Spiritualität

Der Frage „Wer bin ich seelenloses Wesen?" wird in einem der reizvollsten Werke der buddhistischen Literatur nachgegangen – dem Milindapañha. Das Werk gibt einen Dialog zwischen dem griechischen König Menander und dem buddhistischen Mönch Nāgasena wieder.

Wir befinden uns voraussichtlich im 1. oder 2. Jahrhundert. Als Menander zu Beginn des Dialogs den Nāgasena nach dessen Namen fragt, benutzt Nāgasena die Antwort, um Menander gleich mit einer Hauptlehre des Buddhismus zu konfrontieren: der Leugnung einer Seele, eines bleibenden Ichs. Eine Funktion dieser Lehre ist es, einen vom sich Um-sich-selbst-Kümmern zu befreien: Es gibt keine bleibende Substanz, um die zu kümmern sich lohnen würde. Nāgasena antwortet dem Menander auf die Frage: „Ich werde Nāgasena genannt. Wenn auch die Eltern den Namen Nāgasena geben, so ist doch Nāgasena nur eine Benennung, denn eine Person kann man nicht feststellen."

Das bietet König Menander einen Angriffspunkt: Wenn es keine Person gibt, wer ist es, der den Mönchen die Dinge, die sie zum Leben brauchen, gibt? Wer ist es, der diese Dinge gebraucht? Wer ist es, der die sittlichen Gebote hält, der meditiert, zur Erlösung gelangt? Wer ist es, der tötet, stiehlt, hurt, lügt, säuft? Wenn es niemanden gibt, der all dies tut, dann gibt es keine Tat, die nach dem Gesetz der Tatreifung gute oder schlechte Früchte bringt. Wenn einer den Nāgasena tötet, tötet niemand niemanden, also gibt es keinen Mord. Auch gibt es dann keinen Mönch, der in den Mönchsorden einführt, und damit keine Aufnahme in den Mönchsorden. Wenn man dich als Nāgasena anspricht, wer ist dieser Nāgasena: Sind die Haare der Nāgasena? Nāgasena antwortet, dass die Haare natürlich nicht der Nāgasena sind. Menander wiederholt die Frage für jeden einzelnen Körperteil. Jedes Mal muss Nāgasena verneinen. – Ist Nāgasena einer der vier Bestandteile des Bewusstseins? – Auch das nicht. – Ist Nāgasena Materie und die vier Bewusstseinsteile zusammen? – Nein! – Ist Nāgasena etwas anderes als Materie und die vier Bewusstseinsteile? – Nein! – Ich kann dich fragen, was ich will, ich sehe nirgends einen Nāgasena. Nāgasena ist nur Schall. Du lügst, wenn du von Nāgasena sprichst!König Meander

Nāgasena stellt dem König eine Gegenfrage: Wie bist du hergekommen? – Mit einem Wagen. – Dann erklär mir, was ein Wagen ist! Ist der Wagen die Deichsel? – Nein. – Ist der Wagen die Achse? Usw. für die einzelnen Teile des Wagens. Jedes Mal muss Menander mit Nein antworten. – Ist der Wagen also Deichsel, Achse, Räder usw.? – Nein. – Ist also der Wagen etwas anderes als Deichsel, Achse, Räder usw.? – Auch nicht. – Ich kann dich fragen, was ich will, ich sehe nirgends einen Wagen. Wagen ist nur Schall. Du lügst. Es gibt keinen Wagen.

Das Gefolge fordert Menander auf zu antworten. Menander antwortet, dass er kein Lügner sei: Abhängig von Deichsel und abhängig von Achse usw. existiert die Bezeichnung ‚Wagen'. – Sehr gut – sagt Nāgasena – genauso ist es auch bei ‚Nāgasena': Abhängig von all den genannten Teilen existiert der Name ‚Nāgasena'. Im eigentlichen Sinn aber gibt es keine Person. Wie es, wenn die Teile eines Wagens zusammengefügt sind, das Wort ‚Wagen' gibt, so sagt man im Alltag ‚Wesen', wenn Materie und die vier Bewusstseinsbestandteile vorhanden sind.

In einem weiteren Dialog fragt Menander: Ist der, der wiedergeboren wird, derselbe wie der, der in der vorherigen Geburt dahinschied, oder ist er ein anderer? Nāgasena antwortet: Es ist weder derselbe noch ein anderer, der wiedergeboren wird. – Menander versteht nicht. Nāgasena antwortet mit einer Gegenfrage: Was glaubst du, Großkönig, bist du jetzt, da du erwachsen bist, derselbe wie damals, als du ein zartes, dummes Baby warst? – Nein, Ehrwürden. Ein anderer war das zarte, dumme Baby; ein anderer bin ich jetzt, da ich erwachsen bin. – Jetzt kann Nāgasena den Spieß umkehren: Wenn das so ist, Großkönig, dann hast du keine Eltern – die Frau, die du Mutter nennst, hat ja nicht dich geboren, sondern einen anderen, und die Frau, die du heute Mutter nennst, ist eine andere als die, die den kleinen Menander geboren hat – du hast aus demselben Grund keinen Lehrer usw. Ja du untergräbst das ganze Strafrecht: Zwei verschiedene sind der, der das Verbrechen begeht, und der, der dafür bestraft wird. Bist du mit all dem einverstanden? – Natürlich ist der König Menander mit solch destruktiven Konsequenzen nicht einverstanden. Er weiß aber nicht, wie er aus dieser Falle herauskommen kann, so fragt er Nāgasena, wie dieser auf die Frage antworten würde. Nāgasenas Antwort: Ich, Großkönig, würde antworten, dass ich das zarte, dumme Baby war und ich nun der Erwachsene bin. Abhängig von diesem selben Körper sind all diese Entwicklungsstufen zusammengehalten. – Menander fordert ein Gleichnis, damit diese Aussage plausibel wird. – Wenn jemand ein Licht anzündet, würde dieses Licht die ganze Nacht brennen? – Ja. – Ist dann die Flamme im ersten Drittel der Nacht dieselbe wie die im zweiten Drittel? – Nein. – Ist die Flamme im zweiten Drittel der Nacht dieselbe wie die im dritten Drittel? – Nein. – Heißt das, dass das Licht im ersten Drittel der Nacht ein anderes war als das im zweiten Drittel und dieses wieder ein anderes als das im dritten Drittel? – Nein, Ehrwürden, denn abhängig von demselben (nämlich dem Anzünden des Lichtes) hat es die ganze Nacht gebrannt. – Genauso, Großkönig, kommt der Zusammenhang der Gegebenheiten zustande. Ein anderer ist der, der entsteht, ein anderer ist der, der vergeht; es herrscht eine Kontinuität von Zuständen, die vorher nicht existieren und die nachher nicht existieren.

Später kommt Menander zu der Frage: Wenn derjenige, der wiedergeboren ist, nicht derselbe ist wie der, der dahinscheidet, wer wird dann wiedergeboren? Nāgasenas Antwort: ein Gestaltphänomen aus Bewusstsein und Materie. – Wird also dieses selbe Gestaltphänomen aus Bewusstsein und Materie wiedergeboren, das jetzt hier handelt; das heißt, wenn es schon keine bleibende Seele bei der Wiedergeburt gibt, gibt es dann eben als bleibendes Subjekt Bewusstsein und Materie? – Nein, sondern mit diesem Bewusstsein und dieser Materie tut man etwas Gutes oder etwas Böses, und aufgrund dieser Tat wird ein anderes Gestaltphänomen aus Materie und Bewusstsein wiedergeboren. – Menander: Ist man dann nicht seine Übeltaten los: Derjenige, der die Übeltat tut, wird ja nicht wiedergeboren, sondern ein anderer, d.h. der Täter büßt nicht für seine Tat. – Nāgasena gibt Menander recht für den Fall, dass es keine Wiedergeburt gäbe; weil es aber eine Wiedergeburt gibt, ist man seine Übeltaten nicht los. – Menander versteht das nicht. – Nāgasena antwortet mit einer Gegenfrage aus dem Strafrecht: Wenn A dem B Mangofrüchte gestohlen hat und nun der A vor dem König sich damit herausreden würde, dass er nicht die Mangofrüchte des B gestohlen hat, da der ja zweifellos andere Mangofrüchte gepflanzt hat, als der A gestohlen hat, würde die Tat des A strafbarer Diebstahl sein oder nicht? – Selbstverständlich muss Menander die Tat des A als Diebstahl im Sinne des StGB ansehen. – Menander fordert weitere Gleichnisse. Eines davon: Ein Mann steigt mit einem Licht auf den Dachboden und isst. Sein Licht bringt Heu zum Brennen, das Heu bringt das Haus zum Brennen, vom Haus greift das Feuer auf das ganze Dorf über. Der Mann würde nun jede Verantwortung von sich weisen mit dem Argument, dass das Feuer des Lichtes, bei dem er gegessen hat, ein anderes ist als das, welches das Dorf zerstörte. Wäre der Mann deswegen seine Verantwortlichkeit für den Dorfbrand los? – Selbstverständlich hält Menander den Mann für verantwortlich.

In welchen Punkten diese Gleichnisse hinken, wird nicht verraten. Das sei Ihrem Scharfsinn überlassen.

 

Alois Payer geb.1944, studierte und lehrte an verschiedenen Universitäten und Hochschulen Indologie, Buddhologie und Religionswissenschaften.

 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren