Meditation

Auf die Frage, wie denn überhaupt Ärger, Streit, Feindschaft und andere unheilsame Regungen entstehen, sagt der Buddha: „All das entsteht aus dem Verlangen. Verlangen entsteht dadurch, dass man zwischen ‚erwünscht' und ‚unerwünscht' unterscheidet." (Sutta Nipata 4/11)

Wer sich aus den Fesseln dieser Regungen befreien möchte, braucht Einsicht und Wissen. Einsicht, dass Ärger letzten Endes schädlich ist, und die Kenntnis von den Mitteln, die ihn überwinden.

 

Ärger ist eine ‚natürliche' Reaktion.

 

Ärger ist in diesem Sinn eine ‚natürliche' Reaktion. Wir nehmen etwas mit unseren Sinnen wahr, darauf folgt Begehren oder Ablehnung und das führt zu Gefühlen und Emotionen, die dann Denken, Worte und Handeln bestimmen. Einfach gesagt: Wenn etwas nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen, dann ärgern wir uns. Warum eigentlich, da doch keiner den Ärger als erfreulich oder angenehm erlebt. Ärger bringt eine Energie hervor, die uns hilft zu handeln. Die Handlung soll dazu dienen, die vermeintliche Quelle unserer Unzufriedenheit zum Schweigen zu bringen. Wer sich jedoch geistig weiterentwickelt hat, wird oft feststellen, dass er dieses ursprüngliche Ziel selten erreicht. Nach Ansicht des Buddha scheint sogar das Gegenteil der Fall zu sein: Ärger, Wut und alle Handlungen, die von Ablehnung und Hass bestimmt sind, bringen langfristig gesehen keinen Frieden, sondern nur neuen Hass und Unfrieden. Selten haben wir den Eindruck, dass wir mit Wut und Ärger eine Situation gut gelöst haben. Vielleicht denken wir trotzdem, dass Ärger auch nützlich sein kann. Hilft er uns nicht, aktiv zu werden, wenn wir uns über bestimmte Zustände und Menschen empören, wenn wir wütend werden? Ist nicht der ‚Wutbürger' in unserer Zeit zu einem Ideal geworden? Ayya Khema hat die Ansicht des Buddha dazu mit folgendem Satz auf den Punkt gebracht: „Es gibt keinen berechtigten Ärger, es gibt nur den unheilsamen Geisteszustand Ärger."
Warum unheilsam? Ärger macht uns unruhig, bringt uns aus dem Gleichgewicht, macht aggressiv oder starr, macht blind und kann uns auf den Magen schlagen. Buddha spricht zu Menschen, die sich vom Leiden befreien wollen. In diesem Sinn liegt das Unheilsame darin, dass Ärger unseren Geist unruhig macht. Nur ein beruhigter und dadurch gesammelter Geist kann jedoch Einsicht erlangen und befreien.

 

Ärger bringt eine Energie hervor, die uns hilft zu handeln.

 

Wie sollen wir nun damit umgehen? Zunächst geht es darum, die Achtsamkeit darauf zu richten, den Geisteszustand zu erkennen, zu akzeptieren, zu erforschen, vielleicht sogar, wie Thich Nhat Hanh sagt, zu umarmen. Ein Prinzip der meditativen Schulung besteht darin, die störenden Hindernisse nicht zu verdrängen, sondern sie zu erkennen und dadurch zu verwandeln, zu transformieren.
Jeder, der das versucht hat, weiß jedoch: Das ist wirklich schwierig. Das bedarf einer gründlichen Schulung der Achtsamkeit. Ohne tägliche Meditation ist der Geist kaum dazu in der Lage.

Eine einfache und wirksame Empfehlung ist es, aus einer Situation, in der man sich über andere ärgert, auszusteigen, den Raum zu verlassen und auf die eigenen Gefühle zu achten. Das ist sehr hilfreich, um zu erkennen und Abstand zu gewinnen. Aber meistens scheitert es schon daran, dass man im Augenblick des Ärgers sich eben daran nicht erinnert. Der buddhistische Begriff ‚Sati' meint nicht nur Achtsamkeit, sondern auch ‚sich erinnern'. Wenn man das schafft, wird man meistens erkennen, dass der eigene Ärger nicht einmal berechtigt war.
Wenn wir noch nicht so weit sind, dann empfiehlt der Buddha das Auftauchen von Wut und Ärger als ein gutes Übungsfeld anzuschauen. Das heißt, wir nehmen diese Geisteszustände als Gelegenheit, unsere Handlungsspielräume zu erweitern. Für Meditierende ist hier ein Punkt besonders wichtig. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen, die bereits verstanden haben, dass Ärger schädlich ist, sich dennoch bei bestimmten Gelegenheiten ärgern. Sie wundern sich, dass sie noch nicht weiter in ihrer spirituellen Entwicklung sind, und beginnen dann, sich über sich selbst zu ärgern. Das ist eine heimtückische Falle auf dem Weg. Da hilft nur, sich klarzumachen, dass es ein großer Fortschritt ist, einen negativen Geisteszustand zu bemerken.

 

Die Übung, die der Buddha oft erklärt, besteht darin, alles zu versuchen, um Wut, Zorn und Ärger schon im Ansatz zu vermeiden, und wenn sie dennoch hochgekommen sind, ihnen keinen Ausdruck zu geben.

 

Die Übung, die der Buddha oft erklärt, besteht darin, alles zu versuchen, um Wut, Zorn und Ärger schon im Ansatz zu vermeiden, und wenn sie dennoch hochgekommen sind, ihnen keinen Ausdruck zu geben. Das ist leicht gesagt, doch auch den ergebenen Anhängern des Buddha muss das schwergefallen sein, denn viele Stellen in den Reden enthalten folgende Anweisungen: „Wenn du merkst, dass du Ärger in Bezug auf einen Menschen hast, dann versuche es mit folgender Einstellung: Verhalte dich freundlich und liebevoll, übe dich in Mitgefühl und Gelassenheit. Schenke diesem Menschen und seinem Verhalten keine übertriebene Aufmerksamkeit. Mache dir klar, dass dieser Mensch selbst die Früchte seines schädlichen Verhaltens ernten wird. ... Sucht nach dem Guten in diesem Menschen, nach dem Wertvollen." (Angereihte Sammlung 5/161) Das sind vier klare Empfehlungen.
Eine hilfreiche Haltung äußert sich in dem Versuch, das, was man an anderen kritisiert, selbst nicht zu machen. Der Buddha sagt: „Wie erfüllt ein Mönch seine Pflicht? Wird er beleidigt, so ist er nicht beleidigt, wird er beschimpft, so schimpft er nicht, wird er kritisiert, so streitet er nicht." (Angereihte Sammlung 6/54)

Vielleicht denken wir, dass solch ein Verhalten eine Strategie ist, die uns hilft, Situationen und andere Menschen zu verändern. Bis zu einem gewissen Grad ist das möglich, man kann jedoch die Wirkung niemals berechnen. Der Buddha sagt da ganz realistisch: „Genauso wenig, wie jemand das Meer mit einem Eimer auszuschöpfen vermag, kann man aus den Menschen dauerhaft friedliche, angenehme und erfreuliche Geschöpfe machen. Sie werden sich mal so und dann wieder so verhalten. Daher sollte man sich sagen: ‚Egal, was sie zu mir sagen, ich werde nicht verärgert reagieren. Ich will aufrichtig und aus tiefem Mitgefühl sprechen und handeln.'" (Mittlere Sammlung 21)

 

Eine einfache und wirksame Empfehlung ist es, aus einer Situation, in der man sich über andere ärgert, auszusteigen, den Raum zu verlassen und auf die eigenen Gefühle zu achten.

 

Ein weiteres Werkzeug liegt in der Stärkung der Überzeugung, dass Ärger ein Übel ist, egal, was uns zustößt. Das krasseste Beispiel dafür gibt der Buddha im folgenden Gleichnis: „Selbst wenn man von Räubern gefangen wird und sie einem mit einer Säge Gelenke und Glieder einzeln abtrennen, sollte man die Übung nicht fallen lassen. Wer nämlich dabei in Wut gerät, voll Hass und Zorn spricht oder handelt, folgt nicht meinem Weg." (MS 21)
Das klingt vielleicht ziemlich abgehoben und unrealistisch. Aber sagt nicht auch Jesus das Gleiche? Ist nicht die Lehre von erwachten Menschen in vieler Hinsicht radikal und gegen den Strom unserer gewöhnlichen Gefühle gerichtet?
In dieser Rede gibt der Buddha jedoch eine Erklärung dafür, warum er so ein starkes Bild wählt. Es spricht zu Mönchen, die sich ständig über die Worte der anderen ärgerten. Zu ihnen sagt der Buddha: „Wenn ihr an dieses Gleichnis denkt, dann wird euch jede noch so böse Rede unbedeutend erscheinen, und ihr werdet sie leicht ertragen können. Behaltet dieses Bild im Gedächtnis, denn es wird euch in vielen Situationen die Richtung weisen, die zu eurem eigenen Heil führt." (MS 21)
Wenn uns dieses Gleichnis zu radikal ist, dann sollten wir überlegen, welches Bild uns helfen könnte, den kleinen und unbedeutenden alltäglichen Ärger sein zu lassen. Manchmal hilft die Vorstellung, dass ein Mensch, über den ich mich gerade ärgere, selbst in Not ist, dass das Leben kurz ist, dass es sich nicht lohnt, dieses ohnehin unsichere Leben mit negativen Gedanken zu erschweren. Finde dein eigenes Gleichnis. Wichtig ist nur, es sich wirklich einzuprägen, so dass du dich in einer konkreten Situation daran erinnerst. Wenn wir das können, dann werden wir fähig, uns auch vom ‚großen Ärger' zu lösen, um den Geist zu beruhigen und den Weg zum Glück vollenden zu können.

 

Dr. Paul Köppler, geboren 1946, hat Philosophie und Theaterwissenschaften studiert. Köppler ist Meditationslehrer und Leiter des Waldhauses am Laacher See. Sein letztes Buch ‚Buddhas ewige Gesetze' zeigt anschaulich, wie Buddhas Weisheit in unser Leben integriert werden kann. Mehr unter: www.paul-koeppler.de

 

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Kommentare   

# Uwe Meisenbacher 2016-03-09 12:07
Hallo Herr Köppler,
genauso praktiziere ich es, mit meist heil-samer Wirkung.
Es ist eine gut praktizierbare buddhistische
Achtsamkeitsübung, unsere Gedanken und
Emotionen heilsam zu verändern.
Dabei kommt heilsameres für andere und für
ein selbst heraus.
Mit freundlichen, heilsamen, aberglaubens-
freien, buddhistischen Grüßen
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