Leben

Der Weltreisende und Vater von zehn Kindern, Andreas Heimlich, baut einen Tempel in einem einsamen Wald bei Wien. Über das Leben eines außergewöhnlichen Menschen, der keine Krisen kennt, von Höflichkeit nichts hält und auch kein Geld braucht.

Was führte zu Ihrem ungewöhnlichen Lebensweg?
Es gibt eine schwere Kindheit, denn meine Eltern waren Zeugen Jehovas. Sie lebten eine Doppelmoral. So wie mein Vater wollte ich nie werden. Als 16-Jähriger bin ich weggegangen und habe gesagt: „Danke, Papa, du hast mir alles gezeigt, was ich nicht machen soll.“

Welche Doppelmoral lebten Ihre Eltern?
Die Höflichkeit. Sie waren extrem höflich zueinander. Höfliche Menschen verlassen ihr Bewusstsein. Man wird chemisch. Sie funktionieren einfach verstandesmäßig, chemisch ist immer der Verstand. Gefühle, wahres Gefühl und Intuition, sind unser höheres Bewusstsein. Unser Weg zu Gott, wenn es Gott in dem Sinne gibt. Gott ist nicht Zeugen Jehovas, Gott ist das Beste in uns, das Nächste in mir. Ich kann sagen „Ich liebe dich“ und ich kann es von ganzem Herzen sagen. Der Nächste sagt: „Bist deppert, wie kannst du sagen, ich liebe dich?“ Es ist einfach Gottesfurcht vor der Natur, du bist ein Teil der Natur. Kein persönlicher Gott. Du bist ein Teil des Baumes, du bist die Luft, du bist alles, was wir sind. Die Gnade, demütig zu sein, die Dinge so zu sehen, habe ich immer gehabt. Habe ich nichts, habe ich noch immer viel, denn ich habe zwei Hände und zwei Füße. Habe ich einen Fuß nicht mehr und eine Hand nicht mehr, habe ich noch immer eine Hand und einen Fuß, also kann ich noch immer glücklich sein. Die Demut war mein bester Freund und der Tod. Mit 12 Jahren wäre ich fast gestorben, wegen Fieber, und habe mich eigentlich schon gefreut, nicht mehr da zu sein. Ich war in diesem Tunnel drinnen, schon am Ende, und bin dann wieder zurückgekommen. Es war wunderbar, ein warmes, wunderbares Gefühl. Es hat mir auch die Angst genommen, Dinge zu entscheiden, denn ganz egal, was passiert, ich bin nur auf Besuch da.

94 Ich bin angstlosSie haben zehn Kinder?
Sex, reiner Sex, sonst wäre ich nie dazu gekommen.

Wie ist das mit so vielen Kindern?
Andreas Heimlich: Ich habe es genossen, Kinder haben zu dürfen. Bis auf das Erste habe ich alle Kinder ganz ohne Hebamme selbst entbunden.

Ganz schön mutig.
Ich habe meine Entities, mein höheres Selbst, damit herausgefordert. Ich rede mit meinen Entities und frage: „Darf ich das, oder nicht?“

Entities?
Das sind Engel, Bewusstseinszustände. Menschen sind unterschiedlich. Es gibt ‚Schwinger‘ und es gibt ‚Steher‘. Ich bin ein Steher. Die meisten schwingen von ihrem Verstandesbewusstsein zu ihrem Gefühlsbewusstsein. Sie müssen erst beurteilen, bevor sie verurteilen können. Ich nehme mir das gar nicht heraus, ich beurteile und verurteile nicht.

Für Ihre Frau waren die vielen Kinder auch ein reines Vergnügen?
Andreas Heimlich (schaut seine Frau an): Ja, das sagt sie auch selber. Sie wollte es und sie war sehr gerne schwanger und sie hätte gerne noch mehr Kinder bekommen. Die biologische Zeit war aber abgelaufen.

Petra Heimlich: Ja, die Kinder waren immer mein Wunsch, es ist toll, schwanger zu sein, und so viel Liebe bekomme ich auf keine andere Art und Weise.

Und die Kinder selbst?
Petra Heimlich: Die finden das auch gut, dass sie so viele sind.

Hatten Sie jemals Zweifel oder Krisen?
Nie. Auf der ganzen Welt kennen sie uns als ‚die‘ Segelfamilie. Das gibt es nicht oft, dass einer mit seinen Kindern so viele Jahre über den Atlantik segelt. Wir haben unsere Kinder auch immer selbst unterrichtet.

Wie kam es zur Vision des Tempels?
Das Nachbargrundstück war zu kaufen. Ich habe gespürt, dass es eine gute Sache ist, wenn man etwas baut, was selbstlos ist. Das war mir wichtig. Ohne Erwartung etwas zu tun. Wenn ich den Kindern Geld gebe, mache ich ihnen damit überhaupt keinen Gefallen.

Wer hat den Tempel geplant?
Adolf Krischanitz. Er hat mir fünf Jahre lang den Plan versprochen und nie geglaubt, dass ich das durchziehe. Nur mit einem Arbeiter habe ich 300.000 Steine persönlich aus dem Wald geholt. Adolf habe ich mit meiner Willenskraft begeistert.

Konnte der berühmte Architekt Ihre Lebensart gleich verstehen?
Nein, das können die wenigsten. Weil ich ohne Höflichkeit bin und eine hohe Distanzlosigkeit habe. Damit konnte er sich anfänglich nicht anfreunden.

Wie können Sie sich das alles leisten? Haben Sie viel Geld?
Materielles ist mir nicht wichtig, die Notwendigkeit, es zu haben, gab es nie. Es war immer da, wenn ich es gebraucht habe. Ich habe eigentlich nichts und habe alles machen dürfen. Ich mache, was ich machen kann, und ich kann mich auch reduzieren auf nichts. Ich kann auch Bohnen mit Reis essen. Es muss nicht teuer sein, denn alles, was teuer ist, fordert deine Seele. Finanzielle Sicherheit habe ich keine. Ich habe meine Uhrensammlung und meine sieben Autos verkauft, um den Tempel fertigzustellen. Ich habe jetzt nichts mehr. Der Verstand macht uns krank und das Gefühl, sein zu dürfen, hält uns gesund. Das war immer meine Philosophie, ob es jetzt richtig oder falsch ist, weiß ich nicht. Mir hat es gedient. Ich lebe lieber in einer Grashütte und bin frei. Die Menschen, die ich mit hohen finanziellen Sicherheiten kenne, sind alle nicht glücklich.

Wie steht Ihr Frau Petra zu dem Tempel?
Es ist gut, dass sie involviert ist. Frauen sind materielle Wesen. Sie hat immer nur einen gewissen Betrag im Monat bekommen. Oft hat sie das Einkaufswagerl wieder ausräumen müssen, weil die Visa-Karte nicht mehr gegangen ist.

Sind Sie Buddhist?
Nein. Ich habe den Dalai Lama in Florida mit seinen Mönchen gesehen. Jeder Einzelne von ihnen hat geleuchtet und ist ein Vorbild für ein wahres Leben. Wahrscheinlich trägt der Dalai Lama keine Steine aus dem Wald, aber in seiner Zufriedenheit ist er wahrhaftig. Es wäre eine Ehre für mich, den Tempel im buddhistischen Gedankengut weiterzugeben.

Sie gehören einer anderen spirituellen Richtung an?
Nein, überhaupt nicht. Es gibt auch keine Einschränkungen für die Benützung des Tempels – außer einer: egoistisch zu sein.

Was wird der Tempel in einem Jahr sein?
Hoffentlich trägt ihn niemand weg, wenn ich nicht da bin! Ich hätte gerne, dass er selbstlos verwendet wird. Man soll den Dingen nicht nachlaufen. Wenn es nicht kommt, kommt es nicht, ich werde sicher nichts dafür tun, dass es kommt. Wenn man sagt, es gelingt nicht, dann kann es nicht gelingen. Ich habe nicht gewusst, wie weit ich komme. Ich bin angstlos, wirklich angstlos. Das erhöht mein Bewusstsein. Man braucht keine Sicherung, wenn man sich selber sichert. In dem Moment, wo man darüber nachdenkt, dass man fallen könnte, fällt man.

Und die Zukunft?
So lange ich sehen kann, riechen kann, schauen kann und meine Sinne verwenden kann, lebe ich gerne. Jeder Mensch lebt gerne, außer er nimmt Antidepressiva, dann lebt man für fünf Stunden gern und die restlichen 19 Stunden nicht mehr gern. Es ist gut, mit seinem Bewusstsein bewusst zu sein.

 

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