‚Presencing’sind fürs Business besser verdaulich. 



Die Direktorin eines Medienkonzerns bezeichnet Achtsamkeit als ‚ein Randthema in der deutschen Wirtschaft’. Unter ihren KollegInnen seien zwar einige, die Yoga machen, aber die Mehrheit in den Vorstandsetagen schüttle nach wie vor den Kopf darüber. Allerdings bringe die Burn-out-Diskussion das Thema Achtsamkeit in Unternehmen näher. So müssen sich Personalabteilungen zwangsweise damit beschäftigen, was ihren MitarbeiterInnen aus diesem Zustand hilft und die Gesunden davor schützt. Das Thema ‚Stressmanagement’ macht Achtsamkeit heute in der Wirtschaft gesellschaftsfähig. Auch die PersonalentwicklerInnen sind in den letzten Jahren offener für Randthemen geworden. ‚Mindfull Based Stress Reduction’ heißen solche Programme, die sich Firmen für ihre MitarbeiterInnen leisten.

Fasst man den Begriff ‚Achtsamkeit’ weiter, dann sind nicht nur Menschen dazu fähig. Eine amerikanische Studie hat die Achtsamkeit in Unternehmen untersucht – ein Konzept, das früher schon von dem berühmten amerikanischen Organisationsforscher Karl Weick beschrieben wurde. Achtsame Unternehmen verfolgen sehr aufmerksam ihre inneren Prozesse. Sie korrigieren Fehler, statt diejenigen zu bestrafen, die auf sie aufmerksam machen, und sie reagieren schnell auf Veränderungen und Probleme.
Nur eine Nische in der deutschsprachigen Beratungswelt beschäftigt sich mit diesem Phänomen. Systemische OrganisationsberaterInnen helfen Unternehmen, achtsam zu werden für sich selbst und für ihre Umwelt. Wie ticken wir? Welche Werte und Annahmen prägen unser Handeln? Welche unbewussten Dynamiken laufen in unserer Firma? Die Selbstbeobachtung erweitert den Handlungsspielraum und macht bewusste Veränderung möglich. Der systemische Beratungszweig ist überschaubar, aber – auch hier gibt es Spuren – er wächst. Wirtschaftsunternehmen interessieren sich für organisationale Achtsamkeit.

Torsten Jung ist systemischer Organisationsberater mit besonderem Anliegen. Der geschäftsführende Gesellschafter der Beratergruppe Neuwaldegg hat die Forschungsgruppe SISSY (Spiritualität in sozialen Systemen) gegründet. SISSY befasst sich mit dem Transfer der Achtsamkeitspraxis in den Beratungs- und Führungskontext.
Jung, der international Unternehmen berät, schildert eine Offenheit seiner Kunden für Themen wie Achtsamkeit. Er erzählt vom Führungskräftetraining für einen internationalen Chemie-Konzern, das er gerade gehalten hat – ein wesentlicher Bestandteil war Self-Awareness. „Inhalt waren Achtsamkeits-Übungen wie Body Scan oder Impulsdistanz. Es gab verschiedene Teachings zu den Themen und jeden Morgen eine geführte Meditation in die Stille. Das Wort Meditation wurde dabei bewusst nicht genutzt, sondern ‚getting into the now’ oder ‚sensing’. Diese Begriffe sind aus meiner Erfahrung anschlussfähiger als Spiritualität. Das Erfolgsrezept ist dabei, die Erfahrung in den Vordergrund zu stellen, nicht Begriffe und Konzepte.“ Jung sieht das Thema Achtsamkeit im gesellschaftlichen Diskurs und damit auch in der Geschäftswelt präsent. „Ich erlebe die starke Sehnsucht der Führungskräfte nach Sinn, Orientierung und Entlastung in einer zunehmend volatilen Welt. Intuitiv spüren sie, dass die Achtsamkeit hier etwas für sie bereithält.“

Was finden UnternehmerInnen und ManagerInnen in der Achtsamkeit? Eine Möglichkeit, den Hunger nach Neuem zu stillen, der für ständige Trends sorgt und Achtsamkeit bald wieder durch eine andere Mode ersetzt? Oder sind die Spuren in diesem Artikel der Beginn einer Bewegung, die auf eine globale Veränderung antwortet?
Spannend, wie sich in diesem Fall das Wirtschaftssystem ändern würde, wenn überall Achtsamkeit das Handeln bestimmt und ‚Buddhisness’ gemacht wird.

 

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren