Meditation

Stress ist nicht nur nachteilig, Stress kann auch gut sein, gehört vielleicht zum Leben und scheint manchmal notwendig, um geistig zu erwachen. Es gibt verschiedene und zuweilen entgegengesetzte Wege zum buddhistischen Umgang mit Stress.

Ich hatte vor einigen Jahren eine Zeit lang mit einem in den USA lebenden koreanischen Zen-Meister geübt und ein Buch von ihm übersetzt. Die westlichen Menschen verbinden die Meditation meistens mit Entspannung und Beruhigung, doch die grundlegende Methode dieser Zen-Übung bestand darin, Druck aufzubauen, also Stress zu erzeugen, der jedoch durch herkömmliche Strategien des Verstandes nicht aufgelöst werden konnte. Dieser Zen-Meister lehrte jene Form des Zen, bei der die Übenden in permanenter Anspannung leben, weil sie bestimmte geistige Aufgaben zu lösen haben (Kōans), was ihnen oftmals nicht gelingt und zu noch mehr Stress und Frustration führt. Selbst im stillen Sitzen wird Druck erzeugt, weil man in einer angespannten Haltung sitzen soll und sich nicht bewegen darf. Außerdem werden alle alltäglichen Handlungen wie Gehen oder Essen stets sehr schnell ausgeführt.

Nicht nur die Übenden waren daher angespannt, sondern auch der Meister selbst schien ständig unter Strom zu stehen. Er war immer flott unterwegs, liebte es, in seinen Gesprächen mit einem Stock wild durch die Luft zu fahren, und ich erinnere mich, dass ich häufig die Terminplanung mit ihm im Laufschritt von einem Hotel zu einem Veranstaltungsort machte. Als er einmal ins Krankenhaus musste und dort gründlich untersucht wurde, sagte der Arzt, der nicht wusste, wen er vor sich hatte, er empfehle ihm wegen seiner Unruhe, es doch einmal mit Meditation zu versuchen. Diese Geschichte erzählte der Meister mit großem Vergnügen.

Nicht nur im Zen, auch in den Geschichten aus Buddhas Leben findet man viele Beispiele, in denen Mönche durch die intensive Übung in erhebliche Stresssituationen gerieten, ehe sie den Durchbruch zur höheren Weisheit fanden. Wenn heute Methoden der Achtsamkeit zur Reduzierung und Beseitigung von Stress angeboten werden, so kommt es einem vor, als wäre das eigentlich nicht ganz im Sinne des Erfinders. Eine Geschichte aus Buddhas Leben erzählt von einem Mönch, der durch die Übung derart in Zweifel und Stress versetzt wurde, dass er beschloss, sich selbst zu töten. Als er jedoch das Messer an seinen Hals setzte, war seine Achtsamkeit so hoch, dass er die ganze Situation durchschaute und statt Angst große Freude aufkam. Sein Geist wurde ruhig und er erwachte vollkommen. Für den Buddha und seine Nachfolger war Achtsamkeit ein Mittel zur Erkenntnis und keine Entspannungsdroge.

Dennoch sollte man die derzeitigen Tendenzen, Meditation als Mittel der Entspannung und Heilung einzusetzen, nicht verurteilen. Zum einen, weil sie damit endlich in der Mitte unserer Gesellschaft ankommen, zum anderen, weil Beruhigung die andere und gleich wichtige Seite der Achtsamkeit ist. Die angestrebte Ruhe von Körper und Geist beruht nach der Lehre Buddhas auf den Prinzipien des Beobachtens, Zulassens, Loslassens, Nichtkämpfens, Akzeptierens und Geschehenlassens. Schon in der ersten Anweisung zur Atembetrachtung sagt der Buddha, man solle den Atem bewusst machen, ihn jedoch nicht verändern, sondern einfach wahrnehmen, wie er aufkommt und wieder geht.

Das sind die Ansätze, die derzeit im medizinischen und psychologischen Bereich von der buddhistischen Achtsamkeit übernommen und integriert werden. Man spricht bereits von der ‚Achtsamkeitsrevolution' und sowohl chronisch Kranke wie unter Depressionen Leidende erfahren durch das Prinzip des Beobachtens und Annehmens Linderung und Heilung.

In einer der schönsten Saunalandschaften Deutschlands, die wir gerne besuchen, gibt es seit Neuestem eine Sauna als Tempel mit großer Buddha-Statue und geführten Meditationen mit Klängen. Dort zu sitzen ruft wohltuende Entspannung hervor. Ein Zen-Meister aus Vietnam, der in Europa lebt, lässt seine Teilnehmer jeden Tag über eine Stunde liegen, während sie mit geführter Meditation und Gesängen in tiefe Entspannung gebracht werden. Immer mehr Lehrer der Meditation, die ihren strikten Übungsplan aus Asien mitgebracht haben, beginnen allmählich damit, entspannende Elemente und Bewegungsübungen in ihre Kurse einzubauen.

Es ist eine Tatsache, dass sich die Meditierenden sehr oft selbst zusätzlichen Stress und Druck aufladen, indem sie mit Ehrgeiz und Anstrengung versuchen, ihren unruhigen Geist unter Kontrolle und zum Schweigen zu bringen. Das wird allerdings selten gelingen, und zwar deshalb, weil wir im hektischen westlichen Erfolgsdenken ohnehin schon so viel Druck und Stress erfahren, unter dem wir leiden, dass wir auf diese Weise mit der Übung nur noch einen weiteren Baustein zum Zusammenbruch hinzufügen. Ich war ziemlich erschüttert, als mir ein Freund, der selbst seit Jahren meditiert und Meditationsgruppen leitet, enthüllte, dass ein Arzt bei ihm ein klassisches Burnout-Syndrom festgestellt hatte, das unter anderem zu einem anhaltenden Magenleiden geführt hatte. Manche Menschen, wie etwa mein Freund, übertragen den Stress, den sie sich im Alltag machten, auf die Meditation, die meisten Menschen jedoch werden früher oder später mit der Meditation aufhören, wenn sie ihnen mehr Leiden als Freuden bringt.

Wie passt das nun zusammen? Einerseits haben wir da die Meditation als reine Entspannung, als Befreiung von jedem Stress, die heilend wirken kann und in der Lehre des Buddha vom Loslassen begründet ist, andererseits das rechte Bemühen, die Anstrengung, ja das radikale Bestreben, mit großem Druck durch die engen Grenzen unseres Ich zu stoßen, um grenzenlose Freiheit zu erfahren. Es passt sehr wohl zusammen, weil Buddha viele verschiedene Wege zum gleichen Ziel lehrt und weil er den mittleren Weg gefunden hat. Dieser mittlere Weg bedeutet, dass Extreme vermieden werden. Beide Prinzipien, die Anstrengung und das Loslassen, gehören zusammen und wenn sie sich auf geschickte Weise verbinden, was unserem dualistischen Denken schwerfällt, dann entfalten sie jene Kraft, die unsere Sichtweise erneuert und unser Leben wirklich verändert.

Wir leben in einer hektischen Welt mit großem Leistungsdruck und weil wir darauf nicht mehr angemessen reagieren können, kommt es zu Stress und psychischen Problemen. Wenn heute jedoch als neue Ursache für viele geistige Probleme Stress genannt wird, den wir in unserer Gesellschaft recht gut entwickelt haben, so übersehen wir damit, dass Stress durchaus etwas Natürliches ist und gut sein kann, da wir ihn als treibende Kraft gebrauchen können. Vielleicht wäre es ein neuer therapeutischer Ansatz, wenn wir nicht länger versuchen, die Anspannung loszuwerden, sondern die Qualität im Stress entdecken und lernen, ihn in ‚positiven Stress' umzuwandeln.

Die tiefste und radikalste Lehre des Buddha zeigt uns, dass unser Leben, solange es von den bestimmenden Lebenskräften Begehren, Ablehnung und unbewusstem Reagieren gelenkt wird, immer einen guten Teil Stress (der Buddha nennt es Leiden) enthält.

Erstens sagt uns der Buddha, dass Stress nicht vermeidbar ist, zweitens, dass die Ursache von Stress darin liegt, dass wir immer etwas wollen und an etwas hängen. Wenn wir jedoch mit den geeigneten geistigen Mitteln an dieses Wollen herangehen, so ist es möglich, dass wir uns nicht nur aus dem jeweiligen individuellen Stress lösen, sondern auf eine Ebene kommen, in der das Wesen, das Stress erfährt, nicht mehr vorhanden ist. Ich weiß, dass solche Aussagen manchmal ärgern, denn wenn man leidet, ist die Empfindung, dass ich es bin, der leidet, einfach da und es hilft nicht zu sagen, dass es laut der buddhistischen Lehre dieses Ich gar nicht gibt. Doch es könnte helfen, darüber zu reflektieren, dass das Leiden aus der Art und Weise kommt, wie wir unser Ich erfahren, und die Achtsamkeit darauf zu richten, ob wir unser Ich auch anders sehen und begreifen können.

Welches Ziel wir auch anstreben, ob wir unser Leben harmonischer und leidfreier gestalten wollen oder ob wir aus dem Lebenstraum völlig erwachen wollen, zur Verwirklichung brauchen wir beide eingangs erwähnten Wege: die geistige Pille, die den Stress erhöht, bis wir nicht mehr können und unsere gewöhnlichen Strategien zusammenbrechen, so dass sich eine höhere Weisheit offenbaren kann. Und die Pille, die den Stress mindert, bis wir merken, dass jeder Stress sinnlos ist, weil es die Person, die darunter leidet, als abgegrenzte Persönlichkeit gar nicht gibt.

Das sind zwei Wege (und es gibt noch mehr) und ein Ziel: Die Illusion wird durchschaut, die Ansicht über unser Ich und die davon erzeugte Identifizierung wird aufgelöst.

Das ist keine Theorie, auch wenn es so klingen mag. Hier ein praktischer Vorschlag: Wenn Sie sich das nächste Mal in einer stressigen Situation befinden, dann halten Sie einen Moment inne und fragen sich: „Welches Ich wünscht sich was?" Wenn Sie den Wunsch erkennen und sich eventuell davon lösen, dann wird sich auch der Stress auflösen. Wenn sich Stress löst, kann der Geist ruhig werden. Wenn es ruhig wird, kann befreiende Einsicht aufkommen.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren