Achtsamkeit

In verschiedenen Ausgaben dieser Zeitschrift habe ich versucht, mehr oder weniger Kluges zum Thema Achtsamkeit zu schreiben; wie könnte ich also etwas Neues dazu schreiben? Darum will ich ein Lob der Un-Achtsamkeit versuchen. Vielleicht wirft das einiges Licht auf die Achtsamkeit.

Wenn ich mit meiner Frau im Auto fahre (ich selbst kann nicht Auto fahren), dann hoffe ich, dass sie nicht ‚im Körper weilt, den Körper betrachtend' und ‚lang einatmend weiß, dass sie lang einatmet – lang ausatmend weiß, dass sie lang ausatmet'. Auch hoffe ich, dass sie dann nicht ‚klarbewusst wahrnimmt, wenn sie ein angenehmes, unangenehmes oder neutrales Gefühl empfindet'. Unlieb wäre mir auch, wenn meine liebe Frau dann ‚klarbewusst wahrnimmt, wenn ihr Bewusstsein gierbehaftet ... ist'. Ja, egoistisch wäre ich entschieden dagegen, wenn sie, während sie auf der Autobahn fährt, ‚bei den Gesetzmäßigkeiten weilte, die Gesetzmäßigkeiten betrachtend, eifrig, wissensklar, achtsam, nachdem sie Begierde und Unzufriedenheit hinsichtlich der Welt beseitigt hat'. (Alle Zitate hier und im Folgenden aus dem Satipaṭṭhānasutta, der ‚Lehrrede von der Aufrichtung von Achtsamkeit'.) Nein, ich hoffe und bin davon überzeugt, dass meine Frau sich ganz auf den Verkehr konzentriert und dass sich auch die übrigen Verkehrsteilnehmer ebenso verhalten. Ich habe nämlich keine Lust, als Opfer der Achtsamkeit in der Unfallklinik oder auf dem Friedhof zu landen.

Zum Glück hat meine Frau so viel Routine im Autofahren, dass sie nicht darauf achtet, dass sie jetzt langsam auf die Bremse tritt, dass ihre Hände auf dem Steuerrad liegen und eine Drehbewegung ausführen und Ähnliches. Sie hat all dies so gut eingeübt, dass ihr das Gehirn all dies abnimmt, ohne Bewusstheit zwischenzuschalten. Wie das Beispiel zeigt, ist dies absolut überlebensnotwendig.
Autofahren ist ein Beispiel für automatisches Handeln, das individuell erworben wurde. Daneben bedürfen wir vieler Automatismen, die uns von unserer Mitwelt und Umwelt vermittelt wurden, denken wir nur an all das, was wir als Kleinkinder in Auseinandersetzung mit unserer Welt an Fähigkeiten und Verhaltensweisen erworben haben. Dazu kommen noch all die genetisch bedingten, durch unsere Welt modifizierten Verhaltensweisen, Einstellungen und Denkweisen. Wir sind nur überlebensfähig, weil wir in uns das Erbe unserer unzähligen tierischen und menschlichen Vorfahren tragen; ein Erbe, das sich in Jahrmillionen bewährt hat, sonst wären wir nicht da. Statt uns fruchtlosen Gedanken über Wiedergeburt und über das jetzige Leben hinaus wirkendes Karma zu machen, sollten wir als Buddhisten uns mit dem Tier in uns und dem Jäger und Sammler in uns beschäftigen. Dazu entdecken seit Charles Darwin (1809-1882) Wissenschaftler in mühsamer Kleinarbeit immer mehr, das wichtig ist für das Verständnis unseres ‚unbewussten Denkens' (Schopenhauer), des ‚Herrentiers' (Lionel Tiger und Robin Fox), des ‚Incognito' (David Eagleman), der ‚Bauchentscheidungen' (Gerd Gigerenzer), des ‚System 1' (Daniel Kahneman) und von Ähnlichem. Dann verstehen wir, wodurch wir leben und überleben können. Wir verstehen dann auch, warum die erste Edle Wahrheit recht hat mit:


„Die fünf Konstituenten / Komponenten bedingt entstandenen Daseins sind leidvoll."


Zum Wesen von Evolution und Existenz gehört, sich selbst und anderen Leid zu schaffen. Buddha ist der Überzeugung, erkannt zu haben, dass die Gesetzmäßigkeiten der Natur so sind, dass es eine Option zur Beendigung dieses fortdauernden Leidens gibt, nämlich den ‚Edlen Achtfachen Pfad'.
In vielen Situationen ist es absolut lebensnotwendig, schnell und ohne Zwischenschaltung von Bewusstheit reagieren zu können. Gute Arbeit erfordert von uns meist, dass wir ganz ‚bei der Sache sind', nicht bei unserem Bewusstsein, beim Außen, nicht beim Innen. Gute Arbeit erfordert Konzentration auf die Aufgabe, nicht Konzentration auf unser Bewusstsein. Auch wo es nicht überlebensnotwenig ist: Große Leistungen verdanken wir oft dem ‚Flow' (Mihaly Csikszentmihalyi), dem völligen Aufgehen in einer Tätigkeit. Ohne solche Hingabe an die Tätigkeit wären wir im tätigen Leben ziemlich nutzlos für unsere Mitwelt. Nicht umsonst spricht Buddha in der genannten Lehrrede von Mönchen, also von Menschen, die freigestellt sind für den Erlösungsweg.
Aber liege ich mit meinen Ausführungen über das Autofahren nicht ganz daneben? Es heißt doch in der ‚Lehrrede von der Aufrichtung von Achtsamkeit':
„Wie ein geschickter Drechsler oder Drechslerlehrling, wenn er mit dem Drechseleisen lange zieht, weiß, dass er lange zieht, und wenn er mit dem Drechseleisen kurz zieht, weiß, dass er kurz zieht, ebenso weiß ein Mönch, wenn er lang einatmet, dass er lang einatmet ..."
Dieser Satz zeigt, dass der Verfasser der Lehrrede von Handwerk keinerlei Ahnung hatte. Was er beschreibt, ist das Verhalten eines Berufsanfängers oder eines Stümpers. Ein guter Handwerker geht ganz in seiner Aufgabe, seinem Werkstück auf, nicht in dem, was er tut. Ihm ist gar nicht bewusst, was er tut, ja, er kann es oft nicht einmal beschreiben, sondern sagt: „Schau zu!" Wenn er auf das achten soll, was er tut, gelingt ihm die Arbeit voraussichtlich nicht. Es ist wie beim Tausendfüßler, der achtsam sein soll auf sein Gehen, auf die Bewegung seiner vielen Füße: Er kann nicht mehr laufen.

Wie bei allem im Leben ist es nicht immer optimal, sich auf die eingeprägten Reaktionen seines Gehirns zu verlassen. Manchmal ist es besser, das bewusste ‚System 2' zwischenzuschalten (soweit dies möglich ist). Aber im Großen und Ganzen steckt im ‚unbewussten Denken' doch eine Menge Lebens- und Überlebensweisheit. Aber eben Lebens- und Überlebensweisheit, nicht Erlösungs-Weisheit.

Selbstverständlich kommt es auch darauf an, bei welcher Sache wir ganz sind. Peter Altenberg (1859-1919) nennt in amüsanter Weise ein Beispiel von Konzentration, die von Wichtigerem ablenkt:

„Es ist gar keine Kunst, neue Polizei-Verordnungen zu erlassen. Man muss sie nur erlassen! Das allein gehört dazu. Zum Beispiel das Teppichklopfen oder Vorhängeklopfen und Klopfen überhaupt ist vor 9 Uhr vormittags strengstens bei Strafe verboten. Reinlichkeit ist weniger wichtig als Morgenfrieden! Außer für die übertriebenen hysterischen, eigentlich schon wahnsinnigen sogenannten ‚guten Hausfrauen'. Sich konzentrieren auf Staubabwischen ist die größte Dezentralisation von allen wichtigeren Dingen dieses ohnedies ziemlich schwierigen Daseins! Es ist eine schlimme Art von ‚Vogel Strauß-Politik der Seele'! Weil man den vielfachen Komplikationen dieses Daseins nicht standzuhalten die hienieden unbedingt notwendige Fähigkeit hat, konzentriert man sich feig – bequem – unbequem auf ‚Wohnung instand halten'! Pfui, pfui! Sich selbst ‚Pflichten' auferlegen, die keine sind, und niemandem zugutekommen und nützen, ist ein ‚Irrsinn der irregeleiteten Seele'!" (Mein Lebensabend, 1919)

Da gibt es für Buddhisten ‚mitten in der Welt' genug zu überlegen, wozu es sich lohnt, seine Un-Achtsamkeit einzusetzen.

Ich wäre völlig falsch verstanden, wenn der Eindruck entstünde, ich sei gegen Achtsamkeitsübungen von Menschen ‚mitten in der Welt'. Ganz im Gegenteil! Wir sollen im Rahmen unserer Möglichkeiten testen, ob die Aussage der ‚Lehrrede von der Aufrichtung von Achtsamkeit' stimmt:

„Dies ist der einzige und einlinige Weg zur Reinheit der Wesen, zur Überwindung von Kummer und Klage, zum Untergang von Leid und Unzufriedenheit, zur Gewinnung der rechten Methode, zur Verwirklichung des Nibbāna, nämlich die vier Aufrichtungen von Achtsamkeit."

Wenn wir die Vorzüge von Un-Achtsamkeit kennen, wird uns Wesen und Funktion der Achtsamkeit hoffentlich klarer.

 

Alois Payer geb.1944, studierte und lehrte an verschiedenen Universitäten und Hochschulen Indologie, Buddhologie und Religionswissenschaften.

 

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