Gesellschaft

Wie wir lernen können, durch Bescheidenheit glücklich zu werden, und warum wir denen, die fast nichts haben, sehr viel abgeben sollten. In den vergangenen Jahren lässt sich ein ‚Glücks-Boom' auf dem Büchermarkt beobachten.

Sogar europäische Staatenlenker fordern Glück als neues Maß für den Reichtum. Ökonomen, bislang vorwiegend als wissenschaftliche Dolmetscher der Geldgier aufgefallen, entdecken die Glücksforschung. Dabei wird das kleine buddhistische Land Bhutan mit seiner Messung des ‚Bruttonationalglücks' sogar zum Vorbild. In scharfem Kontrast dazu beobachten wir weltweit soziale Unruhen, die von ganz anderen Fragen umgetrieben werden: Dort geht es um das Elementarste, um steigende Lebensmittelpreise oder um die Gewalt tyrannischer Herrscher. Ist die neuerdings in Mode gekommene Rede vom ‚Glück' also nur ein Feigenblatt, für das auch der Buddhismus herhalten muss? Es wird hilfreich sein, das Verhältnis von Glück und Ökonomie genauer zu betrachten.

Glück entsteht in buddhistischer Diagnose dadurch, dass man die Ursachen des Leidens beseitigt. Das Leiden hat in der Gegenwart vor allem zwei Formen angenommen: eine ökonomische und eine militärische. Nur einige Hinweise zur Ökonomie: 2010 sind die Weltmarktpreise für Lebensmittel durch spekulative Attacken um 30 Prozent gestiegen. Die Weltbank warnt vor Hungerkatastrophen. Im Gegenzug: Die Banken, nach der Finanzkrise 2008 durch Steuergelder ‚gerettet', verdienen wieder: Die Bonuszahlungen an der Wall Street stiegen 2010 um 17 Prozent – auf 20,3 Milliarden Dollar. Es wird weiter munter auf Kosten massenhaften Elends Geld verdient. Regierungen und Zentralbanken stützen die Urheber dieser menschlichen Katastrophe durch ‚Rettungsschirme' und die Notenpresse. Würde man nur die Bonuszahlungen der Wall Street auf die Bevölkerung Bangladeschs verteilen, so stiege dort das Pro-Kopf-Einkommen um ein Drittel. Die Welt leidet unter einer atemberaubenden Ungleichverteilung des Reichtums.

Die zweite Form des Leidens wird durch Kriege verursacht, die nur durch Waffen und gut gefüllte Kriegskassen möglich sind. Das Institut SIPRI aus Stockholm zählt für das Jahr 2009 in 16 Ländern 17 größere bewaffnete Konflikte. 1,53 Billionen US-Dollar werden weltweit für Rüstung ausgegeben, 54 Prozent davon allein von den USA (während 43,6 Millionen US-Bürger in Armut leben). Deutschland, drittgrößter Waffenexporteur der Welt, hatte 2010 einen ‚Verteidigungsetat' von 29,5 Milliarden Euro. Um auch das in Relation zu bringen: Man diskutierte in Deutschland heftig um die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze – der Unterstützung von Menschen mit zu geringem Einkommen. Mehr als fünf Euro waren der Regierung zu viel. Würde man den Verteidigungsetat nur um 20 Prozent kürzen, so stünden jedem Hartz-IV-Empfänger nicht fünf, sondern 76 Euro mehr zur Verfügung.

Was zeigt dieser kleine Überblick? Die weltweite Organisation unserer Wirtschaft und der sie begleitenden Politik beruht überwiegend auf einer destruktiven Verwendung der finanziellen Mittel bei einer gleichzeitig massiven Ungleichverteilung.

Was ist die Ursache für das damit verbundene weltweite Leiden? Ich möchte diese Frage etwas grundsätzlicher beantworten. Die gewaltig gewachsene Erdbevölkerung konnte sich nur durch eine ganz spezifische Organisation der menschlichen Wirtschaft entwickeln. Das herausragende Merkmal hierbei ist die Arbeits- und Bedürfnisteilung. Während einfache Völker für ihre eigene Nahrung selbst sorgen, hat der moderne Kapitalismus eine völlig neue Form entwickelt – jeder kennt sie und betrachtet sie als Selbstverständlichkeit: Arbeit und Konsum sind nahezu völlig getrennt. Die Ökonomen nennen die Arbeit ein ‚Leid' und billigen nur den Konsumgütern einen Nutzen zu, der für das Glück der Menschen verantwortlich sein soll. Der Großteil der Bevölkerung weltweit geht einem Job nach, erhält dafür Geld, verwandelt sich anschließend vom Arbeitenden in einen Konsumenten und steht im Kaufhaus einem vielfältigen Warenangebot gegenüber. Die Arbeitsinhalte sind durch die Eigentümer der Unternehmen und damit durch das Diktat der Finanzmärkte fremdbestimmt. In der Arbeit findet man nur mäßige Befriedigung, ganz zu schweigen von ‚Glück'. Also wird das Streben nach Glück in den Konsum verlagert. Dort dürfen wir auswählen aus dem, was andere anderswo im Auftrag der Marktforscher gefertigt haben – begrenzt durch unseren Geldbeutel. Diese Arbeits- und Bedürfnisteilung ist die Wurzel des Übels.

 

Fremdbestimmte Arbeit wird manchmal Zufriedenheit, kaum aber Glück ermöglichen.

 

Denn aus der Glücksforschung kann man Folgendes lernen: Das Glück der Menschen erwächst aus eigener Aktivität, aus kreativer Betätigung und alle Menschen haben kreatives Potenzial. Die moderne Ökonomie hat die innere Einheit von Aktivität und Konsum zerrissen und damit das Glück systematisch ge- oder zerstört. Fremdbestimmte Arbeit wird manchmal Zufriedenheit, kaum aber Glück ermöglichen. Und für etwa ein Drittel der Weltbevölkerung mit einem Einkommen von zwei Dollar pro Tag stellt sich ohnehin nur die Frage des Überlebens. Nur jene, die kreativ sein können in ihrer Tätigkeit, werden sie auch als Glück empfinden. Das Streben nach Glück wird im modernen Kapitalismus in ein Streben nach äußeren Konsumgütern transformiert. Dabei lassen sich durchaus kreative Aspekte beobachten: Wenn man ein neues Produkt kauft, ist es vorübergehend spannend. Das neue Handy macht einen vielleicht sogar kurzzeitig glücklich (falls man es bedienen kann). Doch die Gewöhnung hebt diesen Kick rasch auf und man braucht eine frische Dosis an Neuheit. So verwandelt sich das Streben nach Glück in das irrationale Streben nach immer mehr. Und weil man zum ‚immer mehr' des Konsums Geld braucht, wird das Streben nach mehr Geld, die Geldgier, zur universellen Untugend.

 

Die Gier ist die Ursache allen Leidens.

 

Zwei weitere Beobachtungen runden das Bild dieser globalen Verblendung in der Wirtschaft ab. Erstens ist Geld nicht nur ein Diener und Vermittler, sondern wird systematisch – früher von Wucherern, heute von Unternehmen und Banken – benutzt, um mehr Geld erlangen zu können – jeweils auf Kosten anderer. Dies gelingt durch schlichte Ausbeutung der Arbeit (Niedriglöhne, Billiglohnländer, Intensivierung der Arbeit) und durch Manipulation der Märkte. In jüngerer Zeit haben sich hier die Banken auf allerlei betrügerische Finanzprodukte (Derivate) spezialisiert, die sie Pensionsfonds und Privatanlegern anbieten. Das Ergebnis zeigte die Finanzkrise 2008, wobei heute der wieder erstarkte Markt mit betrügerischen Finanztiteln die nächste Krise vorbereitet – dieses Mal nicht durch Manipulation von Immobilien-, sondern von Lebensmittel- und Rohstoffpreisen. Ein zweiter Punkt ist langfristig noch viel wichtiger. Während die Geldgier sich im Finanzsektor oftmals auf die systematische Betrügerei von anderen Menschen bezieht, findet sie in der Natur, in den Ökosystemen ein Objekt vermeintlich ohne Widerstand. Die Vervielfachung des globalen Konsums frisst sich immer tiefer in die Ressourcen der Erde und kontaminiert im Gegenzug Binnengewässer, Meere, den Boden und die Atmosphäre. Chronischer Süßwassermangel, Bodenerosion, Artensterben, überfischte, vergiftete Meere und ein durch CO2 aufgeheiztes Weltklima sind die Folge.

Die buddhistische Diagnose bleibt also richtig: Die Gier ist die Ursache allen Leidens, nur müssen wir diesen Satz präzisieren. In der Geldgier und im Streben nach immer mehr Konsum offenbart sich ein krankhaft umgelenktes Streben nach Glück. Es ist krank, weil es auf Unwissenheit beruht. Diese Unwissenheit ist institutionalisiert in all den Formen globalen Wirtschaftens. Sie materialisiert sich in den Finanzinstitutionen, in den Staatshaushalten mit ihren gewaltigen Militärbudgets, in der Werbung, den Bildungseinrichtungen, die auf Leistung und Tempo drängen, in den Medien, die das Nichtwissen bebildern und reproduzieren. Nichtwissen, nach buddhistischer Analyse die eigentliche Ursache von Samsāra, dem Kreislauf des Leidens, ist nicht einfach eine individuelle, womöglich psychologisch zu kurierende Fehlleistung. Das Nichtwissen ist die wirtschaftliche Wirklichkeit und ihre denkende, mediale und wissenschaftliche Reproduktion.

Wie kann, vor dem Hintergrund dieser Diagnose, gleichwohl Glück verwirklicht werden? Es gibt den traditionellen Weg, den Buddha zuerst seinen Mönchen vorgezeichnet hat: Der Abschied von der Welt, der individuelle Rückzug in die ‚Hauslosigkeit'. Ein Leben in äußerer Bescheidenheit, dem eigenen Geist zugewandt, um in ihm alle Anhaftungen zu reinigen und darin ‚das Glück der Erlösung' (Udāna I,3) zu gewinnen. Dieser Weg des Geistestrainings kann auch teilweise im Arbeitsalltag beschritten werden, ergänzt durch gelegentliche Retreats. Er bildet die Grundlage. Doch damit allein lässt sich das Leiden von 6,5 Milliarden Menschen nicht mindern, nur vereinzelt meistern. Die spätere buddhistische Praxis bezeichnete diesen Weg als ‚kleines Fahrzeug'. Das ‚große Fahrzeug' können wir als engagierten Buddhismus bezeichnen. Hierbei spielt das Einüben von Mitgefühl eine zentrale Rolle. Doch individuelle Übung genügt nicht. Ein wirklich engagierter Buddhismus muss sich einmischen in das falsche Getriebe dieser Welt, muss die ökonomischen Zusammenhänge kritisch aufdecken und in Zusammenarbeit mit allen engagierten Menschen Lösungen ausprobieren, die Geldgier und Konsumwahn einschränken.

 

Glück heißt Aktivität – gemeinsam mit anderen Menschen, in enger Verbindung mit der Natur, in Freude an Erkenntnis, Schönheit und liebender Güte.

 

Die offenbare ökologische Katastrophe lässt uns gar keine andere Möglichkeit. Es ist keine Frage, ob, sondern nur, wie die Menschen ihre globalen Bedürfnisse beschränken. Die richtige Erkenntnis macht den Anfang. Darauf aufbauend scheinen mir mehrere Schritte unumgänglich: Erstens muss das globale Geldsystem von den parasitären und manipulierenden Finanzmärkten befreit werden. Es gibt dazu viele Teillösungsansätze: globale Kontrollinstitutionen, Regionalwährungen, eine stärkere Rolle der Edelmetalle usw. Zweitens sind dabei Spekulanten und Banken institutionell an die Leine zu legen und die Kriegsbudgets der Staaten drastisch zu reduzieren. Dass Menschen sich gegen Preistreiberei und Gewaltherrschaft durchaus wehren, zeigt die jüngste Entwicklung und offenbart die Dringlichkeit dieses Schritts. Drittens muss die globale Ungleichverteilung der Güter rasch beendet und die Selbstständigkeit der Frauen in vielen Ländern gestärkt werden. Nur so ist auch das Bevölkerungswachstum zu begrenzen. Viertens wird der Raubbau an den Natursystemen nur freiwillig beendet werden, wenn die Menschen unmittelbar erfahren, wie sie in die Natur eingebunden sind. Das wird vermutlich nur geschehen, wenn die extreme Arbeits- und Bedürfnisteilung durch die Globalisierung wieder deutlich zurückgeführt wird. Wer einen engen Bezug zu seinen Lebens-Mitteln (im weitesten Sinn) bekommt, an ihrer Entstehung wenigstens als Erfahrender teilnimmt, der gewinnt gerade daraus ein ganz neues Lebensglück, das Ersatzhandlungen wie Freizeitvergnügen und Urlaubsreisen nicht bieten können. Auch hier heißt das Stichwort: Regionalisierung, verbunden mit einer neuen Gemeinwohlorientierung. Fünftens gilt es, auf allen nur erdenklichen Wegen die Programmierung des menschlichen Geistes auf Erwerb, Geschwindigkeit, ‚Individualität' und mediale Lüge aufzuheben. Hier kann gerade das buddhistische Geistestraining ein sehr positives Angebot für die Erziehung und die Wissenschaften machen.

Glück heißt Aktivität – gemeinsam mit anderen Menschen, in enger Verbindung mit der Natur, in Freude an Erkenntnis, Schönheit und liebender Güte. So nimmt man in einer Bescheidenheit bezüglich materieller Güter niemandem etwas weg, sondern beschenkt ihn. Und man kann denen, die fast nichts haben, sehr viel abgeben. Das Geld trennt uns vom anderen und von der Natur. Wir empfinden diese Trennung als Mangel und so verwandelt sich das Suchen von Glück in ein letztlich immer vergebliches Streben nach mehr Geld. Wer in einer Gemeinschaft an anderen sein Maß findet, wer die Umwelt als natürliche Schranke achtet und darin Schönheit erfährt, der strebt nicht nach mehr, sondern nach Vertiefung. Glück erwächst aus diesem Geist, aus gemeinsamem, aktivem Mitgefühl, der Zufriedenheit bezüglich materieller Güter und der Freude am Geben. Wenn das viele Menschen verstehen, können wir vielleicht den beschleunigten Raubbau an natürlichen Systemen stoppen und die nächsten Weltwirtschaftskrisen verhindern. Je weniger wir diesen Weg gehen, desto mehr erzwingen soziale und natürliche Katastrophen diese Bescheidenheit durch vermehrtes Unglück.

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