Wohlfühlen

Ein langer Weg führt die einstigen Pflanzen der Götter in die Niederungen inbildloser Extase der Konsumgesellschaft. Warum Menschen ihr Bewusstsein verändern.


Es war nicht nur Gold und andere Schätze Mittelamerikas, die bei den im 16. Jahrhundert in die Neue Welt kommenden europäischen Eroberern tiefes Erstaunen auslösten, sondern die pflanzlichen Arzneimittel und die zahlreichen, bei religiösen Zeremonien verwendeten halluzinogenen Kräuter. Die Forscher und Mönche des Abendlandes konnten die beobachteten schamanistischen Riten und die für sie befremdlichen Zustände, in die sich die amerikanischen Ureinwohner begaben weder verstehen, noch billigen. Schnell wurden all jene von der "Heiligen Inquisition" verfolgt, die Meskal-Bohnen, Peyotl-Kakteen oder die Samen des Yopo-Baums zu sich nahmen. Von allen psychoaktiven Pflanzen beider Amerikas schaffte es letztlich auch nur der Tabak in der europäischen, profanen Konsumkultur aufgenommen zu werden.

Für katholische Priester war es reine Häresie, wenn Indianer ihnen versicherten, dass sich ihre Seele, nachdem sie einen berauschenden Aufguss der Ayahuasca-Liane zu sich genommen hatten, vom Körper löse und es ihnen ermögliche, mit ihren Vorfahren Kontakt aufzunehmen. Der Quetschua-Ausdruck für diese Schlingpflanzen ist Ayahuasca und bedeutet "Ranke der Seele". Für die indigene Bevölkerung war und ist dieses Gewächs ein Geschenk der Götter, das ihnen übernatürliche Kräfte verleiht und zum Wahrsagen, für die Heilung bei Krankheiten und zu rituellen Zwecken eingesetzt wird.

Die Konquistadoren schienen vergessen zu haben, dass auch in der europäischen Kultur seit jeher Drogen in den Gottesdienstritualen eine bedeutende Rolle zukam. Alkohol war zentraler Bestandteil in den altgriechischen Dionysus-Mysterien, im ägyptischen Isis-Kult wurde Opium konsumiert und im Hinduismus ist Shiva der Gott der (Hanf-) Extase. Als in Europa der Gott des Christentums die dominierende Religion wurde, war nur noch eine Droge heilig, das "Blut Christi", der Alkohol. Auch die jahrtausendealte Doppelfunktion der Priester sowohl als Heiler wie auch als spirituelle Führer, die sich der verschiedenen Wirkstoffe von Pflanzen bedienten, veränderte sich: Kirchen waren plötzlich nicht mehr wie die antiken Tempel zugleich auch medizinische Kliniken und Priester verdammten die Rauschwirkung der Drogen als Verführungen des Teufels.

Wodurch hat sich diese unterschiedliche kulturelle Entwicklung zwischen Eurasien und Amerika bei der Verwendung von halluzinogenen Pflanzen in der spirituellen Praxis ergeben? Ethnobotaniker wie der emeritierte Havard-Professor Richard Schultes vermuten die "Weiter"-Entwicklung der Jäger- und Sammlerkulturen zu Ackerbauern und Viehzüchtern. In Nord- wie auch in Südamerika blieben die Gesellschaften weitgehend Jagdgemeinschaften. Deren Überleben war direkt von den Fähigkeiten ihrer Angehörigen abhängig, das Wild aufzuspüren, deren Wanderrouten richtig zu erahnen und dann auch noch erfolgreich im Kampf gegen die oft größeren und stärkeren Tiere zu bestehen. Dazu brauchte man Inspiration, Mut, Schmerzlosigkeit und den Schutz der Ahnen so wie Kontakt zu Tiergeistern. Dabei unterstützte der Schamane die Jäger mit Hilfe jener mit übernatürlichen Kräften versehenen Pflanzen.

In Europa und Asien war es mit dem Aufkommen der Landwirtschaft nicht mehr existenziell nötig, Visionen zu haben und die Wertschätzung und die kultische Anwendung psychoaktiver Pflanzen reduzierten sich auf das christliche Mysterium der Wandlung von Blut zu Wein.

Ein weiterer Paradigmenwechsel ereignete sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts, dem Zeitalter der Aufklärung. Reine Vernunft war das Leitmotiv der Revolution, bei der sich weite Teile der Gesellschaft erstmals der Bevormundung durch Religion und ihre Autoritäten entziehen wollten. Der Rauschzustand, der den nüchternen Verstand trübte, war hier nicht willkommen. Die alte Pforte, durch die man mit Gott und Göttern in Verbindung treten konnte, wurde durch die Wissenschaft geschlossen. Die von der mystischen Alchemie zur rationalen Chemie mutierte Substanzenlehre analysierte, zerlegte und entzauberte jene bislang übernatürlichen Kräfte, die den Pflanzen innewohnten. Die Stoffe, deren Wirkung die Indianer über Jahrtausende glauben ließen, Gott wohne in dem Pilz, der Blüte, der Ranke, konnten nun einfach von einem Laboranten in einem Glaskolben synthetisiert werden.

Mit dem Niedergang des Ständestaats wurden die Menschen aber auch aus ihrer Rolle kleiner Zahnrädchen im Getriebe der Gesellschaft entlassen, als Spielsteine einer gottgewollten Ordnung befreit und entdeckten ihre Individualität. Sigmund Freud beschrieb das nun weite Land der menschlichen Psyche und der Gefühle. Bewusstseinsverändernde Drogen wie Kokain und Opiate kamen über diese Hintertüre der medizinischen Forschung wieder zurück.

Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann synthetisierte 1943 auf seiner Suche nach einem Kreislaufstimulans aus dem Getreidepilz Mutterkorn LSD, eines der stärksten bekannten Halluzinogene, das bis in die 1960er Jahre auch begleitend bei psychotherapeutischen Behandlungen eingesetzt wurde.

Damit waren Rauschdrogen im 20. Jahrhundert aus ihrem ursprünglichen Kontext spiritueller Erfahrung und metaphysischer Erkenntnis herausgelöst und fungierten nur mehr als psychomechanische Ein- und Ausschalter menschlicher Gefühlswelten.

Angekommen in den Niederungen des rituallosen Massenkonsums, des krankhaften Drogenmissbrauchs und der Kriminalität des illegalen Handels, erscheinen uns diese "Pflanzen der Götter" heute eher als Bedrohungen der Gesundheit, denn als Wegweiser in bewusstere Welten.

Dennoch sollten wir uns fragen, was wir durch diese Drogen über die Beziehung zwischen Geist und Körper erfahren können. Sind psychoaktive Substanzen zeitgemäße und akzeptable Mittel, den Geist zu größerer Erkenntnis zu führen? Soll man, bzw. darf man in unserer Gesellschaft den individuellen Drang nach Veränderung seines Bewusstseins zulassen? Und - die zentrale Frage dabei überhaupt - warum nehmen Menschen Drogen?

Der US-amerikanische Arzt und Drogenforscher Andrew Weil meint dazu: "Es ist meine Überzeugung, dass der Wunsch, das Bewusstsein von Zeit zu Zeit zu verändern, ein angeborenes normales Verlangen ist, wie Hunger oder sexuelles Verlangen. Es ist zu beachten, dass ich nicht sage, 'der Wunsch das Bewusstsein mit Hilfe chemischer Mittel zu verändern'. Drogen sind nur ein Mittel, dieses Verlangen zu befriedigen, es gibt viele andere."

Der Schwindel ist nicht nur eine alte Form des Rausches, er ist auch eine der ersten, die von Kindern entdeckt wird. Dreijährige drehen sich bis zur Benommenheit um ihre eigene Achse und viele Kinder entdecken einen besonderen Reiz beim Schaukeln und Wippen. Viele Karussells in Vergnügungsparks sind dazu gemacht, solche mit Schwindelgefühl verbundenen Empfindungen hervorzurufen. Und auch viele Rauschmittel wirbeln Menschen herum - zumindest im Kopf der Konsumenten. So etwas kann man aber auch bei Säugetieren beobachten. Vielleicht muss man die oben gestellte Frage sogar erweitern: "Warum nehmen Lebewesen Drogen?" Der renommierte Psychopharmakologe Ronald Siegel belegte in umfassenden Forschungen, dass gezielte Rauscherfahrungen bei sehr vielen Tierarten vorkommen und spricht sogar von einem "vierten Trieb". Bienen fallen nach übermäßigem Nektarkonsum gelähmt auf den Boden, Vögel verschlingen gezielt berauschende Beeren und flattern taumelnd durch die Luft, Elefanten betrinken sich absichtlich mit vergorenen Früchten und Affen sitzen nach Genuss bestimmter Pilze stundenlang mit ihrem Kopf auf die Hände gestützt versunken da.

Die evolutionsbiologische Erklärung für dieses Phänomen führt den biologischen Rüstungswettlauf zwischen Pflanzen und ihren Konsumenten ins Treffen. Giftige Inhaltsstoffe sollen vor Fressfeinden schützen und Tiere passen sich dank des Belohnungssystems, positive Gefühle aus dem Konsum zu ziehen, daran an. Wobei aber viele auf der Strecke bleiben.

Die poetische Begründung liefert der Schriftsteller und Opiumraucher Charles Baudelaire: "Wir konsumieren Drogen um die Engel nachzumachen und dann letztlich doch Tiere zu werden."

 

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