Meditation

Liebevolle Güte und Mitgefühl sind zentral für die Philosophie und den Auftrag des Dalai Lama. Genau diese positiven Emotionen lassen sich mit Hilfe der tibetischen Meditation trainieren.

Der Buddhismus hat im Laufe seiner 2.500-jährigen Entwicklung viele Schulen in vielen Ländern hervorgebracht. Ursprünglich nur mündlich übertragen, finden sich erst mit dem Beginn unserer Zeitrechnung umfangreiche schriftliche Aufzeichnungen der buddhistischen Lehren. Seinen Höhepunkt erreichte der traditionelle Buddhismus in Indien im 8. Jahrhundert, bevor er dort durch das Vordringen des Islam zerstört wurde. Während frühere Formen des Buddhismus in andere Länder diffundierten, gelangte diese differenzierte Form nach Tibet und wurde dort sowohl durch umfangreiche Übersetzungen wie auch durch eine direkte Übertragung von Lehrer zu Schüler tradiert.

Die buddhistische Meditation ist kein Selbstzweck. Sie dient einem Ziel: der Befreiung vom Leiden durch Erkenntnis, der Erleuchtung. In der tibetischen Tradition unterscheidet man drei Stufen der buddhistischen Lehre, sogenannte Drehungen des Rades der Lehre: Eine erste Drehung teilen im Kern alle buddhistischen Schulen. Grundlage und Voraussetzung jeder Meditation ist ein ethisches Verhalten, das darauf abzielt, andere Menschen nicht zu verletzen, weder durch körperliche noch durch psychische Gewalt wie Worte und Lügen. Besonderer Wert wird hier auf die Ethik, die Schulung der Achtsamkeit und das Entsagen von Leidenschaften gelegt. In der zweiten Drehung des Rades (‚Mahayana’) weitet man die meditative Praxis aus und bezieht alle Lebewesen in einer systematischen Entfaltung von Mitgefühl mit ein. Der Grund dafür ist die Einsicht, dass alle Phänomene, alle Lebewesen gegenseitig abhängig sind und keinen dauerhaften Kern besitzen (‚Leerheit’). Die Erkenntnis dieser Leerheit ist das letztendliche Ziel der Meditation. In der dritten Drehung des Rades (‚Vajrayana’) kommt die Lehre von der Buddha-Natur hinzu: Die Leerheit aller Dinge bedeutet keinen Nihilismus. Vielmehr besitzen alle Lebewesen eine innerste Natur, die sich durch bestimmte Meditationspraktiken als Wahrheit der Leerheit erkennen lässt.
Die mit der ersten Drehung des Rades verbundene Meditationspraxis verwendet vor allem zwei Formen, die die Voraussetzung aller anderen Techniken bilden: Shamata und Vipassana. Unter Shamata versteht man das stille, aufrechte Sitzen mit verschränkten Beinen (‚Lotus-Sitz’). Hierbei lässt man die Gedanken einfach zur Ruhe kommen, ohne sie in eine bestimmte Bahn zu lenken. Man kann als ersten Schritt auch die Achtsamkeit auf den Atem richten. Ziel ist hierbei nicht bloß ein entspannter Geist, sondern zugleich die schrittweise Erkenntnis, dass das, was wir ‚Ich’ nennen, sich mit den Gedanken langsam auflöst und als Illusion erweist. Die einfache Form der Vipassana-Meditation besteht in der systematischen Entfaltung der Achtsamkeit. Eine Verlangsamung der alltäglichen Tätigkeiten oder Rituale können hierbei helfen, das bewusste, wache Aufmerken immer mehr zu vertiefen und zu üben.
Die zweite Drehung des Rades – Mahayana – gilt im tibetischen Buddhismus gleichfalls als Grundlage aller Schulen. Die Meditationspraxis richtet sich hier vor allem auf die systematische Entfaltung von Mitgefühl: Man wählt zunächst Menschen aus, die man liebt, konzentriert sich auf dieses tiefe Gefühl der Liebe und weitet dann schrittweise diese Empfindung aus auf alle Menschen und alle Lebewesen. In der noch viel weiter gehenden Lojong-Praxis nimmt man sogar die Negativität anderer Menschen in der Vorstellung in sich auf und verwandelt sie in Leerheit. Mit der zweiten Drehung des Rades ist deshalb untrennbar die Erkenntnis der Leerheit durch eine systematische Analyse des Denkens und der Kritik der darin liegenden Illusionen verbunden. Dies ist eine Voraussetzung aller höheren Meditationsformen in den tibetischen Schulen. Man kann diese philosophische Analyse als vertiefte Form der Vipassana-Meditation betrachten. Nur ein systematisches Studium der Leerheit aller Phänomene verhindert, dass die Meditation nur in eine neue, modische und ich-zentrierte Aktivität verwandelt wird.

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In der dritten Drehung des Rades betont man, dass alle Phänomene letztlich Ausdruck der Buddha-Natur sind. Zielt der frühe Buddhismus darauf ab, möglichst das Greifen nach Dingen und Gefühlen durch Entsagung aufzulösen, so taucht im Vajrayana ein neuer Gedanke auf: Nicht Entsagung, sondern Transformation. Wenn alle Erfahrungen letztlich auch nur Ausdruck der Buddha-Natur sind, dann kann man sie auch für die Erkenntnis nutzen. Hier geht es nicht mehr um die Unterdrückung von Leidenschaften, sondern um deren Verwandlung. So werden Bilder, Thangkas genannt, als Meditationsobjekte verwendet; auch Speisen, Rituale, Gebete, Musik und Tanz – im frühen Buddhismus verboten – werden als geschickte Mittel für die Meditation benutzt. Häufig visualisiert man einen als ‚Gottheit’ oder Form eines Buddha vorgestellten Aspekt einer seelischen Eigenschaft, verbunden mit der Rezitation von Mantras. Es handelt sich hier um die Arbeit mit psychischen Energien, die man dadurch als die eigene Natur erkennt, um sie in die Offenheit der Buddha-Natur zu transformieren. Die Achtsamkeit kann man überhaupt als Tor zur eigenen Buddha-Natur betrachten. Solche tantrischen Meditationspraktiken, die Transformation von Leidenschaften, sind sehr wirksam, können aber in der Regel nur erfolgreich durch die Anweisung eines vertrauenswürdigen Lehrers praktiziert werden. Tschögyam Trungpa sagte einmal: „Tantra ist wie eine Nacht im Bett neben einer trächtigen Tigerin. Man weiß nie, liebkost sie einen oder wird man gefressen.“
Es gibt im tibetischen Buddhismus noch zahlreiche Sonderformen, die von den vier Hauptschulen in Tibet (Nyingma, Kagyü, Sakya und Gelugpa) entwickelt wurden und jeweils Vertiefungen der tantrischen Meditation darstellen. Es werden aber auch Traditionen aufgegriffen, die aus der frühen tibetischen Bön-Religion stammen wie im Dzogchen. Diese Meditationsformen beruhen auf einer mündlichen Übertragung durch Lehrer, auch wenn einige Elemente durchaus allein geübt werden können. So praktiziert man in den alten Schulen (Nyingma und Bön) das stille Sitzen mit weit offenen Augen; man blickt in den blauen Himmel und vereinigt sein Bewusstsein schrittweise mit der offenen Weite des Raumes.
Obgleich im Tantrismus die Idee der Transformation von Leidenschaften in erleuchtete Erkenntnis eine zentrale Rolle spielt, gibt es auch viele tantrische Reinigungspraktiken. Der Gedanke hierbei ist: Um eigene Leidenschaften in reines Bewusstsein auflösen zu können, muss zuerst ethisches Verhalten durch Mitgefühlspraxis zu einer Selbstverständlichkeit geworden sein. Darauf aufbauend gibt es dann spezielle Reinigungsübungen: Man stellt sich zum Beispiel eine Form des Buddha (‚Vajrasattva’) über dem eigenen Kopf vor. Von ihm gehen Lichtströme durch den Körper, die alle Negativität ausspülen. Diese Negativität kann man sich als schwarze Masse vorstellen, die ausfließt und von guten Geistern in reines Licht verwandelt wird. Vor allem bei Krankheiten, Depressionen und seelischer Not hat sich diese geistige Reinigungspraxis als sehr hilfreich erwiesen. ‚Reinigung’ heißt auch hier: Transformation negativer Empfindungen in klare Bewusstheit und eine allumfassende Offenheit und Liebe, die als stilles Glück erlebt werden.

LESE-TIPP:
Dagsay Tulku Rinpoche: Praxis der tibetischen Meditation, Darmstadt (Schirner) 2009
Dalai Lama: Die Essenz der Meditation, München (Ansata) 2001
Shamar Rinpoche: Lojong: Der buddhistische Weg zu Mitgefühl und Weisheit, Oy-Mittelberg (Joy) 2010

MERKMALE DER METHODE
- Die mit der ersten Drehung des Rades verbundene Meditationspraxis verwendet vor allem zwei Formen: Shamata und Vipassana.
- In der zweiten Drehung des Rades richtet sich die Meditationspraxis auf die systematische Entfaltung von Mitgefühl.
- In der dritten Drehung des Rades wird betont, dass alle Phänomene letztlich Ausdruck der Buddha-Natur sind.
- Bilder, Speisen, Rituale, Gebete, Musik und Tanz werden als geschickte Mittel für die Meditation benutzt.

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