Wohlfühlen

Buddha hat den mittleren Weg gelehrt, in dem wir zu Ruhe und Zufriedenheit kommen. Negative Einflüsse von außen, Ängste, Triebe und Süchte müssen wir dafür überwinden. Im Weg des buddhistischen Tantra können wir das in diesem Leben verwirklichen.

Wir leben in einer Welt, in der wir zwischen Stress und Depression, Hektik und Lethargie, Sorgen und Mutlosigkeit schwanken. Ich habe mich seit über dreißig Jahren mit Tantra beschäftigt. Den ersten Impuls hat eine Freundin gegeben, die mit mir eine tantrische Beziehung leben wollte: Die Merkmale dieser Beziehung waren, dass sie begonnen hat und dass sie mir zeigte, wie die erotische Begegnung abläuft, wenn die Frau den Mann führt. Wir sind es gewohnt, dass der Mann die Frau anspricht und dass er beim Sex den Ton angibt. Tantra ist eine Gegenbewegung zu den patriarchalischen Kulturen. Es ist eine Gegenbewegung zur Unterdrückung der Frau und zur Moralisierung der Sexualität. Tantra ist Verehrung der Göttin, die in uns wirkt, oder – wie im buddhistischen Tantra – der Gottheit, die als Buddha in Vereinigung mit seiner Gefährtin dargestellt wird.

Tantra ist wahrscheinlich in der Zeit des Matriarchats entstanden. Die ersten Schriften, etwa das Guhyasamaja-Tantra, die man als Tantras bezeichnet, entstanden etwa im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Da die Entstehung noch früher lag, ist es nicht möglich zu entscheiden, ob das hinduistische oder das buddhistische Tantra früher entstand. Ich habe beide kennengelernt.

Es gibt im buddhistischen Tantra vier Klassen: Handlungs-Tantra, Ausführungs-Tantra, Yoga-Tantra und Höchstes Yoga-Tantra. Im Handlungs-Tantra lernt man die Sadhana der Erzeugungsstufe mit den Gebeten, dem Mantra, mit Hand-Mudras, dem Mandala und der Selbstentstehung als Medizin-Buddha. Hier werde ich über die Form des Höchsten Yoga-Tantra berichten, denn diese Form beinhaltet alle Übungen der unteren Tantra-Klassen.

Das buddhistische Tantra beginnt mit den ‚vier Unermesslichen’: Freundlichkeit, Mitgefühl, Mitfreude und gleichmütiges Akzeptieren. Zu Beginn der Sadhana steht unsere Beziehung zu allen fühlenden Wesen. Wir würden heute auch noch die Umwelt hinzunehmen.

 

„Zuerst strahle Freundlichkeit aus,

als Zweites strahle Mitgefühl aus,

drittens strahle Freude aus

und schließlich strahle gleichmütiges Akzeptieren aus.“

(Hevajra-Tantra, Teil I, Kapitel 3, Vers 1)

 

Damit ist die Form der Buddha-Natur klar beschrieben. Es ist eine Form, die Freundlichkeit, Mitgefühl, Freude und Annehmen des anderen ausstrahlt. Im Guru-Yoga der Erzeugungsstufe sollen wir uns sechsmal am Tag dieses Verses und seiner Bedeutung bewusst werden. Man kann diesen Vorgang als Wandlungsprozess ansehen. Das heißt, wir können die Buddha-Natur nur nach und nach entwickeln. Wir müssen uns darum bemühen. Erleuchtung erlangen wir, wenn wir das Buddha-Bewusstsein in unserem Körper, unserer Sprache und unserem Denken empfinden und ausstrahlen. So können wir dieses Bewusstsein von Buddhas auch empfangen. Das ist der Weg der tantrischen Meditation.

Im Mandala begegnen wir den Buddhas und Gottheiten. In der Grundstruktur sind es fünf Buddhas oder Vollendete, vier Göttinnen und vier zornige Torwächter. Dabei befinden sich ein Buddha in der Mitte, die anderen vier in den Hauptrichtungen, die vier Göttinnen in den Zwischenrichtungen und die vier Zornigen als Wächter an den Toren. Die Gottheiten können auch als Paare in sexueller Vereinigung dargestellt und visualisiert werden.

Man tritt in der Sadhana in eine der jeweiligen Gottheit entsprechende Meditation ein und verwandelt sich dann mit einem Mantra in diese Gottheit. Die Mandalas der verschiedenen Tantras sind sehr unterschiedlich. Es können auch mehrere hundert Gottheiten sein, die meditiert werden. Jede Gottheit symbolisiert Erscheinungen unserer eigenen Natur. Die Göttinnen zum Beispiel symbolisieren die vier Elemente: Erde, Wasser, Feuer, Luft. Diesen werden die Mantra-Silben LAM, VAM, RAM und YAM zugeordnet. Als Hilfsmittel für die Meditation verwendet man suggestive Formeln, etwa: „Festigkeit empfindend will ich einatmen, LAM. Festigkeit ausstrahlend will ich ausatmen, LAM.“ Die Silbe LAM wird so mit dem Element Erde und dem Empfinden von Festigkeit verknüpft und zur erlebbaren Wirklichkeit. Für die fünf Vollendeten gelten die Silben OM AH HUM SVAHA. Die Symbolbezüge der Gottheiten werden im jeweiligen Tantra dargestellt. Für uns westliche Menschen ist es leichter, mit Mantra-Silben zu üben als mit den oft sehr langen Mantras. Es ist für uns auch schwierig, die vielen Gottheiten eines umfangreichen Mandalas zu lernen. Man kann dann auch eine einfache Form des Mandalas wählen und zum Beispiel beim Mandala des Hevajra-Tantra die Hauptgottheit Hevajra in Vereinigung mit seiner Gefährtin Nairatmya umgeben von den acht Göttinnen meditieren. Wobei Hevajra die Methode (also Freundlichkeit, Mitgefühl, Freude und gleichmütiges Annehmen) mit der Silbe HUM und Nairatmya die Weisheit mit der Silbe AM symbolisiert. Beide in sexueller Vereinigung symbolisieren ‚Spontane Große Glückseligkeit’. Die acht Göttinnen sind die Weisheitswesen. Sie symbolisieren die Freuden des Singens und Tanzens, des Lächelns und der sinnlichen Haltung, von süß duftendem Weihrauch und Kerzenlicht sowie von süßen Speisen und Blumengirlanden.

 

Im Tantra wird die Begierde und die Freude, die wir empfinden, auf dem Weg genutzt. Im Handlungs-Tantra ist es die Freude, einander anzusehen, im Ausführungs-Tantra die Freude des Lachens, im Yoga-Tantra die Freude des Berührens und Umarmens. Nur im Höchsten Yoga-Tantra gibt es die Vollendungsstufe. Auf dieser Stufe wird die vierte Freude genutzt. Es ist die Freude, die bei der Vereinigung der zwei Organe entsteht. Ist die Erzeugungsstufe vom Gottheit-Yoga bestimmt, so ist es auf der Vollendungsstufe der sexuelle Yoga. In Verbindung mit der Leerheits-Meditation und dem Gottheit-Yoga wird im sexuellen Yoga die Begierde aufgebraucht.

 

Im Tantra wird die Begierde und die Freude, die wir empfinden, auf dem Weg genutzt.

 

War der Blick in den unteren Tantra-Klassen und auf der Erzeugungsstufe nach außen gerichtet, so wird er im Höchsten Yoga-Tantra  nach innen gerichtet. Hier beginnt der innere Yoga. Mit Yoga-Übungen wie der Vasenatmung und dem Yoga des inneren Feuers weckt man die inneren Energien. Mit den Übungen des Tages und der Nacht blickt man in seine Innerlichkeit. Man übt mit den Winden, den Energien und den Chakren. Hierher gehören auch die Übungen des Yantra-Yoga.

Dann tritt man in den sexuellen Yoga ein. Man benötigt dazu eine Karma-Mudra, ‚Handlungs-Mudra’. Das ist eine tantrische Gefährtin. Der sexuelle Yoga wird in den Schriften nicht näher erklärt. Es gibt aber Hinweise, dass die Frau in den Kama-Shastras, den ‚Liebeslehren’, erfahren sein soll. Nur im Candamaharosana-Tantra werden zehn Vereinigungshaltungen beschrieben. Aus diesen Beschreibungen erfahren wir, wie der sexuelle Yoga ausgeführt wurde. Das Wesentliche ist, dass eine wiegende Bewegung ausgeführt wird. Ich habe im hinduistischen Shakta-Tantra die Übung des Shakti-Lila ‚Das Spiel der Shakti’ gelernt. Dabei sitzt man im Yoga-Sitz und wiegt den Körper hin und her. Diese wiegende Bewegung kann auch in der Umarmung ausgeführt werden und kommt wieder in sexueller Vereinigung. Dabei führt die Frau. Im Candamaharosana-Tantra wird eine Vereinigungshaltung beschrieben, bei der die Frau auf dem Rücken liegt und der Mann sich kniend mit ihr vereinigt. (Es ist gut, wenn der Mann dabei auf einem Meditationskissen sitzt.) Die Frau kann dann mit ihren Beinen seine Hüften umschlingen und die wiegende Bewegung ausführen. Oder sie stützt sich mit ihren Füßen am Körper des Mannes ab und wiegt ihn so. Der Mann geht in der Bewegung nur mit. Diese Form der sexuellen Bewegung weckt die sexuelle Lust, ohne drängend zu werden. Die Frau führt dann eine Beckenbewegung aus, mit der sie das männliche Glied massiert. Im Orgasmus, ohne dass der Mann ejakuliert, verbrauchen sie die sexuelle Lust und verweilen dann, wobei die wiegende Bewegung zur Ruhe kommt, im Zustand der ‚Spontanen Großen Glückseligkeit’. Diese Erfahrung der ‚Spontanen Großen Glückseligkeit’ macht den tantrischen Weg zum schnellen Weg.

 

Im hinduistischen Tantra wird diese Form der Gruppenrituale als Chakra-Puja, "Verehrung im Kreis", bezeichnet.

 

Gana-Chakra, das ‚tantrische Gruppenritual’, wurzelt in den Jahreszeitenfesten des Matriarchats. Dabei wurde gesungen und getanzt, gegessen und getrunken sowie sexuelle Gruppenrituale ausgeführt. Wobei die Mädchen zuerst in einem inneren und die Burschen in einem äußeren Kreis tanzten. Im buddhistischen Tantra gibt es die Form, beim Gana-Chakra das Mandala darzustellen. Dazu bilden fünf oder neun Paare ein Mandala. Ein Paar ist in der Mitte, vier Paare in den Hauptrichtungen, dabei blicken die Männer nach innen. Sie stellen die fünf Vollendeten dar. Vier Paare sind in den Zwischenrichtungen, dabei blicken die Frauen nach innen. Sie stellen die Göttinnen dar. Alle Paare vereinigen sich in Yab-Yum, ‚Vater-Mutter’. Dabei sitzt der Mann im Yoga-Sitz und die Frau sitzt in seinem Schoß.

Im hinduistischen Tantra wird diese Form der Gruppenrituale als Chakra-Puja, ‚Verehrung im Kreis’, bezeichnet. Dabei kommt es zu einer Begegnung jeder Frau mit jedem Mann. Auch die Einweihungsrituale der Mädchen wurden als Chakra-Puja ausgeführt. Sie dauerten sieben Tage, wobei am ersten Tag der ganze Körper berührt wurde. Am zweiten Tag wurden das Gesicht, die Brüste/ Brust und die Sexorgane berührt. Am dritten Tag wurde der Körper mit der Zunge berührt. Am vierten Tag kam es zur seichten, am fünften zur tiefen Vereinigung. Am sechsten Tag wurde die Puja zu dritt ausgeführt und am siebenten begegnete zuerst jeder Mann jeder Frau, wobei die Frau dabei liegt und der Mann vereinigt sich mit ihr. Dann begegnete jede Frau jedem Mann, dabei liegt der Mann auf dem Rücken und die Frau vereinigt sich auf ihm sitzend.

 

Das Problem ist, eine Karma-Mudra, eine entsprechende Gefährtin, zu finden.

 

Das Problem ist, eine Karma-Mudra, eine entsprechende Gefährtin, zu finden. Wir sind durch den moralischen Druck der patriarchalischen Religionen gezwungen, Sex nur in der monogamen Ehe auszuführen. Heute beginnt sich diese strenge Tradition langsam aufzulösen. Im Matriarchat aber lebte man Gruppen-Ehen und die Mädchen wurden in den sexuellen Yoga eingeweiht. Dabei kam es zu einer Begegnung mit Burschen, die nicht ihre Gatten waren. Die Frau konnte auch neben ihren Gatten Liebhaber einladen, die Nacht mit ihr zu verbringen. Die Karma-Mudra soll eine so freie Frau sein. Sie soll den spirituellen Weg gehen und ohne moralische Beschränkung im sexuellen Yoga üben. Die Frau ist es auch, die den Mann in den tantrischen Weg einweiht. Meine frühere Freundin war, ohne dass ich dies damals wusste, ein Karma-Mudra.

Bernd Braun, geboren 1943, arbeitet als Lehrer für Musik und Mathematik. Er beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit den Themen Tantra und Kundalini-Yoga, welche er auch selbst lehrt.
 
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