Spiritualität

Die Einsichtsmeditation ist eine beliebte Meditationsform, die sich auf die ursprünglichen Lehren des Buddha bezieht. Was sind die wichtigsten Kennzeichen dieser zeitlosen Meditation, wenn sie in unserer westlichen Kultur erfolgreich praktiziert wird?

 

Vor kurzem waren in einem meiner Kurse zahlreiche Anfänger. Es war deutlich zu merken, dass sie viele Erwartungen mitbrachten. Warum kommen ‚normale' Menschen heute in ein Retreat, auch wenn sie wissen, dass hier meist still gesessen und geschwiegen wird? Warum wagen sie das Abenteuer Erleuchtung? Wenn man die Menschen fragt, so sind es vor allem zwei Gründe: Entweder suchen sie bestimmte Qualitäten wie Ruhe, Entspannung, Klarheit, Frieden und Gelassenheit oder sie kommen, um bestimmte Probleme ihres Lebens zu verändern und zu lösen. Was sage ich als Meditationslehrer diesen Menschen? Zunächst versuche ich, all diese Erwartungen zu nehmen. Warum? Weil jede Erwartung die eigentliche Übung stört. Wenn das verstanden ist, weise ich allerdings darauf hin, dass man all das Gewünschte auf dem Weg der buddhistischen Einsichtsmeditation sehr wohl erreichen kann und soll. Was geschieht nun wirklich bei der Übung der Vipassana? Es gibt da sehr viele verschiedene Methoden, die alle letztlich nur Werkzeuge sind, und es gibt viele verschiedene Gebiete der Anwendung. Ich betone, dass es zwar für alle verbindliche Übungen gibt, aber im Grunde alle ihre eigenen und jeweils passenden Übungen finden müssen. Was sind nun grundlegende Elemente? Sich auf ein gewähltes Objekt (wie den Atem) zu konzentrieren, einfach ruhig sitzen, klar und wach bleiben, sich auf den gegenwärtigen Moment einlassen, sich sammeln, immer wieder zum Augenblick zurückkehren, die Gedanken vorbeiziehen lassen, beobachten, akzeptieren, erkennen. Das ist noch nicht alles, aber für den Anfang schon recht viel, worauf man achten sollte. Im Folgenden will ich nun einige ‚Stufen' auf dem Weg beschreiben, einige Erfahrungen nennen, die immer wieder gemacht werden und womit man in der Einsichtsmeditation gut arbeiten kann.

 

Wenn man versucht, sich auf den Atem zu konzentrieren, wird man bald bemerken, dass der eigene Geist nicht die Kraft hat, lange bei diesem für ihn langweiligen Objekt zu bleiben. Man beginnt zu denken, zu träumen, fühlt sich vielleicht unbehaglich, unlustig oder schläfrig, hat Schmerzen vom ungewohnten ruhigen Sitzen, beginnt an sich oder dem Lehrer zu zweifeln, möchte lieber wieder etwas tun. Mit anderen Worten: Man begegnet oftmals zunächst Schwierigkeiten.

 

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Der wichtigste Hinweis an dieser Stelle besteht darin, sich klarzumachen, dass das völlig normal ist und kein Anzeichen von mangelnder Begabung für die Meditation. Leider werden viele Menschen, auch wenn sie während eines Kurses die Übungen weitgehend mitmachen, später durch solche Erfahrungen dazu gebracht, ihre Meditation nicht mehr regelmäßig weiterzuführen – und das ist sehr schade. Um den Weg nicht zu verlieren, ist Einsicht in den nächsten Schritt äußerst wichtig.

 

Selbsterfahrung, Selbsterkenntnis: Was immer sich während der Meditation zeigt, sobald man aus dem Raum der Stille heraus das zu entdecken beginnt, was einem vorher nicht bewusst war, ist man schon auf dem Vipassana-Weg. Man erkennt, was der Geist produziert, wie er arbeitet, wie Gefühle entstehen und vergehen, wie Körper und Geist zusammenhängen. Aus dem oft vergeblichen Versuch, sich zu konzentrieren, öffnet sich ein Raum, in dem Selbsterfahrung und Selbsttherapie möglich werden.

 

Die Achtsamkeit hat eine Qualität, die entscheidend ist. In den Anleitungen des Buddha heißt es, man solle den Atem lediglich betrachten, sei er nun kurz oder lang. Das bedeutet, den Atem nicht zu verändern, nicht zu kontrollieren, was oft so geübt wird, sondern ihn so zu lassen, wie er ist. Diese besondere Qualität heißt Akzeptieren, Seinlassen oder Nichtbewerten. Manchmal kann es lange dauern, bis man dem Atem vertraut (es atmet) und ihn nicht mehr beeinflusst. Die gleiche Haltung nimmt man auch für Gefühle und Geisteszustände ein. Man übt diese Meditation, indem man einfach nur erkennt, wie der jeweilige Geisteszustand gerade ist. Das ist aber gar nicht einfach.

 

Akzeptieren bedeutet jedoch nicht, dass es bedeutungslos ist, was geschieht, dass alles erlaubt und willkommen ist, dass nichts bewirkt wird. Im Gegenteil: Die Arbeit besteht darin, durch Nachgeben zu siegen, die unheilsamen Regungen zu überwinden, innere Ruhe, Freude und Glück zu gewinnen. Ehe ich das ausführe, ist noch eine andere Ebene wahrzunehmen.

 

Die Geistesübung findet nicht nur auf dem Sitzkissen und im Meditationsraum statt. Achtsamkeit im täglichen Leben ist eine unverzichtbare Übung und auch dafür gibt es viele Methoden. Ich empfehle die Übung des Innehaltens, also einige Sekunden zu verharren, bewusst zu atmen, den Körper und die Sinne zu spüren, den Moment wahrzunehmen und zu genießen. Auch ist es hilfreich, gewohnte einfache Tätigkeiten, wie etwa Reinigen oder Essen, etwas langsamer und bewusst durchzuführen. Das klingt verlockend einfach, ist es aber nicht, weil solche Handlungen ganz stark von unserer Gewohnheitsenergie bestimmt werden. Eine ganz wichtige Hilfe besteht darin, in einer Gemeinschaft zu üben und von guten Lehrern und Lehrerinnen begleitet zu werden. Den Weg geht man natürlich allein, aber ohne die hilfreichen Hände von Freunden wird man sich zu oft verlaufen oder steckenbleiben.

 

UW86SCHW-Vipassana fuer den westen1Zur Vipassana-Übung im Alltag gehört auch, über das eigene Verhalten nachzudenken und es an ethischen Maßstäben auszurichten. Dazu gibt es verschiedene Richtlinien, die jedoch nicht als einengende und Schuldgefühle erzeugende Vorschriften verstanden werden sollten, sondern dazu dienen, die Achtsamkeit zu verfeinern.

 

Weitere Gebiete der Achtsamkeit: Nicht nur der Atem macht uns den Körper bewusst, man sollte auch meditativ durch den ganzen Körper gehen und die Bewegungen des Körpers als Meditationsobjekt nehmen. Das zweite Gebiet sind die Gefühle. Hier achtet man besonders auf die unangenehmen oder angenehmen Empfindungen und auf die unbewussten Reaktionen von Zustimmung oder Ablehnung. Schließlich kann ein geschulter Geist auch die gedanklichen Prozesse erkennen, die Geisteszustände und Stimmungen und schließlich sogar grundlegende Prinzipien und Wahrheiten über uns selbst und die Welt. Der größte Fortschritt auf diesem Gebiet ist es, wenn man beginnt, die eigenen Gedanken zu erkennen, schädliches Denken zu lassen und positives zu fördern, wenn man lernt zu denken, was man möchte, und schließlich die Gedanken ganz zur Ruhe bringt.

 

Als Unterstützung dieser Stufen kann es hilfreich sein, sich mit grundlegenden Themen und Lehren des Buddhismus oder anderen Weisheitslehren zu beschäftigen. Wenn man den Eindruck hat, je weiter man kommt, desto weniger zu wissen, dann ist das gut und sollte nicht daran hindern, fundamentale Fragen zu stellen, wie beispielsweise: Wer bin ich? Was ist Realität? Was ist heilsam oder unheilsam? Was ist Leiden und wie kann man es überwinden?

 

Schafft man es, durch eigene Motivation und gute Begleitung regelmäßig zu üben, Schwierigkeiten zu akzeptieren und den Geist zu erkennen, dann kann sich dieses Training vertiefen, indem sich unbekannte Räume öffnen. Das hängt überwiegend vom Grad der Sammlung ab, den man jedoch nicht erzwingen kann. Geduld und Loslassen sind hier gefragt. Bleibt der Geist bei einer Sache, verändert sich das Erleben von Körper und Geist. Was anfangs noch ungewohnt und manchmal verstörend wirken kann, ändert sich bald in tiefe Erfahrungen von intensiver Freude, Leichtigkeit und Einheit bis hin zum Aufhören der sinnlichen Erlebnisse und der Gedanken und das Eintauchen in die sogenannten Vertiefungen.

 

Hier öffnet sich nun ein Gebiet, das ein besonderes Merkmal der Vipassana-Meditation für den Westen ist. Wie lassen sich tiefere Erfahrungen fließend in unsere hektische Welt integrieren? Es kann geschehen, dass tiefere Erfahrungen dazu führen, dass man sich weitgehend vom normalen Treiben dieser Welt zurückziehen möchte. Das ist für einige Übende notwendig und gut. Wenn jedoch Vipassana im Westen eine breite Basis finden soll, dann geht es darum, wie wir außergewöhnliche Erfahrungen als Chance nehmen können, mitten im Leben mit den Anforderungen einer verrückten Welt besser umgehen zu können. Das zeitweise Erleben eines ruhigen Geistes, das tiefe Gefühle von Freude und Glück hervorbringt, sollte den Übenden als Basis dienen, um mit schwierigen Situationen, mit negativen Energien, mit dem Wahnsinn unserer Welt besser umzugehen. Wichtig ist dabei, dass solche Erfahrungen auch als vergänglich betrachtet werden und durch weises Anschauen ihre Qualitäten in unsere Einstellung und unser Verhalten fließen. Die praktischen Ergebnisse einer erfolgreichen Vipassana-Übung werden dann sichtbar, wenn sich unsere Arbeitswelt harmonischer gestaltet, wenn wir erfüllte Beziehungen leben, wenn sich Leiden für uns und unsere Mitmenschen verringert.

 

Das könnte für dieses oder viele Leben schon vollkommen ausreichen. Dennoch ist damit das spirituelle Ziel der Übung noch nicht erreicht. Vipassana ist eigentlich keine Methode, sondern bezeichnet ein Ergebnis des Weges, nämlich das intuitive und erlebte Durchschauen der Wirklichkeit, der bestimmenden Gesetze des Lebens. Nur ein Geist, der sich aus den gewöhnlichen Verstrickungen von Gier und Hass gelöst hat, ist dazu in der Lage. Was ist nun zu durchschauen? Die wichtigste Einsicht ist die intellektuell leicht zu verstehende Tatsache, dass alles vergänglich ist. Vipassana heißt, diese Wahrheit auf eine Art und Weise zu ‚sehen', dass das bisher funktionierende ‚System Mensch' vollkommen erschüttert wird. Wenn erkannt wird, dass nichts beständig ist, vor allem unser Selbst nicht, dann hat das Konsequenzen.  Man erkennt, dass Anhaften gesetzmäßig zu immer neuem Leiden führen muss. Solch ein Klarblick führt zu einer natürlichen Lösung, zu einer Abkehr, führt zum Ablegen einer Last, die man bisher unbemerkt immer mit sich getragen hat. Das nennt man Freiheit. Hohe Ziele haben das Problem, dass sie unerreichbar erscheinen. Was unerreichbar erscheint, das wird man früher oder später nicht mehr anstreben. Deshalb ist es auf dem Vipassana-Weg wichtig zu wissen, dass schon mit der ersten Betrachtung des Atems diese Freiheit geschmeckt werden kann. Wenn Sie ruhig sitzen und sehen, wie der Atem kommt und geht, was erleben Sie? Sie können sich entspannen und Sie können keinen Moment festhalten. Sie brauchen nichts zu tun, Sie sind entbehrlich. Wenn Sie einen Augenblick ganz dabei sind, ganz in der Gegenwart, wo gibt es da noch irgendein Problem? Der Buddha fand den Weg zum Erwachen, als er sich erinnerte, wie er als Kind beim Betrachten eines Feldes ganz natürlich in solch einen Geisteszustand kam. Alles war in diesen Momenten in Ordnung, das Glück war grenzenlos. Wer sich eines Tages auf einem Sitzkissen wiederfindet, hat sicher früher schon solche Erfahrungen gemacht, aber vermutlich wieder vergessen. Achtsamkeit heißt auch: ‚sich erinnern'. Die Meditation hilft uns, uns an unsere tiefen Erfahrungen, an unsere Buddha-Natur zu erinnern. Diese ist jenseits von allen Worten und Vorstellungen, doch sie ist real. Vipassana ist ein Weg, dieser Natur zu vertrauen, ein Weg zur Unabhängigkeit.

 

Dr. Paul Köppler ist meditationslehrer und Leiter des Waldhauses am Laacher See. Sein letztes Buch "Buddhas ewige Gesetze" zeigt anschaulich, wie Buddhas Weisheit in unser Leben integriert werden kann. Mehr unter: www.paul-koeppler.de

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