Wohlfühlen

Warum eine Ayurveda-Kur guttut, wie sie sich anfühlt und worauf man verzichten muss.

Alles beginnt mit einer Erstkonsultation – immer. Mit einer ausführlichen Befragung über Lebensumstände und den Lebensstil: Wann gehen Sie schlafen? Was essen Sie gerne? Wie oft haben Sie Sex? Welche Konsistenz hat Ihr Stuhl? Und so fort. Danach wird der Blutdruck gemessen und der Puls gefühlt. Alles geschieht langsam und bedächtig – immer. Bei mir war es zumindest so. Ich habe bisher viermal ayurvedisch gekurt und vor, es weiterhin zu tun.

Bei meinem ersten Panchakarma, so nennt sich die ayurvedische Reinigungskur, hat mir der indische Arzt mitgeteilt, dass meine Konstitution, also die bei mir vorherrschenden Doshas, ‚Vata-Pitta' sei, also das Prinzip Luft und Feuer. Die anderen drei Male wurde mir eine andere Konstitution attestiert, nämlich ‚Pitta-Kapha', also Feuer und Erde. Auf Nachfrage wurde mir erklärt, dass eine Konstitution ein Leben lang unverändert bleibe. Na gut, hat der Mann sich eben geirrt. Mir war das nicht so wichtig, weil ich Ayurveda als ein Wohlfühlangebot betrachtete und daher keinen besonderen Wert auf die genaue ‚ayurvedisch medizinische' Diagnose legte. Ein typgerechter Behandlungsplan wurde erstellt, der im Wesentlichen aus täglichen Ölanwendungen und einer speziellen, den jeweiligen Doshas entsprechenden Diät besteht.

Ich bin für meine Ayurveda-Kuren dreimal ins südindische Kerala gereist, habe eine solche aber auch einmal in Österreich, in Renata Mörths Nexenhof, unter Aufsicht einer indischen Ärztin durchgeführt.

In Kerala stehen die öligen Anwendungen im Vordergrund, was zu meiner augenblicklichen Entspannung beiträgt. Sie sind der Mittelpunkt des Tages, um sie herum werden alle anderen (wenigen) Aktivitäten geplant. Eine Ayurveda-Kur soll ja auch dazu beitragen, zur Ruhe zu kommen.

 

Ich bin von Natur aus faul, wurde aber zum Fleiß erzogen und bin nur deshalb so aktiv geworden.

 

In allen Unterlagen, den Verhaltensempfehlungen, wird einem nahegelegt, möglichst ‚nichts' zu tun. Also kein Sport, keine anstrengenden Tätigkeiten, keine aufreibenden geistigen Aktivitäten, keine langen Aufenthalte in der Sonne, ja noch nicht einmal Sex. Na gut, man muss sich nicht an alles halten. Doch bereits die Abstinenz von sonst üblichen Beschäftigungen ist für viele Menschen ein schwieriger Schritt. Nicht für mich! Ich bin von Natur aus faul, wurde aber zum Fleiß erzogen und bin nur deshalb so aktiv geworden. Bloß aus schlechtem Gewissen.

Die Aufforderung zum ‚Nichtstun' ist für mich nachgerade ideal. Einzig eine Yoga-Stunde pro Tag wird empfohlen und natürlich Meditation. All das in der herrlichen Landschaft Südindiens, direkt am Meer, bei traumhaft sommerlichen Temperaturen! Ayurveda wird dadurch auf jeden Fall begünstigt, gilt doch Wärme als wichtige Voraussetzung für die Reinigungskur. Angeboten werden nur warme Getränke, warme, gekochte Speisen, warme Öle bei der Massage. Über den theoretischen Ansatz in der ayurvedischen Medizin erfährt man auch ein bisschen etwas. Da ich nicht wegen einer akuten Krankheit angereist bin, genügt mir das vorhandene Infomaterial für westliche Touristen. Schwieriger wird es, als ich Medikamente verabreicht bekomme. Da hätte ich doch gerne über die Inhaltsstoffe, Wirkungsweisen und Ablaufdaten Bescheid gewusst. Dennoch entschließe ich mich, sie ohne weitere Infos einzunehmen. Schließlich sollen sie bei der Gewichtsabnahme unterstützend wirken. Dieses Argument trifft, da werde ich unkritisch und greife voll Inbrunst zur scheußlichsten Medizin.

Was bei der angesagten vierwöchigen Kur noch auf mich wartet? Nach den ersten beiden ‚Wohlfühlwochen' kommt der sogenannte ‚purgation day', was sich mit Reinigen übersetzen lässt, tatsächlich aber ein intensives Abführen mit anschließenden Einläufen ist. Im Ayurveda gibt es noch andere Reinigungsmethoden, die aber in den indischen Hotels nicht durchgeführt werden, nämlich das sogenannte ‚vometing', also das medizinische Erbrechen, und auch den Aderlass.

Danach geht es für mich wieder aufwärts. Ab jetzt kommen die gewebestärkenden Anwendungen zum Tragen, also Behandlungen mit Reispuddings, Ölschüttungen, Saunagängen, und ich finde alles wieder nur angenehm.

Am Ende der vier Wochen bin ich um sieben Kilos leichter und fühle mich rundum gesund und entspannt. Ich habe vor, meine Ayurveda-Kur im nächsten Jahr zu wiederholen.

Und so vergeht die Zeit.
19. Jänner
Seit zwei Tagen sind wir hier in Kerala und gestern hat unsere Ayurveda-Kur begonnen. Nach der üblichen ärztlichen Konsultation, bei der ich mir auch eine Diät verschreiben lasse, kommt gleich die erste Massage. Warmes Öl auf meiner Haut, erst massiert mich Chithra mit ihren Händen, dann wechsle ich auf eine Matte am Boden und sie massiert mit den Füßen weiter. Nach 90 Minuten bin ich entspannt, die Massage ist zu Ende, Chithra drückt mir eine aufgebrochene Kokosnuss mit einem Strohhalm in die Hand und ich sitze gemeinsam mit den anderen Kurenden vor dem Therapiegebäude und schlürfe die frische Kokosmilch, ein tägliches, sehr wohlschmeckendes Ritual. Die Behandlungsräume sind einfach, aber äußerst zweckdienlich und blitzsauber. Danach schlendere ich durch die traumhaft schöne Hotelanlage zum Bungalow, umgeben von den für Kerala so typischen Kokospalmen, vom Zwitschern tropischer Vögel und vom Krächzen der vielen Krähen, um eine Stunde lang gar nichts zu tun, außer vielleicht ein bisschen zu lesen und mir erst danach, denn vorher ist es nicht empfohlen, das Öl von der Haut zu waschen. Auch das Duschen und Haarewaschen gehe ich bedächtig an, denn Ayurveda führt bei mir zur allgemeinen Verlangsamung. Danach gibt es ein köstliches indisch-ayurvedisches Mittagessen. Auf den herrlich duftenden Basmatireis muss ich leider aus figurtechnischen Gründen weitestgehend verzichten. Auch die wunderbaren, mit Kokosmilch gekochten Gemüsecurrys lasse ich aus ebendiesem Grund links liegen und steuere auf die wenigen fettarmen Gemüsetöpfe zu. Doch auch die schmecken herrlich und ich fülle meinen Magen mit gedämpftem Gemüse, ayurvedischen Suppen, gekochtem Getreide und sonstigen wohlschmeckenden Speisen. Danach ein Stück Obst. Das Restaurant ist nur mit einem Palmendach gedeckt und ich blicke auf das Meer und die herrliche Küste Keralas. Ich fühle mich wohl.

Unmittelbar nach dem Mittagessen soll man laut Anweisung der Ärzte auf Schlaf verzichten, um das Verdauungsfeuer ‚Agni' nicht zu schwächen. Man soll aber auch nicht an den Strand gehen und sich nicht verausgaben. Also ruhe ich lesend und nachdenkend, um dann doch ein wenig einzunicken. Gegen vier Uhr laufen wir an den Strand und machen lange Spaziergänge in dieser indischen Urlandschaft. Ein paar Buchten weiter dann schwimmen. Das Meer ist wild hier in Kerala – schwimmen ist nur guten Technikern anzuraten. Doch während der Kur ist ausgiebiges Schwimmen und Baden ohnehin nicht angesagt. Nach einer guten Stunde Küstenwanderung kehren wir in einer Strandbude auf einen Chai ein, dem typisch indischen Milchtee mit Gewürzen. Das heiße Volksgetränk ist auch für uns ein tägliches Highlight und nirgends schmeckt Tee so gut wie hier. Zurück ins Hotel nehmen wir ein Bimo, ein dreirädriges Taxi mit Mopedmotor. Wir duschen und machen uns bereit zum Abendessen, ich schlucke wieder die scheußliche Medizin, mein Mann verweigert hingegen alle Medikamente. Gemessenen Schrittes begeben wir uns zum Restaurant, um dort ein leichtes, vegetarisches Abendessen einzunehmen. Bereits um halb neun sind wir wieder im Zimmer, meditieren und gehen zu Bett.

Dieser Tagesablauf wiederholt sich nun mit kleinen Abweichungen während der nächsten vier Wochen. Es geht uns prächtig, wir fühlen uns wohl. Ayurveda hat gewirkt. Aber was ist es, was diese Wirkung tatsächlich hervorruft? Die Ruhe? Das gute Essen? Die angenehmen Anwendungen? Die scheußliche Medizin? Vermutlich eine Mischung aus all diesen Faktoren.

Das einzig Traurige ist, dass dieses wunderbare Erlebnis in dem schönen Hotel nur mit verhältnismäßig viel Geld leistbar ist. Begibt man sich in typisch indische Verhältnisse, kann es natürlich viel billiger sein. Mir ist das zu unbequem. Mein Mann sagt, ginge es nach ihm, könnten wir heute noch wie früher reisen, aber ich glaube ihm kein Wort.

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