Leben

Die Schriftsteller Jack Kerouac, William S. Burroughs und Allen Ginsberg wiesen ein Faible für den Buddhismus auf, der ihre Sehnsucht nach spiritueller Befreiung stillen sollte.

Ich sah die besten Köpfe meiner Generation, vom Wahnsinn zerstört, hungernd hysterisch nackt, / sich im Morgengrauen durch Negerstraßen schleppend auf der Suche nach einem zornigen Fix, / engelsköpfige Hipster, in verzehrender Sehnsucht nach der uralten himmlischen Verbindung zum Sternen-Dynamo in der Maschinerie der Nacht ....

– Mit diesen Strophen beginnt eines der berühmtesten Gedichte der jüngeren Literaturgeschichte, verfasst vom US-Lyriker Allen Ginsberg (1926-1997). Neben seinen engsten Weggefährten Jack Kerouac (1922-1969) und William Burroughs (1914-1997) zählt er zu den Zentralfiguren der Beat Generation, die vornehmlich aus einem losen Netz von dionysisch-homosexuellen Männerbündnissen bestand. Ferner werden mit ihr u.a. die Schriftsteller Gary Snyder, Neal Cassady, Michael McClure, Philip Whalen, Philip Lamantia, Gregory Corso und Lawrence Ferlinghetti assoziiert. Die Beat Generation, benannt in Analogie zur Lost Generation (F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, Gertrude Stein u.a.), war also ein bunter Zirkel avantgardistischer US-Schriftsteller, allesamt geboren in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ihr Name enthält jene semantische Doppeldeutigkeit, welche gleichermaßen über ihren Lebensvollzügen schwebt: geschlagene Beatniks auf dem Weg zur glückseligen (beatific) Selbstfindung. Dabei gaben sie sich freizügig einem möglichst intensiven, rauscherfüllten Dasein hin. Dichtung, Bebop-Jazz, Reisen, Drogenmissbrauch und Promiskuität waren die Mittel ihrer Wahl. Aber auch die Hinwendung zu fernöstlichen Religionen, insbesondere dem Buddhismus, diente als willkommene Möglichkeit zur Entwicklung eines ‚neuen Bewusstseins'. Insofern kann die Beat Generation durchaus als eine spirituelle Bewegung gedeutet werden. Allen Ginsberg teilte die Geschichte der Beat Generation in vier Phasen ein: Am Beginn stand das Zusammentreffen der Schlüsselautoren und deren spirituelle Befreiung, gefolgt vom Verfassen der Schlüsselwerke, woraufhin eine Phase des Kampfes gegen die Zensur einsetzte. Schließlich brachten es die Beat-Literaten zu zweifelhaftem Ruhm. Insbesondere Jack Kerouac sollte an seiner Wandlung vom Antihelden zum gefragten TV-Star zerbrechen.


Jack Kerouac stammte als Sohn frankokanadischer Immigranten aus bescheidenen Verhältnissen. 1950 veröffentlichte der zur Galionsfigur der Beat Generation hochstilisierte Romancier ‚The Town and the City', sieben Jahre später den Kult-Roman ‚On the Road' (dt. ‚Unterwegs'). Letzterer ist eine Chronologie jener wilden Tramp-Touren quer durch die Vereinigten Staaten bis nach Mexiko, die Kerouac mit seinem manisch veranlagten Busenfreund Neal Cassady unternommen hatte. Umgangssprachlich verfasst, enthält ‚On the Road' neben inneren Monologen so manches schelmenhafte Element, ist Bildungs- wie Schlüsselroman und in einem auffallend temporeichen, dem Jazz nachempfundenen Sprachrhythmus verfasst. Die sagenumwobene Entstehung seines Klassikers beschreibt der Kulturjournalist Wolfgang Kos so: „...nach der Begegnung mit Neal Cassady, dem »Propheten« und »Heiligen« des Outsidertums, verdichtete und überhöhte ... Kerouac das Erlebte 1951 in einem rauschhaften Schreibvorgang". Überliefert sei, dass ‚Speedy Jack' in diesen legendären drei Wochen wie in Trance und ohne Rücksicht auf Satzzeichen oder Absätze auf einer Endlosrolle 186.000 Wörter getippt hätte. Seine literarischen Ergüsse am Ende jener Schreiborgie mussten ihm am Boden ausgerollt wie eine Landstraße erschienen sein. Auf ‚On the Road' folgten zahlreiche weitere Erzählungen sowie das eine oder andere Gedicht. Die fast 37 Meter lange Manuskriptrolle des Bestsellers ‚On the Road' wurde 2001 für 2,43 Millionen Dollar bei Christie's in New York versteigert – die bis dahin höchste Summe für ein literarisches Dokument. 1974 gründeten Allen Ginsberg und Anne Waldman die ‚Jack Kerouac School of Disembodied Poetics', an der bis heute kreatives Schreiben unterrichtet wird. Sie ist Teil der Naropa University, einer privaten buddhistischen Lehrstätte in Boulder, USA. Als Kerouac den Buddhismus für sich entdecken sollte, lebte er im Alter von einunddreißig Jahren wieder bei seiner Mutter, hatte Probleme mit Unterhaltszahlungen und fand keinen Verleger für seine Bücher. So begann er zu meditieren, studierte buddhistische Literatur und versuchte, einen asketischen Lebensstil zu pflegen. „Er war wirklich ein einzigartiger Typ – ein französisch-kanadischer Hinayana-buddhistischer Beat-Gelehrter", erinnerte sich Allen Ginsberg. Kerouac verfasste zwei buddhistische Arbeiten, eine Lebensgeschichte des Buddha mit dem Titel ‚Wake up' sowie eine hundertseitige Zusammenfassung der buddhistischen Lehre unter dem Titel ‚Some of the Dharma'. Der Einfluss des Buddhismus findet sich auch in zahlreichen literarischen Werken, beispielsweise in ‚The Dharma Bums' (dt. ‚Gammler, Zen und Hohe Berge'). In Kerouacs zuvor entstandener Erzählung ‚On the Road' taucht unter dem Pseudonym ‚Old Bull Lee' der Schriftsteller William Burroughs auf, der ihm und Ginsberg als Mentor dienen sollte.

William S. Burroughs war ein aus gutem Hause stammender Romancier, der lange Zeit mit schweren Drogenproblemen zu kämpfen hatte. Der reisefreudige Harvard-Absolvent entwickelte bereits in jungen Jahren ein abartig anmutendes Faible für bewusstseinserweiternde Substanzen, Handfeuerwaffen und Stricherjungs. Ein Mann, der 1937 in Europa eine Jüdin durch Heirat vor den Nazis rettete und 1951 in Mexiko seine zweite Ehefrau versehentlich erschoss. Burroughs' Roman ‚Naked Lunch' zählt neben Kerouacs ‚On the Road' und Ginsbergs Gedicht ‚Howl' zu den großen Texten der Beat Generation. Er publizierte seinen ersten Roman ‚Junkie' 1953, sechs Jahre später sein aufgrund unzähliger drastischer Darstellungen von Sex und Gewalt mit Zensur belegtes Werk ‚Naked Lunch'. Der Roman wurde später von David Cronenberg (‚Die Fliege') verfilmt. Die darin beschriebenen Ereignisse finden in den fiktiven Staaten Freeland, Annexia und Interzone statt, von wo der Ich-Erzähler vom bunten Treiben degenerierter Subjekte berichtet. „Die Anordnung der einzelnen Abschnitte in ‚Naked Lunch'", so Burroughs rückblickend, „ergab sich aus der Reihenfolge, in der das Material – zufällig – zum Drucker gelangte." So verwundert es auch nicht, wenn Burroughs seine Texte nach der sog. Cut-up-Methode ganz bewusst willkürlich teilte und neu angeordnet wieder zusammenführte, um Kontinuitäten aufzubrechen und den traditionellen geschlossenen Erzählstil zu überwinden. Burroughs versuchte zwar ebenso wie seine Freunde Kerouac und Ginsberg, neue Wege des literarischen Schaffens zu beschreiten, deren Begeisterung für den Buddhismus teilte er jedoch nicht. Folglich finden sich auch kaum explizite Spuren dieser Religion im Werk des Underground-Literaten. Eine Ausnahme stellen seine Aufzeichnungen aus einem zweiwöchigen Retreat im tibetisch-buddhistischen Meditationszentrum ‚Tail of the Tiger' dar. Doch gerade darin spricht er seine Überzeugung aus, dass sich die buddhistische Praxis negativ auf die schriftstellerische Tätigkeit auswirke. Dass der Gründer des Zentrums, Chogyam Trungpa Rinpoche, von Burroughs als Retreat-Teilnehmer erwartete, sich vorübergehend von seiner Schreibmaschine zu trennen, bestätigte nur dessen schlechte Meinung über den Wert des Buddhismus für einen Schriftsteller. Burroughs stand Religionen generell skeptisch gegenüber und machte beim Buddhismus keine Ausnahme. Dennoch beschäftigte er sich von allen Beat-Autoren als erster mit dem Buddhismus und praktizierte eine Zeit lang Yoga. Daraus resultierte schließlich die Überzeugung, dass die Menschen im Westen für ihre Probleme eigene Lösungsansätze finden müssten und nicht einfach jene des Ostens übernehmen könnten. Ganz anders sollte das jener Dichterkollege sehen, der mit dem Gedicht ‚Howl' (dt. ‚Das Geheul') ein feuriges Manifest der Beat Generation verfasste und in der Folge eine der populärsten Figuren innerhalb der Jugend- und Protestbewegung wurde.


Allen Ginsberg studierte als Sohn von Immigranten russisch-jüdischer Abstammung an der New Yorker Columbia University und war anschließend als Gelegenheitsarbeiter tätig. Mit seinen Veröffentlichungen erging es ihm ähnlich wie Burroughs – sie riefen die Zensur auf den Plan. Ginsbergs ‚Geheul' der Revolte und des Schmerzes setzt sich aus drei Teilen und einer ‚Fußnote' zusammen. Im ersten Teil erfahren wir von einer zermürbten Gemeinschaft von Außenseitern: „Ich sah die besten Köpfe meiner Generation, vom Wahnsinn zerstört, hungernd hysterisch nackt." Im zweiten Teil spricht Ginsberg aus, was an dem beschriebenen Elend Schuld trägt: „Welche Sphinx aus Zement und Aluminium schlug ihnen die Schädel auf und fraß ihnen das Hirn und die Phantasie heraus?" Die Antwort lautet: „Moloch!" – Offenbar ein Synonym für das kapitalistische System. Der dritte Teil ist eine wiederholte Anrede an Carl Solomon, einen Insassen der Irrenanstalt Rockland. In der Fußnote wird schließlich alles Sein und Geschehen heiliggesprochen. Ginsberg warb Zeit seines Lebens für Pazifismus, Toleranz gegenüber Homosexuellen sowie für ein neues spirituelles Bewusstsein. In seiner Poesie verschränkte er Autobiografisches mit anarchistischem Aufbegehren gegen die Kälte westlich-kapitalistischer Massengesellschaften. Wie seine Freunde pflegte er weite Reisen zu unternehmen, Drogen zu konsumieren, für Jazz zu schwärmen und sich mit fernöstlichen Befreiungswegen auseinanderzusetzen. Das Entscheidende des Beat-Seins bestehe seiner Ansicht nach darin, ‚auf eine gewisse Nacktheit zurückgeworfen zu werden, in der sich die Welt auf visionäre Art sehen läßt'. In einer von großer Einsamkeit geprägten Lebensphase erfuhr Ginsberg während der Lektüre von William Blakes Gedicht ‚Ah Sunflower' derart überwältigende Visionen, dass diese die nächsten 15 Jahre seines Lebens beherrschen sollten. „Mir wurde schlagartig klar, das ist es! ... Das ist der Augenblick, dessenwegen ich auf der Welt war", dachte Ginsberg, als er die Stimme William Blakes vernahm, gegen Himmel blickte und dort Gott erkannte. Das Bedürfnis, diese Visionen erneut zu erfahren, sollte ihn fünfzehn Jahre seines Lebens quälen. In dieser Zeit konsumierte er wiederholt bewusstseinserweiternde Drogen und begab sich auf spirituelle Reisen. Während seines Indien-Aufenthalts erhielt Ginsberg eine Audienz bei Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama und konsultierte unzählige Gurus. Insbesondere den Rat des Tibeters Dudjom Rinpoche nahm er sich zu Herzen: „Wenn du etwas Schreckliches siehst, halte dich nicht daran fest. Wenn du etwas Schönes siehst, halte dich nicht daran fest." Seine buddhistischen Lehrer waren neben Jack Kerouac, der ihn erstmals mit der Lehre in Kontakt brachte, der Zen-Gelehrte D. T. Suzuki sowie die tibetischen Lamas Chögyam Trungpa und Gelek Rinpoche.


Die Beat Generation mit ihrer Vision eines ästhetisch-mystischen, von Rastlosigkeit und Exzessen geprägten Lebensvollzugs, fernab des vom Mittelstand propagierten ‚American Way of Life', öffnete die weiten Pforten eines alternativen Amerika. Sie verstand es meisterhaft, die Grenzen zwischen Leben und Kunst zu sprengen und so die kühne Idee von radikaler Authentizität Wirklichkeit werden zu lassen. Ihr zorniger Aufschrei war pure Rebellion gegen die Lustfeindlichkeit und Borniertheit sowie den Materialismus und Militarismus der 50er Jahre. Noch Jahrzehnte später sollte dieser Impuls von den Hippies, Punks, den schwarzen Autoren und der Frauenbewegung aufgenommen werden. In den unterschiedlichsten Variationen klingt er bis in unsere Tage nach. Einst von der Peripherie des Kulturbetriebs ausgehend, avancierte die Beat-Bewegung schon bald zum fest verankerten Gehalt westlicher Kulturindustrie. Ihre aufrichtige Auseinandersetzung mit dem Buddhismus trug gleichermaßen zur Verbreitung und Popularisierung dieser Lehre bei.

 

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