Meditation

Was hat das Essgeschirr hinter meiner Meditationsmatte zu suchen?“, dachte ich, als ich das erste Mal das blaue Päckchen an meinem Meditationsplatz sah. Ich wunderte mich und schloss daraus, dass wir im Meditationsraum essen würden. Doch nein, es kam anders.

Um die Mittagszeit hörte ich plötzlich Gongschläge aus der Küche, und mit diesem Signal standen wir auf, nahmen unser Schalenpäckchen und gingen damit schweigend in den Essraum.

Nur drei Schalen ...

In dem Päckchen sind drei ineinandergestapelte Schalen, ein Tuch zum Trocknen der Schalen, ein Paar Essstäbchen in einer Hülle und oben auf noch ein Tuch. Die Drei-Schalen-Methode, auf Japanisch jihatsu, ist eine äußerst effektive Methode, das Essen zu organisieren. Alles wird aufgegessen, es fällt keine Abwascharbeit an und kein Reiskorn wird vergeudet. Die Beschränkung auf das Nötigste und die Einfachheit lenken den Blick auf den Moment. Man isst schweigend, vollkommen eins mit Essen zum Mund führen, Schmecken und Schlucken. Nach der Gehmeditation in den Essensraum stellen wir das Päckchen auf den Tisch und die Rezitation beginnt. Während des Rezitierens packen wir – angefangen mit den Stäbchen – das Paket aus. Zuletzt stehen die drei Schalen schließlich nebeneinander, die Stäbchen liegen rechts davon. Die Töpfe mit dem Essen kommen nun nacheinander auf den Tisch und werden von einem zum anderen gereicht. Bevor alle zu essen beginnen, macht noch ein Brettchen die Runde. Jeder von uns gibt einige Reiskörner oder etwas anderes von unseren Schalen darauf. Das war mir anfangs fremd und ich dachte: „Aha, das ist die Anti-Gier-Methode!“ Doch heute finde ich es sehr passend. Ich bekomme Essen und von diesem Essen gebe ich wieder etwas her. Es ist egal, wem ich es gebe, Hauptsache, ich gebe es. Ich erkenne, dass durch das Hergeben von ein paar Reiskörnern etwas in mir in Fluss kommt, es fühlt sich richtig an. Nach der Rezitation der fünf Erinnerungen essen wir sehr schnell und konzentriert. Es geht nicht um das langsame Genießen, sondern um schnelles, konzentriertes Kauen, damit wir uns nicht zwischendurch in Gedanken verlieren. Ich will nicht die Letzte sein, daher bewege ich meine Kiefer und Zähne viel schneller als sonst. Das ist nicht gerade angenehm, aber es hilft enorm, ganz bei der Sache zu bleiben. Anschließend kümmert sich jeder darum, seine eigenen Schalen zu säubern. Eine Teekanne kommt auf den Tisch. Wir gießen den Tee in die Schalen, putzen die Schalen mit dem letzten Stück Rettich aus und trinken den Tee, angereichert durch die letzten Essensreste, aus. Schließlich trocknen wir sie mit einem kleinen Tuch, stapeln sie ineinander und packen sie wieder ein. So wird kein Reiskorn übrig gelassen und jeder nimmt sein Päckchen wieder mit an seinen Platz. Die Rezitationen vor und nach dem Essen sind wichtige Teile der Praxis. Berühmt sind die fünf Erinnerungen. Während ich sie rezitiere, stimme ich mich auf das Essen ein. Hier die Übersetzung und einige Gedanken dazu:

DIE FÜNF ERINNERUNGEN

Erstens: Ich denke daran, woher diese Speise kommt und wie viel Arbeit damit verbunden war.

Ich schaue die Karotte an und gehe im Geist nach, wie sie auf den Teller gekommen ist. Wie wurde sie gesät, wo ist sie gewachsen? Sie hat auf dem Acker Sonne, Regen und Wind gespürt und ihre Blätter in die Luft und die Wurzeln in die Erde gestreckt. Nach der Ernte ist sie ihrer Größe nach sortiert in eine Kiste gepackt, Hunderte Kilometer in ein Zentrallager gebracht, gewaschen, verpackt und wieder auf die Landstraße geschickt worden. Bis sie ein Koch schließlich im Supermarkt ausgewählt, gewaschen und geschnitten, in eine Pfanne getan und gewürzt hat. Wie lange so eine Karotte braucht, um zu wachsen und schließlich auf meinem Teller zu landen! Vor dem vollen Teller sitzend, erfassen mich Respekt und tiefe Dankbarkeit. Ein Zen-Kollege sagte mir einmal: „Die fünf Erinnerungen haben mir geholfen, das Essen bewusster zu betrachten, nur – beim Lammfleisch ist mir schlecht geworden, da habe ich die Lämmlein noch auf der Wiese gesehen, aber an das Danach mochte ich dann nicht mehr denken.Bewusst zu essen bedeutet, all das zu akzeptieren, was mit dem Essen und den Menschen und den Tieren, die damit zu tun haben, geschieht. Da mögen sich als Konsequenz wohl manche Essgewohnheiten ändern.

Zweitens: Beim Empfang des Essens ist mir mein eigenes Handeln bewusst.

Im japanischen Originaltext ist die Nuance dieser Zeile interessant. Sinngemäß steht da: Entsprechend dem Fehlen tugendhafter Taten soll die Speise bemessen sein. Ich erinnere mich an das Ende eines Sesshins, als alle Teilnehmer das letzte Mal informell rund um den Tisch saßen. Wir hatten eine Woche lang dreimal täglich gemeinsam gegessen. Die Speisen wurden stets von einem zum anderen gereicht und es gab jedes Mal die Möglichkeit, sich ein zweites Mal zu nehmen. Groß gewachsene Männer füllten sich meistens eine zweite Schale voll, das Essen war gut und sie waren hungrig. Und ich tat das ebenfalls hie und da. Mir fiel jedoch auf, dass unser alter japanischer Zen-Meister sich fast nie ein zweites Mal nahm. Am Ende des Sesshins kam die Erklärung. Er sagte: „Jedes Mal, wenn die Schüssel zum zweiten Mal gereicht wird, überlege ich, ob ich eine zweite Portion verdient habe.“ Das ging mir richtig ins Herz hinein. Volle Schüsseln sind in unserer Kultur selbstverständlich. Und so frage ich mich, wenn ich vor einer vollen Schale sitze: „Was habe ich heute gegeben, damit ich guten Gewissens nehmen darf?“

Drittens: Ich achte darauf, nicht zerstreut oder gierig zu sein.

Im Japanischen heißt es wörtlich: Der Geist soll nicht "zu viel" oder "zu wenig" tun. Ich dachte vorerst, wieso sollte man das mit ‚gierig’ und ‚zerstreut’ übersetzen? Nach einiger Überlegung fand ich diese Übersetzung aber sehr passend. Gierig sein heißt, wir wollen mehr, wir sind ganz im Essen, wir haben Appetit und wollen uns die besten Stücke sichern. Wir halten am Essen und an unserer Portion fest. Ich kenne das sehr genau, weil ich in einem Internat aufgewachsen bin. Da war die Gier groß. Erstens hatten wir Jugendlichen immer Hunger und zweitens war das Essen nur selten wirklich schmackhaft. Daher gab es viel Gerangel um ein Stück Butter oder eine Nachspeise. Da wurde getrickst, eine extra Portion versteckt und verhandelt, wer das größere Stück Kuchen verdient hat. Das war zweifellos ‚zu viel’, im Sinne von gierig. Wenn der Geist andererseits ‚zu wenig’ tut, heißt das, er haftet zwar nicht gierig an, aber er ist auch nicht wirklich beim Essen dabei. Er schweift ab, wir sind zerstreut. Wir stochern im Essen herum und unser Kopf ist beim nächsten Projekt oder vielleicht in Sorge, ob wir nicht vergessen haben, die Katze zu füttern. So ist der Satz ‚Der Geist soll nicht zu viel oder zu wenig tun’ verständlich.

Viertens: Ich schätze dieses Essen, weil es Körper und Geist gesund erhält.

"Essen ist gute Medizin und heilt uns von Altern und Tod", heißt es wörtlich im japanischen Original. Was für eine schöne Vorstellung! Ich esse und fühle, wie die Nahrung meinen Körper stärkt und dass ich durch die Gabe der Speise fröhlich und stark die nächsten Stunden leben kann. Wenn ich bewusst und in Dankbarkeit den Bissen zum Mund führe, jubelt jede Zelle.

Fünftens: Ich empfange diese Gabe, um allen Wesen zu nutzen.

Im Zen sagt man: „Auf mich selbst achtend, achte ich auf die anderen, auf die anderen achtend, achte ich auf mich selbst.“ Zwischen mir und anderen Menschen gibt es äußerlich einen Unterschied, im Grunde gibt es keinen. So empfange ich diese Gabe, um selbst gesund und voller Energie zu sein, genauso aber auch, um andere Wesen zu unterstützen und ihnen zu dienen. So wie das ganze Leben als Übung begriffen werden kann, ist das Essensritual der Mönche eine besondere Gelegenheit dazu.

Kommentare   

# Yogini 2016-04-25 15:09
"Drittens: Ich achte darauf, nicht zerstreut oder gierig zu sein."
Ist meiner Meinung nach am Wichtigsten!
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# Albert Pichler 2016-08-27 15:50
Buddhistisches Tischgebet:

This food is the gift of the whole universe
-earth,
- the sky
and much hard work.

May we live in a way
that is worthy of this food.

May we transform our unskillfull states of mind,
especially that of greed.




May we eat only foods that nourish us and prevent illness.

May we accept this food for the realization
of the way of understanding and love.

Thich Nhat Hanh in Living Buddha, living Christ p. 27

Als Ergänzung zu Ihrem sehr wertvollen Beitrag ein Tischgebet von Tich Hat Hanh, das ich gerne spreche.
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